Berlin intern

Die Twitter-Demokratie

Gregor Peter Schmitz
Gregor Peter Schmitz Ehem. Leiter Hauptstadtbüro WirtschaftsWoche (Berlin)

Der FDP gelang auch dank sozialer Netzwerke ein Comeback. Aber Inhalte interessieren dort wenig.

Der kuriose Wahlkampf der FDP Bremen
Der Wahlkampf der FDP Bremen ist voll auf die Spitzenkandidatin Lencke Steiner zugeschnitten. (Foto: FDP Bremen)
Sie soll "eine neue Generation Bremen" verkörpern. (Foto: FDP Bremen)
#dasdingrocken - ist ein gerne genutzter Hashtag der Bremer FDP. Wie frech die Kampagne konzipiert ist, soll offenbar die pinke Zunge unterstreichen. (Foto: FDP Bremen)
Die Wahlkampagne erinnert stark an die Wahl in Hamburg im Februar. (Foto: FDP Bremen)
Hier hatte sich Spitzenkandidatin Katja Suding mit provokanten Plakaten ins Gespräch gebracht. (Foto: dpa)
Im Februar posierten die Bremer FDP-Spitzenkandidatin Lencke Steiner (l-r), Hamburgs FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding und die FDP-Generalsekretärin Nicola Beer für die Zeitschrift "Gala" - in Anlehnung an die Hollywood-Heldinnen "Drei Engel für Charlie". Nur ging es hier nicht um Charlie, sondern um Christian ... (Foto: dpa)
Gemeint ist Parteichef Christian Lindner. Doch wie viel Klamauk ist erlaubt? "Mit inhaltsleeren Kampagnen ließen sich keine Wähler gewinnen. 99% der Wähler der Freien Demokraten in Hamburg haben gesagt, ihnen fehle ohne die FDP eine starke marktwirtschaftliche Stimme. Deshalb sind wir zwar kreativer als andere, aber bei uns werden Köpfe nur zusammen mit den Themen Wirtschaft, Bildung und Infrastruktur plakatiert", sagte Linder der WirtschaftsWoche. (Foto: FDP Bremen)
Alle Kampagnen der FDP werden mittlerweile von der Werbeagentur "Heimat" betreut. Dies soll ein einheitliches Erscheinungsbild garantieren. Ein wenig Selbstironie ... (Foto: FDP Bremen)
... davon sind die Werber überzeugt, kann dabei nicht schaden. (Foto: FDP Bremen)
Doch zu viel Kreativität kann auch nach hinten losgehen. "Unsere Kinder sollen alles werden können. Außer dumm." Dem würde wohl jeder zustimmen. In Kombination mit dem Slogan "Eine neue Generation Bremen." könnte man jedoch denken, die alte Generation Bremen war eben dies - dumm. Das hatte Lencke Steiner aber sicher nicht so gemeint. (Foto: FDP Bremen)
Dann doch lieber auf Nummer sicher gehen und fragen, was der Wähler denkt. Das kommt meistens gut an. (Foto: FDP Bremen)

Gegenüber vom Berliner Thomas-Dehler-Haus, in das die FDP zum Presseabend vor ihrem Parteitag lud, hat ein Schönheitssalon aufgemacht. „Straff in den Sommer“, lockt dessen Schaufenster, aber die Liberalen straffen sich von ganz alleine, nach ihren überraschenden Wahlerfolgen in Hamburg und Bremen.

Wie alle guten Politiker machen die Parteioberen dafür vor allem einen verantwortlich: sich selber. Clever sei man gewesen, kreativ auch ohne viel Geld, ist beim Umtrunk zu hören. Das provokante „Unser Mann für Hamburg“-Plakat mit Spitzenkandidatin Katja Suding habe man etwa nur ein einziges Mal gezeigt, danach sei es über Facebook und Twitter rasant bekannt geworden.

Wenige Stunden nach diesem Selbstlob erfuhren die Liberalen die Tücken der neuen Twitter-Demokratie. FDP-Chef Christian Lindner hatte für den Parteitag ausdrücklich vorgegeben, nun sollten statt dem Image Inhalte im Vordergrund stehen. Doch statt um liberale Ideen für Deutschland ging es auf Twitter bald nur noch um „German Mut“, den knalligen Slogan der Liberalen. Nutzer stritten, ob die Worte nationalistisch, chauvinistisch oder einfach nur dämlich seien. „Mit #GermanMut macht die FDP auf AfD in bunt und bedient eine finstere nationale Tradition“, schimpfte der grüne Europaabgeordnete Sven Giegold. Ex-Pirat Christopher Lauer spielte spöttisch auf einstige liberale Fehltritte an: „Arbeitslosengeld II ,Spätrömische Dekadenz‘ nennen, das war GermanMut.“

Die FDP kehrt zurück in die Bremer Bürgerschaft
Für die FDP war 2014 ein hartes Jahr. Nachdem die Liberalen 2013 aus dem Bundestag flogen, ging es mit jeder Wahl weiter bergab. Die Thüringen-Wahl sollte den Umbruch bringen – brachte sie aber nicht. Es gelang der FDP nicht die Wähler anzusprechen. Das Ergebnis: Sie flog aus dem Landtag. Im Anschluss machte sich Ratlosigkeit und Hoffnungslosigkeit breit. Quelle: dpa
Am selben Tag flog die FDP auch aus dem Brandenburger Landtag. Mit dem selbstironischen Slogan „Keine Sau braucht die FDP“ versuchten die Liberalen für sich zu werben. Vergeblich. Die FDP verabschiedete sich aus dem dritten Landtag in Folge. Der FDP-Chef Christian Lindner hatte jetzt einen klaren Auftrag: Neue Themen setzen, neue Köpfe etablieren und den Fall der Partei in die Nichtigkeit abzuwenden. Quelle: dpa
Den Aufbruch wollte der FDP-Parteivorsitzende Christian Lindner im Stuttgarter Opernhaus beim traditionellen Dreikönigstreffen der Partei einläuten. Die FDP präsentierte sich mit einem neuen Logo und neuen Farben und wollte sich als neue Partei verkaufen. Quelle: dpa
Für Aufsehen sorgte Lindner mit seiner Wutrede im nordrhein-westfälischen Landtag. Nachdem ihn SPD-Mann Volker Münchow mit einem Zwischenruf unterbrach, lederte Lindner los: Mit ihm, dem FDP-Bundesvorsitzenden, könne Münchow das machen. "Aber welchen Eindruck macht so ein dümmlicher Zwischenruf wie Ihrer auf irgendeinen gründungswilligen jungen Menschen?", fragt Lindner. "Was ist das für ein Eindruck?" Die Frage, glaubt Lindner wohl, beantwortet sich von selbst. Der Rede wurde zum Internet-Hit. Quelle: dpa
Zum Viralhit wurde auch die Kampagne der Hamburger FDP-Spitzenkandidatin Katja Suding (m.). In Anlehnung an die Hollywood-Heldinnen „Drei Engel für Charlie“ ließ sich die Politikerin mit ihren Parteifreundinnen, der Bremer FDP-Spitzenkandidatin Lencke Steiner (l.) und FDP-Generalsekretärin Nicola Beer für das Promi-Magazin „Gala“ in Szene setzen. Die Kampagne erntete viel Hohn – allerdings dürfte das Suding jetzt egal sein. Quelle: dpa
Denn Suding hat in Hamburg gepunktet und den Abstieg der Partei verhindert. „Das Wahlergebnis ist ein Erfolg der ganzen FDP“, verkündet sie via Twitter. Mit sieben Prozent der Stimmen ist die FDP sicher in der Bürgerschaft. Damit haben die Liberalen erstmals seit der desaströsen Bundestagswahl 2013 den Sprung in ein Landesparlament geschafft. In der FDP herrscht wieder Aufbruchsstimmung. Quelle: dpa
Diese gute Stimmung hat sich nach der Bremen-Wahl verfestigt. Die FDP holte nach ersten Prognose 6,5 Prozent der Stimmen - mehr als zuvor erwartet. Christian Lindner zeigte sich erleichtert: "Der Erfolg in Hamburg war kein Zufallsergebnis." Quelle: dpa

Die Debatte tobte so, dass der liberale Parteigrande Alexander Graf Lambsdorff den Drang verspürte, zur Verteidigung des Slogans den bekennenden Nicht-Twitterer Perikles zu zitieren, natürlich in Tweet-Form: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.“

Die Netzaufregung, von Medien gleich genüsslich aufgespießt, spiegelt das Dilemma moderner Politikkommunikation wider. Da jeder Besitzer eines Smartphones mittlerweile ein potenzieller Nachrichtenkanal ist, können Parteien auch mit schmalem Budget leicht Aufmerksamkeit finden. Die Piraten vernetzten sich dort so rasant, dass älteren politischen Semestern schwindelig wurde. Auch Fans der Alternative für Deutschland (AfD) gelten als Twitter-affin.

Aber was beim Aufstieg hilft, kann den Abstieg beschleunigen. Twitter lebt von Provokation, weit mehr als die Like-Wattewelt auf Facebook. Twitter-Nutzer wollen sich eher zoffen als diskutieren, eine Steilvorlage für Querulanten.

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Bei den Piraten geriet der Netz-Grabenkampf rasch so persönlich, dass sich die Partei buchstäblich Tweet um Tweet auflöste. Ähnliches ist bei der AfD zu beobachten, wo vermeintlich Bürgerliche alle bürgerlichen Anstandsregeln vergessen. Und wie rasch wären die jungen Grünen wohl implodiert, hätten sie ihre frühen Chaostage einst auf Twitter mit der Welt teilen können?

Der Kurznachrichtendienst bleibt ein wichtiges Medium, aber eines mit akutem Verführungspotenzial. Wer fünfmal retweetet wird, hält sich für einflussreich. Wer fünfmal kritisiert wird, spürt dringenden Druck, etwas zu tun. FDP-Chef Lindner zum Beispiel verleitete die Netzaufregung rasch zu dieser Tweet-Reaktion: „Was heißt #GermanMut für euch? Schickt uns eure Fotos.“

Lindner versprach gar einen Gewinn fürs beste Foto. Gewinnend wäre gewesen, mal einen Tweet auszulassen. Man hätte das gar German Mut nennen können.

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