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Digitalisierung: Danach kommt die Kreativierung Quelle: imago images

Schumpeter würde auf Schweine wetten

Heute gewinnen Unternehmen, die sich schnell und schlau digitalisieren. Was viele dabei vergessen: Morgen reicht das nicht mehr.

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Jede Woche wird in Berlin eine neue Sau durchs Dorf getrieben. Seit Kurzem sind sie meistens digital. Zwar wird im Politikbetrieb teilweise immer noch gefaxt, aber nach Jahren wirkungsloser Absichtserklärungen bewegt sich in Regierungskreisen endlich was.

Angela Merkel und ihre Ministertruppe wollen endlich die digitale Wende schaffen – also den Sprung vom gefühlten Entwicklungsland in die Zukunft. Scheinbar unstrukturiert schießen jede Menge Digitalprojekte aus dem Boden. Digitalräte, Cyberagenturen, Digitalgipfel, irgendwas mit Sprunginnovationen und so weiter. Den roten Faden sucht man vergeblich. Immerhin gibt es Geld und viel Willen.

Eher K.o. statt KI

Der Standort Deutschland steht bislang eher für K.o. statt KI. Die USA haben das Silicon Valley, China hat einen Plan und Deutschland die große Koalition. Das klingt nicht wie ein Wettbewerbsvorteil. Die jüngsten Initiativen seitens des Staates ändern daran nicht viel, das Bonsai-Referat KI von Wirtschaftsminister Peter Altmaier sowieso nicht. Aber wenigstens läuft ein Bewusstwerdungsprozess, wenigstens gibt es die leise Hoffnung auf bessere Rahmenbedingungen für deutsche Unternehmen.

In der aktuellen Standortdiskussion schwingt jedoch ein großer Denkfehler mit. Eine moderne Infrastruktur und komplett digitalisierte Firmen sind nur die notwendigen Grundvoraussetzungen für zukünftige Wettbewerbsfähigkeit – und keineswegs hinreichende. Sie sind ein Mittel zum Zweck. Darauf kann man sich nicht ausruhen. Wenn das Neuland zum Standard wird, von der Kür zur Pflicht, dann gibt es den Vorsprung nur durch Technik nicht mehr. Dann zählen einzigartige Inhalte, um sich von den Wettbewerbern abzuheben. Nach der Digitalisierung kommt die Kreativierung. Und das dürfte die ultimative Herausforderung werden: Das regelmäßige Finden der bahnbrechenden Idee hatte schon der österreichische Kultökonom Joseph Schumpeter einst im Sinn, als er sein Konzept der schöpferischen Zerstörung niederschrieb.

Einen ersten Vorgeschmack liefern ein paar dänische Bauern und der deutsche Wurstproduzent Hans-Ewald Reinert. Sie wollen die Fleischindustrie revolutionieren und die Gesundesser für sich gewinnen. Dafür treiben auch sie jede Woche eine Sau durchs Dorf – nur in echt und ohne Antibiotika. Deutsche Schweinezüchter wehren sich noch gegen den neuen Trend. Das könnte irgendwann ihren Untergang bedeuten – egal, wie digitalisiert sie dann sind.

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