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Berlin intern Das System Hannover

Mit seinen kumpelhaften Unternehmerkontakten setzte der Ministerpräsident Christian Wulff eine Tradition seines Vorgängers fort. Besser macht es das nicht.

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Für der Finanzierung seines Hauses hätte sich Christian Wulff an eine Sparkasse wenden können. Er besorgte sich das Geld jedoch bei einem befreundeten Unternehmer.

Mein Auto, mein Haus, mein Boot – so warben einst die Sparkassen für ihre Finanzierungsangebote. Hätte Christian Wulff doch bloß mal bei denen nachgefragt und nicht bei Kumpanen. Denn für sein Haus, seine Flüge und seinen Urlaub verließ sich der damalige Minister- und heutige Bundespräsident lieber auf die Großzügigkeit von Firmen und Freunden. Sein Gefallen an Gefälligkeiten bringt das Staatsoberhaupt nun in Schwierigkeiten.

2009 genoss er auf dem Urlaubsflug nach Florida ein kostenloses Upgrade bei Air Berlin für sich und seine Frau Bettina. Dies anzuprangern wäre kleinlich, wäre nicht auch seine Auszeit im Feriendomizil des Klinkenputzer-Königs Carsten Maschmeyer vom Sommer 2010 ruchbar geworden, als er sich – schon auf der Durchreise ins Berliner Schloss Bellevue – beim Gründer der umstrittenen Anlageberatung AWD einmietete.

Auch in Florida hatten die Wulffs nicht im Hotel logiert, sondern beim befreundeten Geschäftsmann Egon Geerkens (der schon Trauzeuge der ersten Wulff-Ehe gewesen war). Er begleitete den Ministerpräsidenten auch auf Auslandsreisen.

Im Februar 2010 fragten die Grünen im niedersächsischen Landtag nach geschäftlichen Beziehungen zu dem Unternehmer. Wulff verneinte dies – verschwieg aber, dass er 2008 von Geerkens’ Ehefrau einen Kredit über 500 000 Euro für den Kauf seines neuen Familienhauses erhalten hatte.

Der Zins von vier Prozent lag rund zwei Punkte unter den damaligen Marktkonditionen (120-Prozent-Finanzierung), brachte also einen Vorteil von rund 10 000 Euro pro Jahr. Nun prüft der Landtag, ob Wulff das Parlament getäuscht hat: Wer nicht lügt, sagt noch lange nicht die Wahrheit.

Andere Politiker sind damit nicht durchgekommen

Der wiedergewählte Ministerpräsident Gerhard Schröder schaut auf den CDU-Kandidaten Christian Wulff nach den Wahlen 1998 in Niedersachsen. Auch Schröder suchte die Nähe zur Wirtschaftselite in Hannover. Quelle: Reuters

Umso unverständlicher wirkt die Annahme der Vorteile durch den sonst so Vorsichtigen, weil andere längst damit auf die Nase gefallen waren. Zu Beginn von Wulffs politischer Karriere trat der baden-württembergische Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) zurück, weil das Cleverle auf der Yacht eines Unternehmerfreundes erst durch die Ägäis und dann ins politische Abseits gesegelt war. Dessen Kollege Johannes Rau, später Bundespräsident, war als SPD-Vorsitzender von Nordrhein-Westfalen mit Flugzeugen der landeseigenen WestLB gereist. Oder der Obergrüne Cem Özdemir, der vom PR-Berater Moritz Hunzinger einen Kredit angenommen hatte. Und bekam nicht Anfang 2010 der frische Außenminister Guido Westerwelle Ärger, weil er Unternehmer aus seinem Freundeskreis auf Dienstreisen in die weite Welt mitnahm?

Die Verquickung von Politik und Unternehmern durch geldwerte Vorteile ist in Niedersachsen mehr als ein System Wulff. Es ist das System Hannover. In der ständig als langweilig geschmähten Leinestadt verbrüderten sich schon früher Geld und Geltungssucht aus dem Gefühl heraus, gemeinsam Protzmetropolen wie Düsseldorf, Hamburg oder München Paroli bieten zu können. Bereits Wulffs Vorgänger Gerhard Schröder suchte die Nähe zu Aufsteiger Maschmeyer und Co. Der Sozialdemokrat, der sich aus armen Verhältnissen hochgerackert und -geboxt hatte, genoss die Nähe zum großen Geld. Und bei Wulff war es nicht anders. Auch er von Hause aus nicht mit Wohlstand gesegnet, litt zudem unter der Geringschätzung des SPD-Matadors und dem Makel des politischen Dauerverlierers. Umso größer die Genugtuung, nach seinem Wahlsieg endlich satisfaktionsfähig für die hannoversche Gesellschaft zu sein.

Am Mittwochabend verlieh Wulff den Zukunftspreis. Der Preis seiner Vergangenheit ist noch ungewiss.

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