Beliebter Steinmeier Der Höhenflug des Silberschopfs

Es klingt ein wenig wie Politik paradox: Bundeskanzlerin Angela Merkel, die mit ihrer Union im September ein starkes Wahlergebnis holte und seitdem nichts Böses, allerdings auch sonst nichts verkündet hat, rutscht in der Beliebtheit bei der Bevölkerung auf Platz zwei der aktiven Politiker ab. Und ausgerechnet Frank-Walter Steinmeier übernimmt die Führungsrolle. Wie kann das sein?

Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) überrascht mit starken Beliebtheitswerten. Quelle: dpa

Rational zu erklären ist das nicht. Natürlich, Frank-Walter Steinmeier gilt allseits – und zu Recht – als integrer Mann. Und er hat ein Regierungsamt inne, mit dem zumindest früher leicht Beliebtheits-Höchstwerte erzielt werden konnten. Aber in der jüngeren Vergangenheit war das eben anders. Nicht nur Guido Westerwelle konnte von diesem Amtsbonus nicht profitieren. Auch Steinmeier selbst, der ja schon einmal in dieser Konstellation unter Merkel mitregierte, konnte damals nicht so recht gegen sie punkten – weshalb er ja auch den Wahlkampf als SPD-Kanzlerkandidat 2009 verlor.


Umso überraschender ist Steinmeiers Höhenflug, weil er in den vergangenen Wochen nur wenig präsent war, schließlich ist nicht er der starke Mann der Genossen, sondern Parteichef, Vizekanzler und Superminister Sigmar Gabriel. Und wenn Steinmeier in den vergangenen Tagen ins Rampenlicht trat, dann mit einer Botschaft, die den Deutschen eigentlich nicht so gefällt: Das Land müsse sich international stärker engagieren, beispielsweise mehr Bundeswehrsoldaten nach Afrika schicken. "Es wird zu Recht von uns verlangt, dass wir uns einmischen. Deutschland ist zu groß, um Weltpolitik nur zu kommentieren."

Der Aufschwung für den Silberschopf hängt auch nicht mit einem Abschmieren der Merkel-Werte zusammen. Denn auch die Kanzlerin konnte in der Beliebtheit sogar noch einen Punkt zulegen – nur dass Steinmeier eben noch mehr Boden gut machte.


Und auf Platz drei liegt Finanzminister Wolfgang Schäuble, ebenfalls durch ein stärkeres Plus näher an Merkel herangerückt. Auch dies ist überraschend, denn der Finanzminister steht seit Wochen in der öffentlichen Kritik. Nicht nur die politischen Gegner, sondern auch Wissenschaft und Medien bemängeln, dass der Finanzminister die Schulden erhöhen muss, um die Wahlversprechen der Koalition zu bezahlen. Auch die Debatte um ein weiteres Hilfspaket für Griechenland scheint seinem Ansehen nicht zu schaden.

Fazit: Die veröffentlichte Meinung trennt sich immer stärker von der veröffentlichten Meinung. Die Deutschen sind mit ihrer Regierung viel zufriedener, als es im tagesaktuellen Streit erscheint.

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