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Berlin intern

Bauch, Beine, Po

Henning Krumrey Ehem. Redakteur

Sicherheitshinweis: Achtung, diese Kolumne ist für Menschen mit Sexismus-Empfindlichkeit nicht geeignet.

Katja Suding, Fraktionsvorsitzende der FDP in der Hamburgischen Bürgerschaft, beim traditionellen Dreikönigstreffen der Partei. Quelle: Screenshot

Ihre Beine waren ein Thema, seit der Dreikönigskundgebung in Stuttgart. Die Problemzone von Katja Suding liegt aber deutlich weiter oben: in Hamburg. In der Hansestadt war sie angetreten, ein Wunder zu schaffen: die FDP zum ersten Mal seit dem Herbst 2013 wieder in ein Landesparlament zu führen.

Der sekundenlange Schwenk eines ARD-Kameramanns, für den der Chefredakteur Kai Gniffke damals verschwurbelt den Mitarbeiter und die FDP in die Pfanne haute, statt sich ordentlich zu entschuldigen, hatte die Spitzenkandidatin schlagartig bekannt gemacht. „Jetzt weiß jeder, dass ich mit meinen sportlichen Beinen die Fünf-Prozent-Hürde mit Sicherheit überspringen werde“, konterte die aufs Körperliche reduzierte Kandidatin geschickt – und legte nach. „Jeder weiß aber auch, dass man mit schönen Beinen keine Wahlen gewinnt, sondern mit guter Politik.“

Großer Ausverkauf bei der FDP
Nach dem Scheitern an der Fünfprozenthürde und dem Rauswurf aus dem Bundestag im Herbst 2013 befindet sich die FDP-Bundestagsfraktion in Liquidation. Sämtliche Wertgegenstände müssen laut Gesetz verkauft werden – dies übernimmt das bundeseigene Verwertungsunternehmen Vebeg in Frankfurt. Dort wurden bis Dienstag, 13 Uhr, Gegenstände aus den Abgeordnetenbüros versteigert. Ein Blick in die (ehemaligen) Hinterzimmer der Macht. Das Bild zeigt die FDP in besseren Tagen: die Fraktion 2009 im Bundestag mit Fraktionschefin Homburger, Parteichef Westerwelle (vordere Reihe), Parteivize Brüderle, Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger und dem Finanzexperten Solms. Quelle: dpa
Symbolfigur: Unter den versteigerten Gegenständen war auch eine Büste des ersten FDP-Vorsitzenden Theodor Heuss. Nach „Bild“-Informationen hatte der Künstler Georg Dittmer die Büste 2008 für den damaligen Parteichef Guido Westerwelle angefertigt, für 7000 Euro. Über die Versteigerung zeigte sich Dittmer verärgert: „Ein Unding, dass sie die Büste einfach so verscherbeln“, zitierte „Bild“ den Künstler. Gebotspreise werden auf der Vebeg-Homepage nicht genannt. Quelle: PR
Sitzgruppe ohne Abgeordnete: „Designer-Mobiliar Le Corbusier Cassina“. Quelle: PR
Ein Stück Zeitgeschichte: Sessel mit Pult aus dem alten Bonner Plenarsaal. „Der grüne Lederbezug weist starke Gebrauchsspuren auf“, heißt es in der Beschreibung. Quelle: PR
Der Deutsche Bundestag debattierte im alten Plenarsaal in Bonn bis 1986. Quelle: PR
„2 historische Schulbänke, Breite 120 cm, Sitze klappbar bzw. mit durchgehender Sitzfläche“ Quelle: PR
Eins der Platz für schwere Akten: Hier verkaufte die FDP „je 1 Regalwand mit 30 Fächer, ca. 400 x 220 cm, Schreibtisch ca. 100 x 200 cm, Fernsehtisch, Rollcontainer und Sideboard (Gebrauchsspuren)“ Quelle: PR

Das hinderte Suding nicht, nun erst recht ihre figürlichen Reize offensiv einzusetzen. Kurz vor der Wahl düpierte sie alle ob des öffentlich-rechtlichen Sexismus Empörten. In einem Bilderblatt präsentierte sie sich ausgesprochen körperbetont zusammen mit Lencke Steiner (parteilose Spitzenkandidatin in Bremen) und FDP-Generalsekretärin Nicola Beer als „Drei Engel für Lindner“. Der Vorsitzende Christian Lindner muss die Partei bis zur Bundestagswahl 2017 wieder hochkriegen. Auch er setzte per Haartransplantation auf äußere Werte.

Der sexy Auftritt zwischen Stars und edlen Düften wäre gar nicht nötig, hätten Freidemokraten ein paar Pölsterchen. Die liberalen Maße sind auch nicht 90–60–90, sondern 3,8–1,5–2,5 – so wenige Prozente erreichten sie bei den drei Landtagswahlen im vergangenen Jahr. Mit solch mageren Werten können die Liberalen kein Dirndl füllen, geschweige denn einen Fraktionssaal.

Früher galt die FDP als „Dame ohne Unterleib“, wenn sie nur in wenigen Landtagen vertreten war. Seit dem Sturz aus dem Bundestag ist sie auch noch oben ohne.

Den demokratischen Schönheitswettbewerb hatte die FDP mit Silvana Koch-Mehrin begonnen. Die Mutter aller Politik-Models wurde anfangs nicht mal als Politikerin (an-)erkannt. In der Parteizentrale gingen irritierte Anfragen ein: Tolle Plakate, aber wer kandidiert denn? Unerschrocken und eloquent holte SKM nach zehn Jahren Abstinenz 6,1 Prozent bei der Europawahl 2004, an der Spitze eines jugendlichen Trios mit Georgios Chatzimarkakis und Alexander Graf Lambsdorff. Die Jungs des liberalen Dreigestirns und ihre Freunde witzelten damals: „Silvana ist das Gesicht der Fraktion, Jorgo der Mund und Ala das Gehirn.“ Später trat Koch-Mehrin dann unverhüllt mit Babybauch in einer Illustrierten auf.

Zugegebenermaßen haben es Frauen auch in der Politik schwerer als Männer, auch – manche sagen: gerade – bei der FDP. Liberale Frauen wiederum lehnen Quoten als Aufstiegshilfe ab, sehen diese als Diskriminierung. Warum nur verzwergen sie sich dann durch vollen Körpereinsatz?

In Arbeit
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Mit der jungen und attraktiven Suding hatte die FDP im Wahlkampf 2010 sensationelle Erfahrungen gemacht. Die Inhaberin einer PR-Agentur brachte mit ihrer Kampagne „KatJA“ die Freidemokraten nach zehn APO-Jahren zurück in die Bürgerschaft. Danach leistete sie ordentliche Arbeit als oppositionelle Fraktionsvorsitzende. Umso überraschender, dass Suding nach vier Jahren Stadt- und Landespolitik nun wieder auf Bauch, Beine, Po setzte.

So erweckt die FDP mit ihrer Werbung den Eindruck, sie habe einfach nur den alten Satz missverstanden: Was man nicht im Kopf hat, muss man in den Beinen haben.

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