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Quelle: dpa

Wir brauchen viel mehr Orgien

In Zeiten von Corona ist nicht die Öffnungsdiskussion das Problem, sondern das Fehlen einer Deregulierungsdebatte – vor allem auf dem Arbeitsmarkt.

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Er ist wieder da. Der Schlag-die-Kanzlerin-Moment. Der nächste Angriff auf Angela Merkel. Kaum ein Mensch in dieser Republik wird so leidenschaftlich gehasst, verflucht und auf den Mond gewünscht. Diesmal macht sie es ihren Gegnern leicht. In einer Videokonferenz der Parteiführung fährt sie aus der Haut und kanzelt die Debatte über Lockerungen der Anti-Corona-Maßnahmen als „Öffnungsdiskussionsorgie“ ab. Die Reaktion darauf artet zu einer Vorwurfsorgie aus. Nichts weniger als das Demokratieverständnis der ersten Frau im Staat wird infrage gestellt. „Unverschämt“, gehört zu den netteren Kommentaren.

So viel Schaum vor dem Mund zeugt von wenig Souveränität der Merkel-Kritiker. Aber natürlich darf ein Land diskutieren, welchen Exit-Plan man verfolgen soll, damit die Infektionsstürme wegbleiben und sich die Kosten für die Wirtschaft deckeln lassen. Dass in Deutschland nicht nur über 80 Millionen Bundestrainer wohnen, sondern neuerdings ebenso viele Virologen, macht die Sache leider nicht einfacher.

Das größere Problem ist jedoch, dass neben der Aufregung um das Merkel-Zitat wichtige Themen untergehen, die man ebenso orgiastisch diskutieren sollte. Allen voran gehört dazu der real existierende Regulierungswahnsinn, der für die Bewältigung der Coronakrise zur Riesenhürde werden dürfte, vor allem auf dem Arbeitsmarkt. Denn auf das Coronavirus folgt das Rezessionsvirus und im Herbst das Pleitevirus. Über drei Millionen Menschen stehen dann ohne Job da, schätzen Ökonomen.

Noch schauen die Deutschen mit einem mitleidigen Blick über den Großen Teich. Dort lässt die amerikanische Hire-and-fire-Philosophie die Arbeitslosenzahlen gerade explodieren. Hierzulande halten dagegen ein undurchschaubares Dickicht von Gesetzen, arbeitnehmerfreundliche Arbeitsrichter und die Kurzarbeitergeld-Regelung die Zahlen tief.

Doch das wird sich ändern. Und kaum erholt sich die Wirtschaft, entstehen in den USA neue Jobs fast ebenso schnell wie sie verschwunden sind. Nicht so in Deutschland. Nach jeder Rezession sinken die Erwerbslosenquoten nur sehr langsam. Die Firmen fürchten sich vor Neueinstellungen, woran auch ein temporärer Erlass der Sozialabgaben nichts ändern würde. Die Angst muss ihnen endlich mithilfe einer sozial verantwortbaren, aber effektiven Deregulierung genommen werden. Sie würden es mit einer Orgie feiern – zusammen mit den Arbeitslosen.

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