Baustelle Bundeswehr Deutschlands Armee fehlen hunderte Soldaten

Exklusiv

Aufgaben gibt es mehr als genug, Personal zu wenig. Der Bundeswehr fehlen nach Recherchen von „WirtschaftsWoche Online“ 1700 Zeit- und Berufssoldaten. In bestimmten Bereichen ist der Mangel besonders deutlich.

Wehrpflichtige Quelle: Helmut Michelis

Immer neue Einsätze im In- und Ausland, ein hoher Ausbildungsbedarf, ein steter Wechsel durch einen sehr großen Anteil Zeitverträge, Probleme wegen der geburtenschwachen Jahrgänge und ein erheblicher Konkurrenzdruck durch Wirtschaftsunternehmen und andere staatliche Einrichtungen wie Polizei oder Zoll: Die Bundeswehr kämpft an der Personalfront mit Herausforderungen.

Rund 2.000 Bundeswehr-Offiziere scheiden innerhalb eines Jahres wegen der üblichen Zeitverträge aus und müssen ersetzt werden. Rund 6.000 Offiziere und Offizieranwärter befinden sich gerade im Studium und stehen damit der Truppe nicht zur Verfügung. Zwei Beispiele, die deutlich machen, wie kompliziert Personalplanung bei den deutschen Streitkräften ist.

So marode ist die Bundeswehr
Aufklärungsjets am BodenImmer neue Einsätze stellen Deutschlands Armee vor Herausforderungen. Immer wieder kommt es dabei auch zu Problemen mit dem Material. So waren die deutschen "Tornados", die für Aufklärungsflüge gegen die Terrormiliz IS in Syrien und im Irak eingesetzt werden, zunächst nachts nicht einsetzbar. Die Cockpit-Beleuchtung war zu hell. Zwar hat die Bundeswehr die Flieger nachgerüstet, doch nicht alle Jets sind tatsächlich einsetzbar. Von den 93 deutschen Tornados waren laut Berichten aus dem November nur 66 in Betrieb - und nur 29 einsatzbereit. Das macht eine Quote von 44 Prozent, vor einem Jahr waren immerhin noch 58 Prozent der Flugzeuge einsatzbereit. Die teilweise über 30 Jahre alten Flugzeuge gelten als Auslaufmodelle. Quelle: dpa
Kampfjets ohne RaketenBeim Nachfolgemodell Eurofighter sind immerhin schon 55 Prozent der 109 Kampfjets einsatzbereit. Dieser Wert lag im vergangenen Jahr aber noch bei 57 Prozent. Wie im November bekannt wurde, fehlt es der Bundeswehr allerdings an Raketen für ihre Flugzeuge: Insgesamt 82 radargelenkte Amraam-Raketen besitzt die Bundeswehr, berichtet die "Bild am Sonntag". Im Ernstfall aber sollte jeder Jet mit zwei Raketen bestückt werden - die Bundeswehr bräuchte also 218 Amraam-Raketen. Quelle: dpa
Hubschrauber mit TriebwerksschädenNoch schlechter steht es um die Hubschrauber-Flotte: Nur 22 Prozent der Transporthubschrauber des Typs NH90 der Bundeswehr sind einsatzbereit. Der Hubschrauber hat vor allem Probleme mit seinen Triebwerken: 2014 musste ein Pilot auf dem Stützpunkt in Termes in Usbekistan notlanden, weil ein Triebwerk explodiert war. Eigentlich hat sich die Bundeswehr das Ziel gesetzt, dass 70 Prozent der zur Verfügung stehenden Bestandes für den täglichen Dienst nutzbar sein soll. Doch insbesondere bei ihren Fluggeräten verfehlt die Bundeswehr diesen Werte oft deutlich. Quelle: dpa
Flügellahmes FluggerätSo ist nur jeder vierte Schiffshubschrauber "Sea King" (siehe Foto) bereit für einen Einsatz. Beim Kampfhubschrauber Tiger liegt die Quote bei 26 Prozent, beim Transporthubschrauber CH53 immerhin schon bei 40 Prozent. „Die Lage der fliegenden Systeme bleibt unbefriedigend“, urteilt Generalinspekteur Volker Wieker in seinem aktuellen Bericht zum Zustand der Hauptwaffensysteme. 5,6 Milliarden Euro will die Bundeswehr in den nächsten zehn Jahren investieren, um den Zustand ihrer Ausrüstung zu verbessern. Quelle: dpa
Transportflugzeuge mit LieferschwierigkeitenUnd von den Transportflugzeugen "Transall" sind nur 57 Prozent bereit zum Abheben. Die teilweise über 40 Jahre alten Flugzeuge gelten als anfällig für technische Defekte. 2014 sorgte das für eine Blamage für die Bundeswehr im Irak, wo die Ausbilder der Bundeswehr kurdische Peschmerga-Kämpfer bei ihrem Kampf gegen den "Islamischen Staat" unterstützen sollten. Weil die Transall-Maschine streikte, konnten die Soldaten nicht zu ihrer Mission aufbrechen und mussten die Maschine wieder verlassen. Eigentlich sollen die Transall-Flugzeuge in den kommenden Jahren durch neue Airbus-Transportflugzeuge des Typs A400M ersetzt werden. 53 der Maschinen hat die Bundeswehr bestellt, doch die Auslieferung verzögert sich. Erst zwei Exemplare kann die Bundeswehr dieses Jahr im Empfang nehmen, die dazu nicht mal alle Funktionen haben: Fallschirmspringer zum Beispiel können die ausgelieferten Flugzeuge nicht absetzen. Airbus muss wegen der Probleme 13 Millionen Euro an den Bund zahlen. Quelle: dpa
Panzer mit BremsproblemenDie Bodenausrüstung findet sich zwar in besserem Zustand als die Flugsysteme der Bundeswehr. Aber auch hier gibt es Probleme, zum Beispiel beim Panzer "Puma". Aus Sicherheitsgründen musste die Höchstgeschwindigkeit für den Panzer von 70 km/h auf nur noch 50 km/h heruntergesetzt werden. Der Grund: Bei einer Geschwindigkeit von mehr als 50 km/h bremst der Panzer nicht mehr zuverlässig, der Bremsweg verdoppelt sich, wie das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBs) bei Tests herausfand. Die Probleme gab es wohl auch, weil die Bundeswehr erst spät in der Entwicklungsphase den Wunsch einbrachte, dass der Panzer bis zu 70 km/h schnell fahren sollte. Außerdem sollte der 1000 PS starke, bis zu 2000 Schuss pro Minute abfeuernde Panzer ohne Panzerung nur 31,5 Tonnen wiegen. Die Hersteller Krauss Maffei und Rheinmetall hatten Schwierigkeiten, die Auflagen zu erfüllen. Auch deshalb lieferten sie den Panzer erst in diesem Juni aus, ganze fünf Jahre später als geplant. Quelle: dpa
Das Skandal-GewehrDas Dauerthema bleibt jedoch das Pannengewehr G36: Das Sturmgewehr des Herstellers Heckler und Koch soll bei hohen Temperaturen nicht mehr präzise schießen, Verteidigungsministerin von der Leyen erklärte daraufhin, das Gewehr habe bei der Bundeswehr keine Zukunft. Rund 180 Euro hat die Bundeswehr für die insgesamt 178.000 Gewehre bezahlt. Die Aufklärung der Affäre bindet viele Kapazitäten im Ministerium: Insgesamt vier Kommissionen befassen sich mit dem Skandal. Ab 2019 soll ein neues Sturmgewehr das G36 ablösen. Quelle: dpa

Nicht nur materiell, auch personell sei die Bundeswehr „in einigen Bereichen am Limit“, kritisierte der neue Wehrbeauftragte des Bundestages, Hans-Peter Bartels (SPD), in seinem ersten Bericht. Er forderte ein „Wendejahr“ für die Bundeswehr. Denn zum Jahreswechsel umfasse sie nach etlichen als Reformen getarnten Reduzierungen nur noch rund 177.000 Soldaten inklusive 8.800 Freiwillig Wehrdienstleistender in „Schnupperkursen“ von sieben bis 23 Monaten – „kleiner war sie nie“.   

Trotz aller Herausforderungen: „Es kann personell nicht von einem sinkenden Schiff die Rede sein“, betont die Abteilungsleiterin für Personalgewinnung im Kölner Bundesamt für das Personalmanagement der Bundeswehr, Petra Müller, im Gespräch mit „Wirtschaftswoche Online“. „Im Gegenteil: Die Bundeswehr hat grundsätzlich keine Nachwuchsprobleme.“ Sie ist allerdings knapp in den roten Zahlen: Beschlossen war ein Abbau bis 2017 auf 170.000 Zeit- und Berufssoldaten. Aktuell fehlen aber rund 1700, da auch noch Dienstposten in alten Strukturen besetzt werden müssen.

Petra Müller (Mitte) im Gespräch mit einer Besucherin und einem jungen Offizier Quelle: Bundeswehr

Die Bundeswehr benötigt jährlich rund 13.000 neue Zeitsoldaten und mindestens 5.000 junge Frauen und Männer für den Freiwilligen Wehrdienst. Im zivilen Bereich umfasst der Einstellungsbedarf 4000 Auszubildende, Arbeitnehmer und Beamte. Damit eine Auswahl möglich wird, sind deshalb alljährlich mehr als 60.000 Bewerbungen für den militärischen und rund 20.000 für den zivilen Bereich Pflicht.

Bei ständig sinkenden Schulabgängerzahlen klingt das nach einer enormen Herausforderung. 1982 gab es laut Statistischem Bundesamt rund 1,4 Millionen 18-Jährige mit deutscher Staatsbürgerschaft, 2015 waren es noch 751.513, und 2025 werden es lediglich 660.882 sein. Die Bundeswehr ist darum sehr stolz darauf, dass mit 106.000 Bewerbungen im vergangenen Jahr sogar jeder siebte mögliche Kandidat bei ihr vorstellig geworden ist.

Petra Müller verweist auf das „Trendence-Schülerbarometer 2015“, wonach die befragten 13.000 Schüler der Klassen acht bis 13 die Bundeswehr auf der Liste der Top-Arbeitgeber auf Rang 2 (hinter der Polizei) gewählt haben, weit vor Unternehmen wie Audi (9. Platz), Sparkassen-Finanzgruppe (18.) oder Airbus (20.). Zwei Drittel der Bewerber haben mindestens die Mittlere Reife oder einen Berufsabschluss.

Braucht die Bundeswehr mehr Geld?

Befürchtungen, die Bundeswehr würde nach der Aussetzung der Wehrpflicht zu einer Armee der Armen, Abenteurer und Außenseiter verkommen - „Die Unterschicht übernimmt die Landesverteidigung“, so beschrieb Professor Michael Wolffsohn von der Bundeswehr-Universität München 2011 besonders drastisch die erwartete Entwicklung – haben sich nicht bewahrheitet. Selbst in der Laufbahn der Mannschaften hat die Bundeswehr einen Anteil von 12 Prozent Bewerbern mit Abitur beziehungsweise Fachhochschulreife erreicht.

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