Berlin intern

Der altmodische Herr Präsident

Gregor Peter Schmitz
Gregor Peter Schmitz Ehem. Leiter Hauptstadtbüro WirtschaftsWoche (Berlin)

Bundestagschef Norbert Lammert ist zweiter Mann der Republik. Aber er muss sich oft machtlos vorkommen.

Norbert Lammert Quelle: dpa

Es gibt für Politiker und deren Liebsten eine Menge Gründe, ein Buch zu verfassen. So lässt sich die eigene Bedeutung in der Geschichte sicherstellen (Helmut Kohl, „Ich wollte Deutschlands Einheit“), die eigene Ehemisere aufarbeiten (Bettina Wulff, „Jenseits des Protokolls“), zumindest solange, bis das Eheglück auf einmal zurückkehrt, oder ein eigener Fehltritt ungestört beschönigen (Karl-Theodor zu Guttenberg, „Vorerst gescheitert“).

Ein Grund ist weit seltener vertreten, dabei ist er der altmodischste im Buchgeschäft: die Verbreitung kluger Gedanken. Den aber verfolgt hartnäckig Norbert Lammert, Bundestagspräsident und so immerhin protokollarisch zweiter Mann des Staates. Zum 25. Jahrestag der deutschen Vereinigung hat der CDU-Mann bei Herder ein Buch mit dem Titel „Unser Staat. Unsere Geschichte. Unsere Kultur“ vorgelegt. Es ginge ihm um „intellektuelle Reflexionsebenen“, erklärte Lammert, vom Ersten Weltkrieg über den Holocaust bis zur Bürgerrevolution in der DDR.

Die Biographien deutscher Politiker
Rainer Brüderle hat lange geschwiegen. Der frühere FDP-Fraktionschef wollte sich mehr als ein Jahr lang nicht zu den Sexismus-Vorwürfen äußern, die eine „Stern“-Journalistin Anfang 2013 in einem Artikel mit der Überschrift „Der Herrenwitz“ gegen ihn erhoben hatte. Jetzt redet Brüderle. Doch entschuldigen will er sich nicht. Am Mittwoch wird der Gesprächsband „Jetzt rede ich!“ erscheinen, den der 68-Jährige zusammen mit dem Publizisten Hugo Müller-Vogg verfasst hat. Darin wird deutlich: Der frühere Bundeswirtschaftsminister sieht sich als Opfer einer politisch motivierten Medienkampagne. In dem Buch, aus dem der „Focus“ vorab Auszüge druckt, spricht er von einem „Feldzug“. In einem Interview, das an diesem Montag im „Handelsblatt“ erschien, wird Brüderle noch deutlicher. „Der "Stern" wollte die FDP und mich beschädigen. Es war eine rein politisch motivierte Attacke“, sagt er. Der Artikel sei von langer Hand geplant gewesen. „Ich hatte und habe ein reines Gewissen.“ Quelle: dpa
In "Mein Leben in der Politik" erzählt Ex-Kanzler Gerhard Schröder von seinem Weg aus einfachen Verhältnissen bis in das höchste deutsche Regierungsamt. Quelle: AP
Einst war sie eine unbekannte Physikerin aus Ost-Berlin, Pfarrerstochter. Dann folgte ihre Zeit als Kohls Mädchen. Heute ist Angela Merkel politisch die mächtigste Frau der Welt. Ihre Stationen auf dem Weg dorthin schildert sie in ihrer Biographie "Mein Weg." Quelle: dpa
Dank ihm ist Berlin arm, aber sexy. Er selbst ist schwul - und das ist auch gut so. So heißt auch seine Autobiographe. Berlins regierender Oberbürgermeister Klaus Wowereit erzählt in seiner Biographie "...und das ist auch gut so. Mein Leben für die Politik" von seinem Ruf als Partylöwen, seiner Kindheit, seinem Jurastudium und seinem politischen Werdegang. Quelle: dpa
Als er 38 Jahre alt war, widmete Anna von Bayern dem damaligen CSU-Minister Karl Theodor zu Guttenberg eine Biographie mit dem klangvollen Titel „Karl-Theodor zu Guttenberg - Aristokrat, Politstar, Minister“. Sie beschreibt KT, wie der damalige Star der deutschen Politszene genannt wurde, als Besucher von Technoclubs, als liebevollen Vater, zielstrebigen Minister und Politiker und immer wieder in Superlativen. Die Rede ist vom Hoffnungsträger und Heilsbringer.  Quelle: dpa
Willy Brandt berichtet in "Links und frei - Mein Weg 1930 - 1950" von den wichtigsten Stationen seines Lebenswegs in den dreißiger und vierziger Jahren, die ihn unter anderem ins skandinavische Exil führten. Die Autobiographie berichtet von seiner Jugend in Lübeck, die mit dem Zusammenbruch der ersten deutschen Demokratie und dem erzwungenen Exil ihr Ende fand. Er schildert die Jahre bis zum Kriegsausbruch, in denen er sowohl in Oslo, Paris, Berlin und Barcelona arbeitete, spricht von seiner Rückkehr nach Deutschland und darüber, wie er in der wiederauferstandenen SPD politische Verantwortung übernahm. Quelle: dpa
Edmund Stoiber schildert in seiner Autobiographie "Weil die Welt sich ändert" seine politischen Ziele und Visionen, sein Verhältnis zu Strauß und kann dabei sogar über sich selbst schmunzeln. Seine berühmte Flughafen-Rede lässt er genauso wenig aus, wie die zahlreichen Persiflagen auf seine Reden.  Quelle: dpa
Projekt 18, das Guido Mobil: FDP-Mann Guido Westerwelle hat in seinem Werk "...und das bin ich" einiges zu erklären. Bundespolitisch aktiv ist er seit den frühen achtziger Jahren - die Biographie zeigt seinen politischen Werdegang. Allerdings nur bis zum Jahr 2009. Seinen größten politischen Erfolg, nämlich den Job als Vizekanzler, und seine größte politische Niederlage beschreibt das Buch hingegen nicht.  Quelle: dpa
In "Das Herz schlägt links" berichtet Oskar Lafontaine von seinem politischen Leben: Vom Mannheimer Parteitag 1995, als er handstreichartig Rudolf Scharping als SPD-Vorsitzenden ablöste, bis zum unheimlichen Abgang nach 136 Tagen aus der Regierung Schröder. Lafontaine schildert darüber hinaus seine persönlichen Kämpfe in Partei und Regierung und schildert die Gründe, die im März 1999 zu seinem Rücktritt als Parteivorsitzender und Finanzminister führten. Quelle: dpa
2008 äußerte sich Kurt Beck über seinen Rücktritt von der SPD-Spitze und übte zugleich Kritik an seinem Nachfolger Franz Müntefering. "Unser Verhältnis ist natürlich nicht unproblematisch. Unser Politikstil, die Art, Machtfragen zu klären, sind schwer vereinbar", schrieb Beck in seiner Autobiographie "Kurt Beck. Ein Sozialdemokrat" Und weiter: "In der Zeit, als Franz Müntefering Vizekanzler war und ich die Partei führte, resultierten gewisse Schwierigkeiten daher, dass er sehr darauf bedacht war, sich in der Bandbreite des Koalitionsvertrags zu bewegen. Es war schwierig, mit ihm Perspektiven zu erarbeiten, die darüber hinausreichten." Zugleich räumt Beck eigene Fehleinschätzungen ein. "Nach den Landtagswahlen in Niedersachsen hatte sich herausgestellt, dass die Linke doch in die Landtage wichtiger westdeutscher Flächenländer einziehen konnte." In dieser Krise habe er "durch die Ankündigung einer richtigen Konsequenz zum falschen Zeitpunkt meine bis dahin vorhandene Chance eingebüßt, selbst als Spitzenkandidat der SPD in den Bundestagswahlkampf zu ziehen". Quelle: dpa

Das ließe sich à la Kohl, Wulff oder Guttenberg als glamouröse Geschichtsshow inszenieren, mit Starrednern aus der Politik und Kameragroßaufgebot. Doch Lammert kommt lieber leise daher, bei seiner Buchvorstellung sprach nur der ebenfalls eher gelassene Historiker Heinrich August Winkler.

So geizig Lammert mit Glamour umging, so verschwenderisch zeigt er sich mit klugen Sätzen – etwa darüber, dass freie Gesellschaften nicht konfliktfrei sein könnten, aber für das Austragen von Konflikten ein festgeschriebenes System von Gemeinsamkeiten brauchten, das sich ständig fortschreibe, „im Wechsel der Generationen und im Wechsel der Menschen, die auf einem Territorium miteinander leben“. In Zeiten von Zuwanderungsdebatten bleibt der Satz im Kopf hängen, genau wie dieser: „Die verschiedenen Staaten auf diesem Globus unterscheiden sich weniger dadurch voneinander, ob sie noch souverän sind oder nicht, sondern ob sie begriffen haben, dass sie nicht mehr souverän sind.“ Und Lammert fügt hinzu, dass die oft gescholtene EU „der bislang mit Abstand intelligenteste Versuch einer Antwort auf diese epochale Veränderung“ sei.

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Es macht Spaß, dies zu lesen, allerdings auch etwas wehmütig. Denn der kluge Lammert hat natürlich längst begriffen, dass auch die Souveränität seiner Volksvertreter nicht mehr ist, was sie einmal war. Das gilt nicht allein für Possen wie die jüngste Griechenlandabstimmung, als Abweichler mit parteiinternen Strafen rechnen mussten. Es gilt schlicht fürs politische Geschäft, das zunehmend vom Onlinefieber getrieben wird, befeuert von Facebook, Instagram, der Twitter-Demokratie. Selbst Kanzlerin Angela Merkel gibt zu, alles sei so viel schneller geworden. Nur bei Lammert ist wenig schneller geworden, er setzt stur darauf, dass die Leute Bundestagsdebatten sehen sollten statt Talkshows. Aber das tun kaum noch Menschen und Politiker auch nicht, sie twittern lieber darüber.

„Die Leiden des Doktor L.“ hat der „Spiegel“ daher schon diagnostiziert und unterstellt, Lammert lebe in einer anderen Welt. Die gab es bei dessen Buchvorstellung zu beobachten, zu der sich nichts auf Twitter fand und keine Instant-Kommentare von Parteifreunden und Parteifeinden aufblinkten. Zumindest für einige Stunden war die Berliner Welt eine schöne alte – und altmodische – Welt.

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