Balzli direkt: Sind wir nicht alle ein bisschen „Scheißegal-Nation“?
Aus made in Germany wird mad in Germany.
Foto: imago imagesDer Redner ist vielen zu reich, zu glamourös und zu umstritten. Der historische Kontext ist ein anderer. Der Ausspruch gilt als abgekupfert. Und doch passt kaum etwas besser zu Deutschland im Jahr 2022 als die zentrale Stelle in der ersten Rede des US-Präsidenten John F. Kennedy. „Frag nicht, was dein Land für dich tun kann, frag, was du für dein Land tun kannst.“
Das Land sind wir. In diesem Land gibt es kein Erkenntnisdefizit. Aus made in Germany wird mad in Germany. Aus Qualität wird Qual. Bundesministerien faxen, das Bahnbistro bleibt kalt, Großprojekte scheitern, Behördengänge erinnern an Omas Jugendzeiten, Nationalmannschaften dilettieren, die Verteilung der Kitaplätze erfolgt nach dem Faustrecht... Deutschland wandelt sich vom Vorbild zur Metapher für Dysfunktionalität – und leider auch für eine nie da gewesene Anspruchsinflation. Der Staat boxt uns raus, lautet die in der multiplen Krise von Corona bis Energiepreisexplosion erneut gelernte Lektion. Der Rundum-Wohlfühlstaat wächst und wächst und wächst – und mit ihm die Sozialabgaben.
So weit, so bekannt, und so klar. Oder doch nicht? In der Diskussion um die ambitionslose Pannenrepublik geht gerne vergessen, dass diese Dysfunktionalität kein abstraktes Wesen ist, kontrolliert von unbekannten Mächten und jedem Zugriff entzogen. Nein, sie folgt einem Mindset, welches nicht im luftleeren Raum entsteht, sondern das 80 Millionen Deutsche mitprägen, hinnehmen oder verdrängen. Wir alle sind Wähler, Kunden, Angestellte, Mobilitätsteilnehmer, Nachbarn, Patienten, Steuerzahler oder Mitmenschen. Wir sind alle irgendwie Teil der „Scheißegal-Nation“, wie es ein Stuttgarter IT-Unternehmer kürzlich formulierte. Womit wir wieder bei John F. Kennedy wären und der Frage, was jeder Einzelne für das Land tun kann.
Antwort: Eigenverantwortlich das Beste geben und schaffen zu wollen, nur zu genügen reicht nicht. Immerhin existieren im Land Reste dieses Exzellenzdenkens, zeigt der Global Innovation Index. Viele Jahre schafften es die Deutschen nicht mehr in die Top Ten. Dann feierten sie ein Comeback, jetzt klappte gar ein Aufstieg auf Platz acht. Das muss der generelle Trend für 2023 sein. Oder in den Worten von Kennedy: „Wir müssen die Zeit als Werkzeug benutzen, nicht als Couch.“
PS: Hiermit verabschiede ich mich als Chefredakteur der WirtschaftsWoche. Der Austausch mit Ihnen hat mir sehr viel Spaß gemacht. Ich hoffe, wir lesen uns bald an anderer Stelle wieder.
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