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BER, Stuttgart 21, Humboldt Forum Günstiger bauen als geplant – gibt es nicht? Gibt es doch!

Das Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel nach dem Wiederaufbau. Quelle: dpa

Der BER, Stuttgart 21, die Hamburger Elbphilharmonie, das Berliner Humboldt Forum: Fast jedes Großprojekt in Deutschland sprengt den Kostenrahmen. Jedes? Nein, nicht jedes. Die Sanierung des Neuen Museums in Berlin blieb deutlich unter Plan. Wie das?

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In diesen Tagen öffnet das Berliner Humboldt Forum, ein Zentrum für Kunst, Kultur und Wissenschaft, nach sieben Jahre Bauzeit erstmals seine (vorläufig coronabedingt) digitalen Türen. Dabei muss sich das Haus neben der grundsätzlichen Kritik um seine Ausstellungstücke, oftmals Raubkunst aus der deutschen Kolonialzeit, auch die Frage stellen, wie die Kosten für den Bau des Forums so steigen konnten. Rund 677 Millionen Euro wurden am Ende ausgegeben, anstatt der eigentlichen Kostenobergrenze von 595 Millionen Euro. Damit reiht sich das Humboldt Forum ein in die Hall of Fame kostensprengender Großprojekte.

Dass die aber nicht immer wie der BER, Stuttgart 21 oder besagtes Forum Enden müssen, zeigt Eva Schad, Gründerin und Geschäftsführerin des Berliner Büros von David Chipperfield Architects. Als Projektleiterin betreute sie bis 2009 über mehrere Jahre hinweg den viel beachteten Wiederaufbau des Neuen Museums auf der Berliner Museumsinsel. Statt der veranschlagten rund 235 Millionen Euro kostete die Sanierung und Wiederherstellung des klassizistischen Hauses von Friedrich August Stüler am Ende deutlich weniger: 194 Millionen Euro.

Es war der seltene Fall eines Großprojektes, dessen Konzept nicht nur architektonisch gefeiert wurde, sondern bei dem auch die Finanzen nicht aus dem Ruder liefen – und das in der Heimat des Milliardengrabs BER. Wie gutes und zugleich günstiges Bauen gelingen kann? Hier drei ihrer Lehren:

1. Lasst einen Profi kalkulieren

Bevor Schad in die deutsche Hauptstadt wechselte, hatte sie in der Chipperfield-Zentrale in London gearbeitet. Dort war sie einer Praxis begegnet, die sie aus der Heimat nicht kannte. „In Großbritannien ist es üblich, dass ein unabhängiger Kostenplaner die Budgets eines Baus kalkuliert und kontrolliert“, sagt sie. „Das habe ich als außerordentlich sinnvoll erlebt. In Deutschland ist das leider kein Standard.“

Die peinlichsten Pannen am BER
Das Licht geht nicht aus: Damit überraschte der Flughafen 2013. Es gab Probleme mit der Leittechnik, wo nach Umplanungen immer wieder angeflickt wurde. Quelle: dpa
Monitore laufen und laufen: 750 Bildschirme im BER waren jahrelang in Betrieb, zeigten Flugziele und Schalternummern - bis die Monitore schrottreif waren und entsorgt wurden. Quelle: dpa
Die Rolltreppen sind zu kurz: Zwei feste Treppen folgten am Bahnhofsausgang auf die Rolltreppen, sie waren zu kurz bestellt worden. Über den Austausch wurden Flughafen und Bahn lange nicht einig. Quelle: dpa
Der Rauch muss durch den Keller: Bei Feuer geht ein Teil des Rauches durch den Keller nach außen. Das sorgte für Spott, ist wegen des Unterdrucks aber möglich. Die Anlage war über die Jahre aber so groß geraten, dass sie sich nicht mehr steuern ließ. Lösung: Aufteilung und Abluftkamine im Dach. Quelle: REUTERS
Die Türen sind falsch nummeriert: Jeder dritte der 4000 Räume im Terminal trug nach Umplanungen eine falsche Nummer - und war etwa für Rettungsdienste nicht zu finden. 2014 ging die Flughafengesellschaft das Problem an. Quelle: dpa
Im Terminal herrscht Kabelsalat: Mit den Erweiterungen in der Bauphase kamen immer mehr Leitungen auf die Kabeltrassen, was wegen Hitzebildung riskant sein kann. Kabel führten auch durch Kanäle mit Hauptleitungen für Wärme, Kälte und Wasser. Teilweise fehlten Pläne. Quelle: dpa
Vertrauliche Unterlagen im Müll: Ordnerweise Baupläne lagen 2014 in einem Abfallcontainer auf offener Straße in Berlin. Es gab auch Hochstapelei und Schmiergeld-Affären am BER. Quelle: REUTERS

Die „Quantity Surveyor“ genannten Positionen sind hierzulande tatsächlich unüblich, in jedem Fall nicht vorgeschrieben. Beim Neuen Museum hatte Projektleiterin Schad dann auch ein wenig Glück, wie sie selbst sagt, denn eine deutsche Expertin für Kostenplanung bewarb sich unaufgefordert. Unter anderem hatte sie zuvor schon die Sanierung des Reichstags überwacht. „Sie war also absolut vom Fach. Das war ein Geschenk des Himmels.“

Merke: Ein Statiker reicht nicht, ein Kostenstatiker sollte ebenfalls hinzugezogen werden. Es gibt sie auch in Deutschland.

2. Prüfen, prüfen, prüfen!

„Je weniger Überraschungen im Laufe eines Baus auftauchen, desto besser“, sagt Schad. Das können zum Beispiel Umplanungen aufgrund neuer Bauherrenwünsche sein (das wurde etwa dem BER zum Verhängnis). Aber auch die Konstruktion im engeren Sinne läuft selten nach Plan. Jede im Vorfeld abgeklärte Unwägbarkeit reduziert das Risiko.

Beim Neuen Museum half den Architekten der Umstand, dass der historische Bau bereits zu DDR-Zeiten zwar nur unzureichend instandgesetzt, aber dessen Zustand umfangreich dokumentiert worden war. „Je gründlicher Bausubstanz, Böden und sonstige Begleitumstände vorab untersucht worden sind, umso geringer ist das Risiko späterer Kostensteigerungen“, sagt Schad.

Böse Überraschungen wie unerwartet marode Fundamente, schimmelbefallene Hölzer oder kontaminierte Böden gab es beim Neuen Museum dann auch kaum. Für Schad gehört eine solche gründliche Vorabdiagnose deshalb eigentlich in den Muss-Katalog erfolgreichen Bauens, gerade im Auftrag der öffentlichen Hand.

„Eine gründliche Kostenplanung hat auch die Auswirkungen unterschiedlicher Vergabeverfahren mit im Blick“, empfiehlt sie. Sprich: Nicht wie sonst meist üblich bekäme dann zwangsläufig der vermeintlich Günstigste den Zuschlag.

3. Bauherr und Architekt brauchen Kostensensibilität

Das Museumsinsel-Projekt sei noch in einer weiteren Hinsicht ein besonders gelungenes Planungsbeispiel gewesen, meint die Architektin. Denn hier habe die zuständige Baubehörde „von Anfang an ein großes Interesse an einer realistischen und keiner politischen Kostenschätzung“ gehabt. „Alle Beteiligten wollten stets finanzielle Transparenz und zogen hierfür an einem Strang – das war das Geheimnis.“

Schad selbst definiert die Güte ihrer Arbeit ohnehin nicht nur über die Ästhetik oder Funktionalität ihrer Entwürfe. Gute Architektur, meint sie, muss auch die Finanzen im Blick behalten. Oder anders gesagt: Ein Traumbau mit Albtraumkosten ist in ihren Augen allenfalls ein halber Erfolg.


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Damit es so weit nicht kommt, müssen nicht nur Bauherren an einen effizienten Kostenmanagement interessiert sein, sondern auch die Architekten. „Im Entwurf“, sagt Schad, „kann ich nicht nur die Architektur prägen, sondern auch die Kosten.“ Und dann fügt sie noch hinzu: „Jeder Strich kostet Geld, jede Materialwahl zieht eine Summe nach sich.“

Mehr zum Thema: Anwalt Ralf Leinemann vertritt seit Jahrzehnten die Interessen von Baufirmen am BER.  Er spricht über seine Bilanz und sagt: Das Desaster hätte man ahnen können.

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