Berlin intern

Die Welt staunt über die deutsche Liebe zum Doktortitel

Gregor Peter Schmitz
Gregor Peter Schmitz Ehem. Leiter Hauptstadtbüro WirtschaftsWoche (Berlin)

Wieder muss mit Ursula von der Leyen eine Spitzenpolitikerin wegen ihrer Doktorarbeit ums Amt zittern. Ein sehr deutsches Problem.

Wenn Politiker über Doktortitel stolpern
Gerd MüllerDie Universität Regensburg sieht in der Doktorarbeit von Entwicklungshilfeminister Gerd Müller (CSU) keine Hinweise auf ein Plagiat. Dem Verdacht wissenschaftlichen Fehlverhaltens fehle die Grundlage, teilte die Hochschule mit. „Die Art und Weise, wie vom Autor benutzte Literatur und Quellen dokumentiert sind, ist nicht darauf angelegt, die eigentliche intellektuelle Autorschaft an Erkenntnissen, Ideen, Argumenten oder Thesen zu verschleiern.“ Nach Angaben der Universität fand der Ombudsmann für solche Fälle, Professor Christoph Meinel, keine Hinweise, dass die 1987 vorgelegte Dissertation gegen die Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis verstößt. Auch an den wenigen Stellen, wo Wortfolgen übernommen worden seien, ohne sie durch Anführungszeichen zu markieren, werde die Herkunft durch Anmerkungsziffern und Seitennachweis belegt. Mit den Vorwürfen war Anfang April der Nürnberger Plagiatsjäger Martin Heidingsfelder an die Öffentlichkeit getreten: Müller habe in seiner Doktorarbeit „Die Junge Union Bayern und ihr Beitrag zur politischen Jugend- und Erwachsenenbildung“ Texte aus Arbeiten des Politologen und späteren CDU-Politikers Wolfgang Hackel übernommen, ohne diese mit Anführungszeichen als Zitat zu kennzeichnen. Quelle: dpa
Silvana Koch-Mehrin Die FDP-Politikerin bekommt ihren Doktortitel nicht zurück. Knapp zwei Jahre nach Entzug des akademischen Grades lehnte der Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg (VGH) den Antrag der 43-jährigen Europaabgeordneten auf Berufung gegen ein Urteil der Vorinstanz ab.Die Universität Heidelberg hatte Koch-Mehrin im Juni 2011 den akademischen Doktorgrad wegen Plagiaten entzogen. Die Politikerin wollte sich damit nicht abfinden und klagte gegen die Entscheidung. Das Verwaltungsgericht Karlsruhe befand im März 2013, dass Koch-Mehrin den Titel zu Recht verloren habe, weil sie in ihrer Doktorarbeit teils mehrseitige Passagen samt Fußnoten aus fremden Texten nahezu wortgleich übernommen habe, ohne dies kenntlich zu machen. Dies lasse den Schluss zu, dass die Klägerin „wiederholt und planmäßig“ getäuscht habe. Der VGH in Mannheim entschied nun, es gebe keine „ernstlichen Zweifel an der Richtigkeit“ dieses Urteils. Die Rügen der Klägerin zum Verfahren der Uni Heidelberg reichten nicht aus, befanden die Verwaltungsrichter. Koch-Mehrin hatte unter anderem beanstandet, dass der Heidelberger Promotionsausschuss „den denunziatorischen Charakter des Vorgehens gegen die Klägerin nicht berücksichtigt“ habe. Bei der Überprüfung der Doktorarbeit über die „Lateinische Münzunion 1865-1927“ hatte die Uni Heidelberg auf 80 Seiten 125 Plagiate gefunden. Sie bestätigte damit Recherchen von Internet-Nutzern, die Anfang April 2011 im „VroniPlag“-Wiki plagiatsverdächtige Stellen zusammengetragen hatten. Die Affäre hat jetzt ein Ende gefunden. Der VGH stellte fest: „Der Beschluss ist unanfechtbar.“ Quelle: dpa
Andreas ScheuerDer Wirbel um die Doktorarbeit von CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer hält an. Der Ombudsmann für die deutsche Wissenschaft, der Bonner Juraprofessor Wolfgang Löwer, sprach sich dafür aus, dass die Arbeit auf einen möglichen Plagiats-Tatbestand wissenschaftlich untersucht wird. Die bekanntgewordenen Stellen „sollten Anlass sein, genauer hinzusehen und zu prüfen, wie der Text entstanden ist“, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ (FAS). „Ich gehe davon aus, dass die Karlsuniversität in Prag dieser Aufgabe nachkommen wird.“ In der CSU-Landesleitung in München war am Samstag niemand für eine Stellungnahme erreichbar. In Prag hatte Scheuer sein „kleines Doktorat“ erworben, das ihn nur in Bayern und Berlin zum Tragen eines allgemeinen Doktortitels berechtigt. Nachdem er wegen der Verwendung auch anderswo kritisiert worden war, hatte Scheuer am Freitag ganz darauf verzichtet, einen akademischen Titel zu tragen. Der CSU-Chef und bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer sagte der „Süddeutschen Zeitung“: „Die Entscheidung, dass er den Titel nicht weiter führt, ist richtig. Für mich ist das erledigt.“ Bayerns SPD-Landesvorsitzender Florian Pronold hatte dagegen betont: „Mit dem Verzicht auf den Doktortitel ist es noch nicht getan. Im Raum steht schließlich der Vorwurf des Plagiats.“ Und die Fraktionschefin der Grünen im Bundestag, Katrin Göring-Eckardt, hatte getwittert: „Wie heißt es nochmal bei der CSU: „Wer betrügt, der fliegt.“ Und was heißt das dann für Herrn Scheuer?“ Löwer stufte Passagen in Scheuers Promotionsarbeit, die offenbar aus einer Publikation der Bundeszentrale für politische Bildung übernommen wurden, als „klassisches Plagiat“ ein. Es könne sich jedoch auch um ein Versehen handeln. Ob der Verfasser eine systematische Täuschungsabsicht verfolgt habe, sei erst durch eine gründliche Prüfung der gesamten Arbeit festzustellen, erläuterte der Ombudsmann, der für gute wissenschaftliche Praxis und Verstöße dagegen zuständig ist. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete von Hinweisen, dass Scheuer zum Thema Volksentscheide in Bayern auch von einer Publikation der Bayerischen Landeszentrale für politische Bildung abgeschrieben haben könnte. „Das ist eindeutig abgeschrieben“, sagte der Münchner Jura-Professor Volker Rieble dem Blatt. Allerdings sei die Zahl der Fundstellen und der Umfang der übernommenen Texte gering. „Das reicht nicht, um von einer plagiatorischen Arbeitsweise zu sprechen.“ Dass mal an wenigen Stellen die Fußnote fehle, könne durchaus passieren. Aber Rieble fügte auch hinzu: „Acht bis zehn Stellen von dieser Qualität, dann ist er geliefert.“ Quelle: dpa
Norbert LammertDie Universität Bochum wird kein Verfahren zur Aberkennung des Doktorgrades von Bundestagspräsident Norbert Lammert eröffnen. Das beschloss das Rektorat der Hochschule auf der Grundlage einer eingehenden Prüfung, wie die Ruhr-Universität am Mittwoch mitteilte. „In der Dissertation finden sich zwar vermeidbare Schwächen in den Zitationen, die aber den Verdacht des Plagiats oder der Täuschung keineswegs rechtfertigen“, heißt es in der Mitteilung. Ein anonymer Blogger mit dem Pseudonym „Robert Schmidt“ hatte Lammert Ende Juli vorgeworfen, dass sich auf 42 Seiten seiner Arbeit Unregelmäßigkeiten fänden. Quelle: dpa
Frank-Walter SteinmeierDie Universität Gießen geht Plagiatsvorwürfen gegen den SPD-Fraktionschef nach. Es sei ein Schreiben eingegangen, in dem die Überprüfung von Steinmeiers Doktorarbeit angeregt werde, teilte die mittelhessische Hochschule am Sonntag mit. Voraussichtlich an diesem Montag (30.9.) werde entschieden, wie man weiter vorgehen wolle. Zuvor hatte das Magazin „Focus“ unter Berufung auf den Wirtschaftswissenschaftler Uwe Kamenz gemeldet, Steinmeiers 1991 in Gießen eingereichte Promotion weise „umfangreiche Plagiatsindizien“ auf. Steinmeier sprach auf „Focus“-Anfrage von einem „absurden Vorwurf“. „Sollte sich die Uni Gießen zu einer Überprüfung entschließen, sehe ich dem Ergebnis mit großer Gelassenheit entgegen.“ Professor Kamenz hatte Steinmeiers Arbeit „Tradition und Perspektiven staatlicher Intervention zur Verhinderung und Beseitigung von Obdachlosigkeit“ per Computersoftware mit 50 in der Arbeit genannten Quellen verglichen, wie er am Sonntag der dpa sagte. An mehr als 400 Stellen seien problematische Übereinstimmungen registriert worden. „Wenn man 400-mal die Anführungszeichen vergisst, kann das kein Versehen sein“, urteilte Kamenz. Der Berliner Jura-Professor Gerhard Dannemann, der eine Zwischenversion des Prüfberichts von Kamenz ansehen konnte, wertete nach „Focus“-Angaben einen Großteil der Indizien als „lässliche Sünden“. Mindestens drei Passagen seien aber kritisch: „Wenn der Prüfungsbericht hier die Quellen richtig wiedergibt, wären das Verstöße gegen die Zitierregeln, die den Bereich des Tolerierbaren klar überschreiten würden.“ Quelle: dpa
Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) Quelle: dapd
German Defence Minister Karl-Theodor zu Guttenberg Quelle: dapd
Jorgo Chatzimarkakis (FDP) Quelle: dapd
Margarita Mathiopoulos (FDP) Die FDP-Beraterin verlor im April 2012 ihren Doktortitel, weil sie bei ihrer Dissertation abgeschrieben haben soll. Der Rat der Philosophischen Fakultät der Universität Bonn beschloss den Entzug. Mathiopoulos' Anwälte kündigten eine Klage an. Sollte der Entzug rechtskräftig werden, will ihr die Universität Potsdam eine Honorarprofessur entziehen.
Dieter Jasper (CDU) Der nordrhein-westfälische Bundestagsabgeordnete wurde Anfang Mai 2011 zu einer Geldstrafe von 5000 Euro verurteilt, weil er einen Doktortitel zu Unrecht geführt hatte. Jasper hatte den Doktor der Wirtschaftswissenschaften 2004 an einer Universität in der Schweiz erworben, die gegen Geld akademische Grade vergeben soll. Quelle: dpa
Kai Schürholt (CDU) Der Oberbürgermeisterkandidat der Landauer CDU hatte sich 2007 im Wahlkampf mit einem Doktortitel geschmückt, obwohl er seine Promotion noch längst nicht abgeschlossen hatte. Das Amtsgericht Landau verurteilte den studierten Theologen im Juni 2009 wegen Titelmissbrauchs zu einer Geldstrafe von 7500 Euro. Quelle: Screenshot

Als nach Karl-Theodor zu Guttenberg auch Annette Schavan ihr Ministeramt wegen einer mangelhaften Doktorarbeit räumen musste, titelte „Le Monde“ belustigt, in Frankreich stürzten Politiker über Geliebte, in Deutschland über Plagiate. Ob das französische Blatt bald so auch über Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schreiben muss, ist noch unklar. Die Überprüfung von deren 62 Seiten langer Promotion über das „C-reaktive Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssyndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung“ dürfte durchaus dauern.

Klar ist aber bereits, dass viele ausländische Beobachter sich wieder die Augen reiben werden, sollte nun auch noch die aussichtsreichste Kandidatin für die Nachfolge von Kanzlerin Angela Merkel über Fußnoten stolpern.

Dass VroniPlag und andere Enthüllungsplattformen wie eine Reputations-Guillotine über den politischen Akteuren schweben, ist in anderen Ländern nämlich bislang so gut wie unbekannt.

Die skrupellosesten Fälschungen des Jahres
LED-Taschenlampe Quelle: Aktion Plagiarius e.V.
Porzellan-Engel Quelle: Aktion Plagiarius e.V.
Küchenschneidegeräte Quelle: Aktion Plagiarius e.V.
Käsereibe und Küchenmesser Quelle: Aktion Plagiarius e.V.
Spiralschneider „SPIRELLI“ Quelle: Aktion Plagiarius e.V.
Polstermöbelsystem „Conseta“ Quelle: Aktion Plagiarius e.V.
Parfums „Jean Paul Gaultier Classique“ und „Jean Paul Gaultier Le Male“ Quelle: Aktion Plagiarius e.V.
Notfall-Beatmungsgeräte „MEDUMAT Easy“ und „MEDUMAT Transport“ Quelle: Aktion Plagiarius e.V.
Möbel-Rolle „movetto 8“ Quelle: Aktion Plagiarius e.V.
Heißluftgebläse „HL 1610 S“ und „HG 2310 LCD“ Quelle: Aktion Plagiarius e.V.

Zwar mussten natürlich auch dort Politiker ob Plagiaten ihr Amt aufgeben, zum Beispiel in Ungarn oder Rumänien. Aber das große Frankreich etwa ist nach Selbsteinschätzung von Wissenschaftlern bislang meist ein Paradies für Großplagiatoren. In Großbritannien konnte die Boulevardpresse viele Sexsünder teeren oder federn, aber kaum Abschreiber. Und in den Vereinigten Staaten dürfen selbst überführte Kopierer meist weitermachen. Demokrat Joe Biden, der sich bei seiner ersten Präsidentschaftskandidatur fremder Reden bediente, schaffte es bis zum US-Vizepräsidenten – und denkt gerade über eine neuerliche Kandidatur für den Chefposten im Weißen Haus nach, hoffentlich dann mit frischen eigenen Reden.

Die Deutschen hingegen strafen politische Abschreibe-Künstler bislang hart ab. So hart, dass das Ausland die Doktordebatten mit einem Blick in die deutsche Seele zu erklären versucht. Genüsslich vermerkte etwa die „New York Times“, dass Doktoren in Deutschland ja sogar beim Bäcker mit dem Titel angesprochen würden – und der Bundestag (Doktoren- oder Professorenanteil 18 Prozent!) natürlich ein Gesetz blockiert habe, nach dem der Doktor nicht mehr als Namensbestandteil im Personalausweis vermerkt werden sollte.

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So staunt die Welt über die deutsche Doktorenliebe. Diese dürfte ganz einfach erklären, warum Politikern in Deutschland so oft ihre Neigung zum Kopieren zum Verhängnis wird. Es gibt hierzulande schlicht weit mehr Herr und Frau Dr., rund 2,3 Prozent eines Geburtenjahrgangs, einsame Spitze in Europa. Der Grund dafür liegt im System. In Frankreich etwa reicht der Besuch einer der staatlichen Eliteschulen meist als Karriereturbo, in Großbritannien gilt Ähnliches.

Auch in den USA liegt der Promotionsanteil niedriger, weil der Doktortitel dort fast ausschließlich auf Wissenschaftler zugeschnitten ist, und die verirren sich selten in die Politik. Wer dort im Alltag den Doktortitel anwendet, erntet die verwirrte Frage, ob er Chirurg oder Allgemeinmediziner sei.

Allerdings relativieren sich auch die deutschen Zahlen, wenn man die (zahlreichen) medizinischen Promotionen abzieht, die ohnehin in Wissenschaftskreisen seit Langem einen schlechten Ruf genießen. Gut möglich, dass sich Ursula von der Leyen gerade wünscht, sie hätte zu dieser Reduktion beigetragen.

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