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Berlin intern

Da kannste nich meckern

Henning Krumrey Ehem. Redakteur

Der Senat wagt ein Abenteuer: Die Hauptstadt bewirbt sich um Olympia. Erst mal nicht beim IOC, sondern bei den eigenen Bürgern. Das ist riskant genug.

Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit mit den Olympiabotschaftern Quelle: dpa

Nu jeht det tatsächlich los! Klaus Wowereit hatte bloß noch 14 Tage Amtszeit als Regierender Bürgermeister vor sich, da startete er die offizielle Werbekampagne des Senats für die Olympischen Spiele 2024 oder 2028. Präzise Daten für das Sportspektakel sind ebenso ungewiss wie die Eröffnung des Pannenflughafens BER. Könnte ein ziemlicher Wettlauf mit der Zeit werden, aber das gehört nicht hierher.

Jedenfalls hat es der „Regierende“, wie das Stadtoberhaupt im hiesigen Jargon heißt, geschafft, mehr oder weniger Prominente für den Auftakt des PR-Feldzugs zu gewinnen. Hier geht es freilich nicht darum, dem ebenso gestrengen wie empfänglichen IOC den roten Teppich oder anderes auszulegen. Erst mal müssen die Berliner selbst dafür gewonnen werden, dass in ihrer Stadt Medaillen gewonnen werden dürfen.

Acht Botschafter hat Wowereit präsentiert, darunter den IHK-Präsidenten (und Chef des Deutschen Industrie- und Handelskammertages) Erik Schweitzer, den Millionärs- und Millionenmacher Günther Jauch, die Hockey-Ikone Natascha Keller und Daniela Schulte, blinde Rekordschwimmerin mit 26 Paralympics- und WM-Medaillen. Der Komiker und Überzeugungshauptstädter Dieter Hallervorden will – obwohl bald 80 Jahre alt – die Spiele live erleben, aber nicht „dafür nach Hamburg fahren“. Die Hansestadt ist der nationale Konkurrent, den es auszustechen gilt. (Denkbar wäre am Ende, Rudern oder Segeln in den nördlichen Vorort zu vergeben.)

Ist die Hauptstadt erst mal der offizielle deutsche Bewerber, könnte Hallervorden mit seinem fröhlichen „Palim, Palim“ so oft bei den IOC-Granden zur Tür hereinkommen, bis sie irgendwann auf- und Berlin den Zuschlag geben.

Mit dem forschen Auftakt legt Sozialdemokrat Wowereit den Grundstein für ein späteres Wowi-Denkmal als Herr der Ringe (falls es mit der Bewerbung tatsächlich klappt) oder dem Nachfolger und Parteifreund Michael Müller eine Zeitbombe ins Nest (falls es schiefgeht).

Im Sommer sah Wowereit das Abenteuer noch skeptisch. „Wenn eine Fee uns Olympia auf dem Silbertablett servieren würde – würde Berlin Ja sagen? Berlin muss mal eine Haltung einnehmen.“ Schließlich hatte sich die damals noch junge Hauptstadt bei der Bewerbung für die Spiele im Jahr 2000 nach allen Regeln der Kunst blamiert.

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Diesmal ist das Risiko nicht geringer. In München hatten die Bürger vor gut einem Jahr die politisch gewollte Bewerbung gekippt. Auch dem Berliner liegt Veränderung nicht so, seit der Abriss der Mauer Durchzug in seine Stadt brachte. Zwar ist Berlin mit pulsierender Gründerszene, Touristenansturm sowie stimmungsvollen Weltmeister-Korsi und Fanmeilenpartys gern berauscht von sich selbst, aber Großprojekte sieht der Hauptstädter eher skeptisch. Spätestens seit der vermaledeite Fluchhafen in den märkischen Sand gesetzt wurde. Die Bebauung des Tempelhofer Feldes, jener durch politische Sabotage des weltbesten Airports künstlich erzeugten City-Brache, scheiterte am Volksentscheid.

Nun also Olympia. Das Risiko, an fünf olympischen Nasenringen durch die Stadt gezogen zu werden, ist groß für die Honoratioren. Fände sich jedoch erst eine heimische und dann eine sportweltliche Mehrheit für Berlin, werden die Ureinwohner mit gewohnter Begeisterung mitmachen. Der Balina jeht los kieken, wenn Remmidemmi is. Und denn sachter: „Da kannste nich meckern!“ Ist dieser halb enttäuschte, halb anerkennende Kommentar doch das höchste Lob, zu dem der Berliner fähig ist.

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