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Bargeld in der Kulturgeschichte Kein Bank Run ohne Bares

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Nur Bargeld erfüllt das Versprechen der Freiheit

Und das ist noch nicht alles. Der Soziologe Niklas Luhmann hat den Vertragscharakter des Geldes in seiner Systemtheorie aufgewertet und dabei auf die Bedeutung des Geldes als Kommunikationsmedium hingewiesen.

Dahinter steht der aristotelische Gedanke, dass die Zahlung den direkten Austausch von Gütern gewissermaßen unterbricht – und dass das Geld bei diesem Austausch eine Schuld speichert, die erst beglichen ist, wenn der Empfänger einer Zahlung seinerseits eine Zahlung leistet: Das Geld, so Aristoteles, ist „für einen späteren Austausch gleichsam Bürge“. Der spezifisch moderne Clou der Überlegung besteht nun darin, dass durch eine schier endlose Zahlungskette eine Art horizontaler Gesellschaftsvertrag zwischen den Benutzern des Geldes gestiftet wird: Mit der allseits akzeptierten und stets sichtbaren (!) Verwendung von Geld versichern sich die Bürger laufend seines materiellen und sozialen Wertes.

„Der wichtigste Effekt des Mediums Geld“, so Luhmann, besteht darin, „dass die Zahlung Dritte beruhigt“, die Zeugen dieser Zahlung sind. Anders gesagt: Geld stiftet ein soziales Band, eine Gemeinschaft der Geldbenutzer, in der es jedem Einzelnen erlaubt ist, mit der ideellen Zustimmung aller auf knappe Güter zuzugreifen.

Dieses Band der Solidarität wird mit der Abschaffung des Bargelds zerrissen: Das Geld ist keine Nachricht mehr, in der sich Bürger wechselseitig über die Funktionstüchtigkeit der Wirtschaftsordnung informieren – der horizontale Gesellschaftsvertrag zerstört. Stattdessen ist Geld als soziale Tatsache nur noch vertikal sichtbar, als Datenaustausch zwischen Emittent und Bürger.

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Noch schwerer wiegt, dass auch der vertikale Vertrag zwischen Souverän (modern: das Ensemble von Regierungen, Notenbanken und Geschäftsbanken) und Bürger mit dem Verschwinden des Bargelds irreparabel beschädigt, weil nur noch einseitig kündbar ist: Ein Misstrauensvotum des Bürgers (bank run) gegenüber seinem Souverän ist nicht mehr möglich, während umgekehrt dem Souverän bei der Umstellung von Marktwirtschaft auf Geldsozialismus keine Zins- und Inflationsgrenzen mehr gesetzt sind.

So gesehen, hätten am Ende Dostojewski und Tolstoi recht. In einer bargeldlosen Welt ist Geld kein privates Eigentum, für dessen bleibenden Wert der Emittent bürgt, sondern ein Kredit auf der Basis asymmetrischer Machtverhältnisse – ein Kredit, der dem Geld das ihm innewohnende Vertrauen entzieht, weil er vom Souverän jederzeit widerrufen werden kann. Ein solches Geld ist kein Versprechen der Freiheit mehr. Sondern ein Synonym staatlicher Willkür.

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