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Finanzsystem: Tabus liefern Populisten eine Steilvorlage Quelle: dpa

Tabus helfen nur den Populisten

Zehn Jahre nach der Pleite von Lehman Brothers sind Banken schärfer denn je reguliert. Für alles braucht es mehr Eigenkapital – außer für Staatspapiere.

Keine Bundesregierung hat je ein größeres Versprechen abgegeben. Und keine hat je so hoch gepokert. Als Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück am 5. Oktober 2008 vor die Presse traten, um eine Garantie für alle deutschen Sparguthaben zu verkünden, war das ziemlich gewagt – und für die Bürger eine riskante Wette.

Wenige Wochen nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers lief in Deutschland ein unsichtbarer Bankensturm. Mitten in der Finanzkrise fürchtete sich alle Welt vor Bildern wie nach dem Crash im Jahr 1929. Vor den Instituten standen damals Menschen Schlange und wollten ihr Geld abheben. Der GAU für jedes Finanzsystem.

Geldautomaten existierten 1929 noch nicht. 79 Jahre später schon. Die Deutschen standen darum nicht vor dem Schalter Schlange, sondern holten nebenan aus den Maschinen raus, was das Zeug hielt. Geldtransportfirmen schoben Nachtschichten. Wo sonst eine Fuhre pro Woche reichte, mussten Automaten jetzt mehrmals pro Tag nachgeladen werden. Das blieb auch dem Kanzleramt nicht verborgen. In der Not entschloss man sich zur Garantie sämtlicher Bankguthaben. Prompt nahmen danach die Bargeldeinzahlungen wieder zu. Die Politik hatte das Schlimmste verhindert – und dabei arg geblufft. Die Garantie war weder gesetzlich bindend noch in dieser Dimension haltbar.

Staatliche Versprechen tragen immer ein Restrisiko in sich. Das galt während der Finanzkrise nicht nur für Merkels Garantie, sondern viel mehr noch für Griechenlands Schulden. Doch auch zehn Jahre nach Lehman hat diese Erkenntnis immer noch keine Folgen fürs Finanzsystems. Die Banken sind heute härter denn je reguliert. Risiken müssen mit mehr Eigenmitteln abgesichert werden – aber eben nicht alle. Staatspapiere aus der EU gelten unverändert als risikolos. Wer sie kauft, muss in seiner Bilanz kein Eigenkapital dafür vorhalten. Es ist ein fatales Anreizsystem für die Spieler im Schuldenmonopoly – egal, ob auf der Seite der Banken oder der Staaten. Die prekäre Situation in Italien liefert den Beweis für die schuldentreibende Wirkung.

Wer das Finanzsystem wirklich krisenfest machen will, darf keine Tabus kennen. Das Vertrauen in die Institutionen schwindet sonst noch mehr. Die Populisten haben schon von der letzten Finanzkrise überproportional profitiert. Noch eine Steilvorlage sollten wir ihnen nicht liefern.

Zehn Jahre Finanzkrise

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