




Gegenüber vom Berliner Thomas-Dehler-Haus, in das die FDP zum Presseabend vor ihrem Parteitag lud, hat ein Schönheitssalon aufgemacht. „Straff in den Sommer“, lockt dessen Schaufenster, aber die Liberalen straffen sich von ganz alleine, nach ihren überraschenden Wahlerfolgen in Hamburg und Bremen.
Wie alle guten Politiker machen die Parteioberen dafür vor allem einen verantwortlich: sich selber. Clever sei man gewesen, kreativ auch ohne viel Geld, ist beim Umtrunk zu hören. Das provokante „Unser Mann für Hamburg“-Plakat mit Spitzenkandidatin Katja Suding habe man etwa nur ein einziges Mal gezeigt, danach sei es über Facebook und Twitter rasant bekannt geworden.
Wenige Stunden nach diesem Selbstlob erfuhren die Liberalen die Tücken der neuen Twitter-Demokratie. FDP-Chef Christian Lindner hatte für den Parteitag ausdrücklich vorgegeben, nun sollten statt dem Image Inhalte im Vordergrund stehen. Doch statt um liberale Ideen für Deutschland ging es auf Twitter bald nur noch um „German Mut“, den knalligen Slogan der Liberalen. Nutzer stritten, ob die Worte nationalistisch, chauvinistisch oder einfach nur dämlich seien. „Mit #GermanMut macht die FDP auf AfD in bunt und bedient eine finstere nationale Tradition“, schimpfte der grüne Europaabgeordnete Sven Giegold. Ex-Pirat Christopher Lauer spielte spöttisch auf einstige liberale Fehltritte an: „Arbeitslosengeld II ,Spätrömische Dekadenz‘ nennen, das war GermanMut.“
Die Debatte tobte so, dass der liberale Parteigrande Alexander Graf Lambsdorff den Drang verspürte, zur Verteidigung des Slogans den bekennenden Nicht-Twitterer Perikles zu zitieren, natürlich in Tweet-Form: „Das Geheimnis des Glücks ist die Freiheit. Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut.“
Die Netzaufregung, von Medien gleich genüsslich aufgespießt, spiegelt das Dilemma moderner Politikkommunikation wider. Da jeder Besitzer eines Smartphones mittlerweile ein potenzieller Nachrichtenkanal ist, können Parteien auch mit schmalem Budget leicht Aufmerksamkeit finden. Die Piraten vernetzten sich dort so rasant, dass älteren politischen Semestern schwindelig wurde. Auch Fans der Alternative für Deutschland (AfD) gelten als Twitter-affin.
Aber was beim Aufstieg hilft, kann den Abstieg beschleunigen. Twitter lebt von Provokation, weit mehr als die Like-Wattewelt auf Facebook. Twitter-Nutzer wollen sich eher zoffen als diskutieren, eine Steilvorlage für Querulanten.
Bei den Piraten geriet der Netz-Grabenkampf rasch so persönlich, dass sich die Partei buchstäblich Tweet um Tweet auflöste. Ähnliches ist bei der AfD zu beobachten, wo vermeintlich Bürgerliche alle bürgerlichen Anstandsregeln vergessen. Und wie rasch wären die jungen Grünen wohl implodiert, hätten sie ihre frühen Chaostage einst auf Twitter mit der Welt teilen können?
Der Kurznachrichtendienst bleibt ein wichtiges Medium, aber eines mit akutem Verführungspotenzial. Wer fünfmal retweetet wird, hält sich für einflussreich. Wer fünfmal kritisiert wird, spürt dringenden Druck, etwas zu tun. FDP-Chef Lindner zum Beispiel verleitete die Netzaufregung rasch zu dieser Tweet-Reaktion: „Was heißt #GermanMut für euch? Schickt uns eure Fotos.“
Lindner versprach gar einen Gewinn fürs beste Foto. Gewinnend wäre gewesen, mal einen Tweet auszulassen. Man hätte das gar German Mut nennen können.