Baupolitik der Bundesregierung „Es gibt auch Bezirke, da dauert die Genehmigung drei Jahre“

Das sagt einer der größten Bauunternehmer Berlins über die Baupläne der Bundesregierung Quelle: dpa

Markus Becker ist Geschäftsführer bei Kondor Wessels, einem der größten Bauplaner in Berlin. Im Interview spricht er über das Regierungsziel von 400.000 Wohnungen jährlich – und warum es Widerstände erzeugt.

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WirtschaftsWoche: Herr Becker, wenn Sie im Ballungsraum Berlin bauen wollen, in welche Probleme laufen Sie als erstes hinein?
Markus Becker: Sie spielen bestimmt auf die Kostenfrage an. Es stimmt, wir erleben gerade eine Diskussion darüber, dass wir als Branche keine Kapazitäten und kein Material mehr hätten. Dann geht es darum, dass es seit Corona nicht mehr genug Holz gebe, Stahl teuer geworden sei und so weiter. Aber ich will hier nur für unser Unternehmen sprechen: in den vergangenen zwei Jahren ist kein Haus auf Grund von Lieferschwierigkeiten, Material- oder Kapazitätsengpässen bei Handwerkern und Subunternehmern zu spät fertig geworden. 

Was ist dann das Problem?
Wir als Unternehmen haben erhebliche Schwierigkeiten bei der Baulandbeschaffung. Es fehlt an Grundstücken, die man erwerben könnte. Mit dem Bau selbst hat das aber wenig zu tun.

Das klingt alles in allem gar nicht so dramatisch mit dem Bau in Deutschland.
Unser größtes Problem sind die Baugenehmigungen. Das hat mit dem Beginn der Corona-Pandemie zugenommen. Seitdem arbeiten viele Ämter der Stadt im Homeoffice. Dort scheint die digitale Anbindung schlechter zu sein, die Bearbeitung dauert länger. Dazu kommt, dass der Senat Berlins oft andere Ansichten hat als die Bezirke, die wiederum in vielen Fällen noch einmal die Anwohner zu Bauvorhaben befragen. Das finde ich grundsätzlich auch wichtig. Aber, wer viele Leute fragt, bekommt auch viele Antworten. Und verliert Zeit.

Können Sie das einmal konkret beziffern?
Es gibt Bezirke, da dauert eine normale Genehmigung drei Monate, es gibt auch Bezirke, in denen wir rund drei Jahre warten. Die Schlagkräftigkeit der Ämter scheint in der Corona-Zeit sehr eingeschränkt zu sein, um es einmal vorsichtig zu formulieren.

von Philipp Frohn, Martin Gerth, Niklas Hoyer

Kann die Stadt Berlin in so einer Lage 20.000 Wohnungen pro Jahr bauen? Kann ein neues Bundesministerium für Bau 400.000 im ganzen Land bauen?
Ich verwende jetzt einmal einen viel zitierten Satz für die Bauindustrie: Wir schaffen das. Sowohl die 20.000 in Berlin, als auch die 400.000 auf Bundesebene. Mit einer Abstufung: Das plötzliche Wegfallen der KfW55-Förderung Anfang des Jahres macht das Erreichen der Ziele im ersten Jahr wesentlich schwieriger. Das waren Mittel, mit denen private Investoren als auch staatliche Wohnungsbaugesellschaften sicher gerechnet haben. Bauaufträge konnten dann plötzlich nicht mehr ausgelöst werden. Die letzten Förderungen wurden jetzt doch angenommen und mit zukünftigen Maßnahmen können wir das wieder aufholen. Ich glaube allerdings, dass gerade private Projekte die entstandenen Kosten auf die Mieter abwälzen werden. Im öffentlichen Bereich ist das schwieriger, dort entsteht schlicht eine Kostenlücke. 

Kann das also zu einem Problem für die ebenfalls geplanten 100.000 günstigen Sozialwohnungen werden?
Ein Problem ja, ein Hindernis nein. Wir sehen seit Jahren, dass der Ruf nach mehr Sozialwohnungen immer lauter wird. Wir als Anbieter bauen ja nach Auftrag, also kommen wir dem gerne nach und bauen auch günstigere Wohnungen. Das passiert normalerweise auf landeseigenen Grundstücken. Aber auch hier ziehen die Preise an. Im September 2020 konnten wir pro Quadratmeter inklusive Planung, Bau und Abnahme noch 2400 Euro berechnen. Heute sind es sicher 2600 Euro. Unsere Art des Bauens, also seriell mit Fertigteilen, hält die Verteuerung relativ stabil. Wir können mit diesen Preisen also weiterhin halbwegs kostengünstigen Wohnungsbau anbieten. Die Stadt muss dafür aber eben auch das Bauland anbieten, auf dem das möglich ist.

Es gibt zahlreiche Initiativen in Berlin, die genau das kritisieren: Die Stadt bebaue die wenigen verbliebenen Grünflächen in ihrem Besitz um jeden Preis. Sie nehme damit Anwohnern die Luft zum Atmen.
Natürlich zieht der Ruf nach bezahlbarem Wohnen und damit auch kostengünstigem Bauen genau solche Debatten nach sich. Zu starke Verdichtung der Städte wird dann plötzlich zum Problem für die bereits dort lebenden Anwohner. Wenn mir direkt vor mein Wohnzimmer ein Haus gebaut wird, dann kann ich natürlich für den sozialen Wohnungsbau sein und mich trotzdem fragen: Warum ausgerechnet hier? Solche Widersprüche finden auch in der politischen Opposition zum Wohnungsbau ihre Entsprechung. Die Entscheider werden einen Weg finden müssen, hier fairen Ausgleich zu schaffen.

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Es gibt eine dritte Perspektive in der Industrie: Weg von vermeintlich dogmatischen Neubau-Zielen und hin zu mehr Sanierung und Ausbau.
Das ist vor allem eine Perspektive der Handwerks-Verbände und bezieht sich normalerweise auf den Aufbau von neuen Stockwerken auf bestehende Häuser. Aber so werden Sie keine 400.000 Wohnungen im Jahr hinbekommen. Und beim Thema Aufstocken macht Ihnen auch die Kostenfrage einen Strich durch die Rechnung. 

Können Sie das erläutern?
Dachgeschosswohnungen zu bauen, ist extrem teuer. Es wäre schön, wenn andere Verbände bei solchen Fragen mehr auf die Stimmen aus dem industriellen Bau hören würden. Aufstockungen bei Altbauten etwa sind meistens sehr schwierig, da müssen etwa die Fundamente ertüchtigt werden – und das ist teuer. Mit solchen Maßnahmen wird niemals der kostengünstige Wohnungsbau möglich gemacht werden. Sie können höchstens Teil eines Gesamtkonzepts sein.

Mehr zum Thema: Die Bundesbauministerin will jährlich 400.000 neue Wohnungen, die Bundesregierung stellt aber gleichzeitig für die Branche wichtige Förderungen ein.

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