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Bedingungsloses Grundeinkommen Eine Utopie, die längst existiert

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Die widersprüchliche Vorgeschichte

Dieser harsche Widerspruch führt in die Richtung dessen, was das bedingungslose Grundeinkommen tatsächlich ist: ein Phantom, in das jeder eben das hineininterpretiert, was ihm gerade passt. Einen Hinweis darauf geben schon die großen Vorbilder und vermeintlichen Vordenker des Konzepts. Thomas Paine, Philosoph aus den Gründungstagen der Vereinigten Staaten, wird da ebenso ins Feld geführt wie die liberalen Denker Milton Friedman und Friedrich August von Hayek oder der katholische Humanist Thomas Morus. Diese vermeintliche Denktradition aber lässt sich nur herleiten, wenn man die historischen Umstände der jeweiligen Ideen außen vor lässt. So forderte Morus in seinem Werk „Utopia“ nicht nur eine gleiche Ausstattung aller Menschen mit Geld, er wollte sie zugleich auf gemeinnützige Arbeit verpflichten. Damit aber fehlt der entscheidende Kreativitätsanreiz, wie er von den heutigen Vertretern propagiert wird. Bei Paine verrät schon der Titel des Werkes „Agrarian Justice“, dass es ihm eigentlich um etwas anderes ging. So propagierte er zwar ebenfalls eine gleiche materielle Ausstattung aller – der vorausgehen sollte aber eine Vergemeinschaftung allen Landbesitzes, aus dem dann dieses Gemeinschaftseinkommen erwirtschaftet werden sollte. Ganz anders das von Friedman und Hayek ventilierte Konzept, das ihnen heute die zweifelhafte Ehre einbringt, als Väter des Grundeinkommens vereinnahmt zu werden. Sie beschäftigten sich mit der Idee einer negativen Einkommensteuer. Bei diesem Konzept wird eine bestimmte Geldsumme definiert, die jedem Menschen zur Verfügung gestellt wird. Sobald er selbst Geld verdient, wird eine progressive Steuer fällig. Mit Morus’ Arbeitspflicht oder Paines Enteignungsplänen hat das allerdings nichts zu tun.

So unklar die Urheberschaft des Konzeptes ist, umso offensichtlicher ist der Grund für den aktuellen Erfolg des Konzepts: der Name. „Bedingungsloses Grundeinkommen“, jede Silbe dieser Wortschöpfung atmet Utopie. Von der Gleichbehandlung aller (bedingungslos) bis zum freiheitlichen Versprechen, aus der unverhandelbaren materiellen Saat schier alles machen zu können (Grundeinkommen), und der positiven Umdeutung einer mildtätigen Alimentation in einen neutralen Geldfluss (-einkommen) ist für fast jede Ideologie etwas dabei.

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