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Wirtschaftsminister Habeck bei einem Besuch in Duisburg Quelle: dpa

Putin treibt Habeck in die Fundi-Falle

Beat Balzli
Beat Balzli Ehem. Chefredakteur WirtschaftsWoche Zur Kolumnen-Übersicht: Balzli direkt

Russland greift die Ukraine an. Spätestens jetzt muss Deutschland sich vom Kreml-Gas unabhängiger machen. Wirtschaftsminister Habeck setzt auf Realpolitik, seine Basis nicht. Dieser Grundsatzkonflikt wird vieles bremsen.

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Der krude Geschichtsunterricht verfehlt seine Wirkung nicht. Indem Putin der Ukraine ihre Staatlichkeit abspricht und als untrennbaren Teil der russischen Geschichte darstellt, dürfte er vielen Russinnen und Russen aus der Seele sprechen. Die Sehnsucht nach alter Größe lebt. Der Zerfall der Sowjetunion in den Neunzigerjahren empfinden viele bis heute als Trauma. Kreml-Herrscher Boris Jelzin wirkte meist betrunken, Wegzölle wurden mit vorgehaltener Pistole einkassiert, und die Armee musste Atomkraftwerke mit Panzern schützen. Putin räumte mit dem Chaos auf, und alles wurde besser, lautet die simple Version des gängigen Narrativs. Dafür verzeihen ihm manche fast alles – selbst die Diktatorenallüren und die desaströse Wirtschaftspolitik.

Schon die Annexion der Krim im Jahr 2014 passt in diese Erzählung, doch Deutschland nahm sie nicht als Warnschuss wahr, im Gegenteil. Berlin verkaufte auch noch seinen größten Gasspeicher an die Russen und trieb das Pipelineprojekt Nord Stream 2 weiter voran. Spätestens mit dem russischen Angriff auf die Ost-Ukraine muss jetzt in Deutschland auch den Letzten klar sein, dass die existenzielle Abhängigkeit von russischem Gas keine zukunftsfähige Strategie mehr sein kann. Selbst SPD-Kanzler Olaf Scholz verabschiedet sich von Nord Stream 2. Wirtschaftsminister Robert Habeck setzt auf den Bau eines LNG-Terminals – obwohl ihm die Klimaschädlichkeit und die Kosten von Flüssiggas nicht entgangen sind.

Die Realität zwingt Habeck zur Realpolitik – und in die Fundi-Falle. Denn seine Basis zieht nicht mit. Die Grünen aus Schleswig-Holstein sprechen sich gegen ein LNG-Terminal aus. Die weitere Förderung deutscher Erdgasvorräte scheitert ebenfalls am politischen Widerstand. Für die reine Lehre des Klimaschutzes opfern deren Anhänger selbst die Krisenprophylaxe, die ohne fossile Energie nicht funktioniert.

Dieser Konflikt liefert einen Vorgeschmack auf den weiteren Verlauf der Energiewende. Habeck schafft den Ausbau der erneuerbaren Energie nur mit Kompromissen, die mancher in seinen Reihen als Verrat empfinden und bekämpfen wird. Dieser Reflex bremste bereits in den vergangenen Jahren den Ausbau der Windenergie aus. Das Narrativ von der bräsigen großen Koalition, die in Sachen Klimaschutz nichts zustande brachte, entspricht eben höchstens der halben Wahrheit. Krude Geschichten gibt es nicht nur in Russland.

Mehr zum Thema: Zusätzliche Windanlagen im Meer sollen einen bedeutenden Teil unseres Strombedarfs decken. Ob das auch gelingt, hängt an wenigen Großprojekten – deren Fertigstellung teilweise fraglich ist. Das große WiWo-Energiewende-Tracking.

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