Berlin intern

Deutschlands teuerstes Spukschloss

Gregor Peter Schmitz
Gregor Peter Schmitz Ehem. Leiter Hauptstadtbüro WirtschaftsWoche (Berlin)

Der Bundesregierung gehört ein 50 Millionen Euro teures Anwesen auf der Fifth Avenue in New York. Früher war hier das Goethe-Institut untergebracht. Jetzt lässt der Bund die kostbare Immobilie verstauben. Eine Kolumne.

Fifth Avenue in New York Quelle: REUTERS

Besser lässt sich in New York kaum residieren. 1014 Fifth Avenue, ein sechsstöckiger Stadtpalast, direkt gegenüber dem Metropolitan Museum of Art, geschätzter Marktwert: mindestens 50 Millionen Euro. Doch das Gebäude steht leer, seit Jahren schon. In der Tür, durch die ein imposanter Treppenaufgang zu sehen ist, hängt nur ein Zettel, bei Fragen könne man sich an die deutsche Vertretung bei den Vereinten Nationen wenden.

Der Zettel hängt dort seit Jahren, ebenso lange steht das Gebäude leer, auf der vielleicht gefragtesten Straße der Welt. Wie ist das möglich? Die Rekonstruktion der Geschichte dieses edlen Stadtpalais im deutschen Staatsbesitz offenbart, wie Planungschaos und hochtrabende politische Visionen den Steuerzahler sehr viel Geld kosten können.

Das Gebäude beherbergte nämlich einmal die New Yorker Dependance des Goethe-Instituts. Doch das zog vor Jahren in den hipperen Stadtteil Soho um, wo Kulturarbeit scheinbar unkomplizierter ist als an der eher steifen Upper East Side, in einem Gebäude mit komplizierten Feuerschutzvorschriften.

Die teuersten US-Metropolen
Der Wohn-Block "One Hyde Park" im vornehmen Londoner Stadtteil Knightsbridge steht exemplarisch für die überhitzte Stimmung auf dem Immobilienmarkt. Eines der darin befindlichen Luxus-Objekte wurde kürzlich für rund 170 Millionen Euro verkauft. Obwohl es sich hierbei um eine Rekord-Summe handelt wird erwartet, dass die Preise noch einmal ansteigen werden. Auch in den US-Metropolen steigen die Häuserpreise wieder ins Unermessliche. Dabei hätte man doch eigentlich aus der Finanzkrise lernen können. Denn alles begann, als die Immobilienblase in den USA platzte... Quelle: dpa
new home for sale in Arlington, Virginia outside Washington DC, USA Quelle: dpa
Las Vegas Quelle: gemeinfrei
OrlandoEin Tourist nimmt an den Universal Studios in Florida ein Foto mit Comicfiguren aus der TV-Serie "Die Simpsons" auf. In Orlando fehlen mit durchschnittlich 156.800 Dollar noch 40,3 Prozent zum Vorkrisenniveau. Quelle: AP
Miami / TampaIn der nahe gelegenen Strandmetropole Miami kosten Immobilien um die 189.100 Dollar - ein Unterschied von 39,4 Prozent zur vorangegangen Immobilienblase. Prestigeimmobilien wie die Villa von Al Capone sind selbstverständlich sehr viel teurer. Dichter dran ist die kalifornische Stadt Tampa: Hier liegt der Wert bei 136.200 Dollar für ein Mittelklasse-Haus und ist damit 37 Prozent geringer als im Sommer 2006. Quelle: gemeinfrei
Riverside/San BernardinoTiefer in die Tasche greifen muss man für ein Eigenheim im Großraum Riverside/San Bernardino: Dort liegt der durchschnittliche Preis bei 262.300 Dollar, damit fehlen noch 34,9 Prozent bis zum Spitzenwert vor Platzen der Immobilienblase. Quelle: AP
DetroitEine Häuserfront in der Innenstadt von Detroit (Michigan). Die US-Pleitestadt trotzt dem Untergang. Während Kunst floriert, steigen in der Innenstadt schon die Mieten. Dennoch ist Detroit noch immer die billigste US-Metropole zum Wohnen. Laut der Studie kostet ein mittleres Haus 107.300 Dollar,  noch 32 Prozent weniger als vor der Krise. Quelle: dpa

Fortan stand das Haus leer, fiel aber dem damaligen Außenminister Guido Westerwelle auf. Er wollte die Stätte als das Hauptquartier eines kostspieligen neuen German American Forum nutzen. Oberstes Ziel: die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten mit neuem Leben zu füllen.

Westerwelles Beamte schlugen dem Haushaltausschuss des Bundestages in einem Konzeptpapier vor, das Stadthaus renovieren und umbauen zu lassen, Kostenpunkt: ein zweistelliger Millionenbetrag. Ähnlich wie in der American Academy in Berlin sollten deutsche Wissenschaftler, Künstler und Intellektuelle als Stipendiaten auf Zeit in dem bundeseigenen Gebäude wohnen. Zudem hätte das Forum als Bühne für deutsche Spitzenpolitiker auf USA-Besuch dienen können, Westerwelle dachte dabei vermutlich nicht zuletzt an sich selbst.

Sein Plan scheiterte aber im Bundestag – wegen der hohen Kosten und auch aufgrund der scharfen Proteste bestehender transatlantischer Programme, die eine weitere deutsch-amerikanische Initiative auf der Upper East Side nicht für eine furchtbar gute Idee hielten.

Das war vor über drei Jahren. Getan hat sich seitdem: nichts. Westerwelles kühne Idee ist zwar längst Geschichte. Aber die Geschichte, wie das teure Gebäude nun genutzt werden soll, droht eine unendliche zu werden. Westerwelle-Nachfolger Frank-Walter Steinmeier hat sich das Gebäude zuletzt angeschaut und war dem Vernehmen nach angetan. Es heißt aus dem Amt, das Goethe-Institut werde es vielleicht doch wieder nutzen – ein Verkauf steht derzeit nicht zur Debatte, schließlich ist der Bundeshaushalt noch ausgeglichen, also gibt es keinen akuten Handlungsbedarf. Kurzfristig ist ohnehin keine Abhilfe erkennbar, jede Entscheidung über die Immobilie werde frühestens in der nächsten Legislaturperiode fallen, ist in Berlin zu vernehmen.

Einstweilen bleibt 1014 Fifth Avenue ein Spukschloss in allerteuerster Lage. Und die Amerikaner staunen über Deutsche, die zu Hause Gebäude für Flüchtlingsnotunterkünfte beschlagnahmen müssen – aber es sich offenbar leisten können, auf der Fifth Avenue sogar auf Mieteinnahmen zu verzichten.

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