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Bericht der Bundesbank Immobilien-Warnung alarmiert Koalition

In Ländern wie den USA und Spanien haben Übertreibungen an Immobilienmärkten verheerende Folgen nach sich gezogen. Dass die Bundesbank jetzt vor einer ähnlichen Entwicklung in Deutschland warnt, alarmiert die Politik.

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Ein Baustellenschild steht vor dem Rohbau eines Einfamilienhauses in Straubing (Niederbayern/Archivbild vom 23.09.2009). Quelle: dpa

Berlin Die Warnung der Bundesbank vor einer Überhitzung am deutschen Immobilienmarkt hat Politiker von CDU und FDP alarmiert. „Die Befürchtungen der Bundesbank sind ernst zu nehmen. Solche Immobilienblasen sind häufig Auslöser von Finanzkrisen“, sagte der Vize-Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion, Volker Wissing, Handelsblatt Online. „Die Finanzaufsicht muss das Risikomanagement der Banken streng überwachen.“

Der Vize-Vorsitzende der Unions-Fraktion im Bundestag, Michael Meister, vertraut auf das Krisenmanagement der Europäischen Zentralbank (EZB), notfalls einzugreifen, sollte es zu Preisblasen kommen. EZB-Präsident Mario Draghi habe im Bundestag versichert, dass die Zentralbank rechtzeitig mit geldpolitischen Instrumenten die Liquidität aus dem Markt nehmen werde. „Ich gehe davon aus, dass dies geschehen wird“, sagte Meister Handelsblatt Online. Auch wenn die Bundesbank für die Finanzstabilität in Deutschland derzeit keine destabilisierende Wechselwirkung zwischen Preisniveau und Kreditvergabe sehe, sei ist wichtig, dass sie diese „Entwicklung beobachtet und Hinweise für ein rechtzeitiges Gegensteuern gibt“.

Zwar gebe es noch keine Anzeichen für eine Spekulationsblase und ernste Risiken für die Finanzstabilität, hatte zuvor Bundesbank-Vizepräsidentin Sabine Lautenschläger und ihr Vorstandskollege Andreas Dombret bei der Vorstellung des jährlichen Finanzstabilitätsberichts der deutschen Notenbank am Mittwoch erklärt. Allerdings berge der teils kräftige Anstieg der Immobilienpreise in und rund um sieben deutsche Großstädte und vor allem in Berlin inzwischen Gefahren.

Sollte es zu Preisblasen in den Ballungszentren kommen, könne dies die Finanzstabilität "erheblich gefährden". Noch sei das Wachstum der Immobilienkredite mit 1,2 Prozent im vergangenen Jahr zu gering gewesen und die Vergabepraxis bei den Krediten traditionell so konservativ, um überhaupt von etwas Vergleichbarem wie einer Kreditblase sprechen zu können, betonte Dombret. Das finanzielle Umfeld und die Entwicklung der vergangenen Monate sprächen jedoch dafür, dass die Gefahren eher zu- als abnähmen. "Erfahrungen aus anderen Ländern zeigen, dass es gerade im Umfeld niedriger Zinsen und hoher Liquidität zu Übertreibungen an den Immobilienmärkten kommen kann." Dagegen hatte Allianz -Vorstand Maximilian Zimmerer am Dienstag noch beschwichtigt: "In Großstädten wie München sind die Preise gestiegen, sie sind aber im internationalen Vergleich noch nicht besonders hoch."

Auch die Bundesregierung sah zuletzt keine Anzeichen für eine Blasenbildung, wie aus einer im Juni veröffentlichten Antwort auf einer Grünen-Anfrage hervorgeht. Sie beruft sich dabei auf Einschätzungen der Bundesbank und der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin). Demnach sind die Preise nicht in Deutschland, sondern in einigen anderen Ländern stark angestiegen „und zeigten vor Ausbruch der Finanzkrise deutliche Überbewertungen an“. Genannt werden von der Bundesregierung in diesem Zusammenhang die USA, das Vereinigte Königreich, Irland und Spanien. „Von einer solchen blasenartigen Entwicklung ist der deutsche Immobilienmarkt noch weit entfernt, zumal die Hypothekarkreditvergabe in relativ moderatem Tempo zunimmt“, stellt die Bundesregierung fest.


Hauptrisiko bleibt die Schuldenkrise

Gleichwohl weist auch die Bundesregierung darauf hin, dass die regionale Preisentwicklung in Deutschland sehr unterschiedlich verlaufe. Insbesondere in Großstädten wie Hamburg und München seien „signifikante Immobilienpreissteigerungen“ zu beobachten. In einigen lokalen Teilmärkten dieser Metropolen hätten sich möglicherweise „erste Übertreibungen“ herausgebildet. Denn sprechen schon aus historischer Sicht einige strukturelle Faktoren dafür, dass Deutschland weniger anfällig für die Entstehung einer Immobilienblase sei als viele andere Länder. „Die Finanzierungskultur ist konservativ ausgerichtet“, erläutert die Bundesregierung. Neben einem hohen Eigenkapitalanteil gebe es meist langfristige Kreditverträge mit festen Zinssätzen. „Kurzfristige Finanzierungen mit variablem Zins, bei denen das Zinsänderungsrisiko beim Kreditnehmer liegt, sind bisher die Ausnahme“, heißt es in der Antwort.

Hauptrisikofaktor für die Finanzstabilität ist und bleibt nach Ansicht der Bundesbank die Schuldenkrise. "Sollte sich die Staatsschuldenkrise erheblich verschärfen, würde das natürlich auch das deutsche Finanzsystem in Mitleidenschaft ziehen", sagte Lautenschläger. Zwar hätten sich die Forderungen der deutschen Banken gegen die von der Schuldenkrise besonders betroffenen Länder zuletzt deutlich reduziert. "Dennoch weist das deutsche Bankensystem zur Jahresmitte 2012 nach wie vor erhebliche finanzielle Forderungen gegenüber Italien und Spanien auf, davon knapp 59 Milliarden Euro gegenüber den öffentlichen Haushalten beider Länder", heißt es in dem Bericht.

Nach Ansicht Lautenschlägers ist die geplante Bankenunion ein wichtiger Schritt, um das Finanzsystem in Europa stabiler zu machen. Allerdings ist die frühere oberste Bankenaufseherin der Finanzaufsicht BaFin skeptisch, ob eine zentrale Aufsicht über alle Banken in der Euro-Zone vor 2014 an den Start gehen kann. "Ich halte auch den gestreckten Zeitrahmen noch für sehr ambitioniert. Die Bankenunion ist eine hochkomplexe Aufgabe." Ein EU-Gipfel hatte sich im Oktober darauf verständigt, dass der gesetzliche Rahmen für die Übernahme der Aufsicht durch die Europäische Zentralbank (EZB) zum 1. Januar 2013 stehen soll und die neue Behörde im Lauf des Jahres ihre Tätigkeit aufnimmt.

Lautenschläger machte erneut deutlich, dass eine unter dem Dach der EZB zentralisierte Aufsicht nicht in der Lage sein dürfte, alle rund 6000 Kreditinstitute der Euro-Zone angemessen zu kontrollieren. Ohnehin kann sie sich vorstellen, dass weniger Banken besser für die Stabilität des Systems wären. "Insgesamt stellt sich bei gestiegenen Kosten und dem sich abzeichnenden härteren Wettbewerb die Frage, ob es in Deutschland ausreichend auskömmliches Geschäft für alle Banken gibt", sagte sie. Einige Banken müssten hart an den Kosten arbeiten. "Da es keinerlei Anzeichen für eine Kreditklemme gibt, sollte auch die Option einer Konsolidierung des deutschen Bankensektors kein Tabu sein."

Verzögerungen bei der zum Jahreswechsel geplanten Einführung strengerer Eigenkapitalanforderungen ("Basel III") sieht die Stellvertreterin von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann eher gelassen. "Die G20 haben das so vereinbart. Wir gehen davon aus, dass sich die Einführung von Basel III in den USA nur verspätet." Sie erwarte keine endgültige Absage der Amerikaner wie bei Basel II. Die neue Regulierung wird sich massiv auf die Geldhäuser auswirken und deren Kapitalpolster deutlich schmelzen lassen. Ende September kamen die größten zwölf deutschen Banken laut Bundesbank auf eine Kernkapitalquote von 13,6 Prozent. Mit der Einführung von "Basel III" wird diese wieder deutlich sinken.

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