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Berlin Intern

DIW am Scheideweg

Henning Krumrey Ehem. Redakteur

Zwischen die Präsidentschaftswahlen von Joachim Gauck und Barack Obama hat das Schicksal eine etwas kleinere gestellt: Das DIW sucht einen neuen Chef.

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Königsmacher - Der frühere Finanzprofessor Rürup steuert die DIW-Nachfolgersuche Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

Wer sich mit Marketing und PR auskennt, macht es genau so: mit einem kleinen Aufreger das Interesse wecken, damit alle hinschauen, wenn Großes geschieht. Als hätte ein schlauer Kampagnenprofi Regie geführt, präsentierte das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) vergangene Woche seinen Vorschlag einer Zwangsanleihe für Wohlhabende, um die Kosten der Euro-Rettung aufzubringen. Für Deutschland errechneten die Experten die fröhliche Summe von 230 Milliarden Euro, die sich so einkassieren ließen. Die Resonanz war überschäumend. Neben einer lebhaften Debatte fing sich der Berliner Ökonomentempel auch harsche Reaktionen ein: „Sind wir denn im Krieg?“, schnaubte Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub. „Sollen wir jetzt so Länder finanzieren, die sich an keine Regeln halten.“

Die Lücke schließen

Wer dadurch aufgeschreckt auf das DIW schaut, erblickt ein Haus im Umbruch. Von diesem Montag an sind fünf Kandidaten für das seit Februar 2011 vakante Präsidentenamt zum „Probesingen“ eingeladen. Ihre Notenblätter bereitgelegt haben Ansgar Belke von der Universität Duisburg-Essen, Marcel Thum, der Chef der ifo-Filiale in Dresden, Daniel Gros vom Brüsseler Thinktank Ceps, die Münchner Makroökonomin Dalia Marin sowie der leitende Volkswirt der EZB, Marcel Fratzscher. Am Mittwoch will die Findungskommission unter Leitung des früheren Wirtschaftsweisen Bert Rürup ihrem Vorschlag präsentieren. Wenn dann Kuratorium und die Geldgeber zustimmen – das Bundeswirtschaftsministerium und der Berliner Senat – ist die Lücke geschlossen.

Kaum jemand will den Job

Gesucht wird: ein forscher Wissenschaftler, der ökonomische Exzellenz verbindet mit Führungs- und Geldsammelerfahrung sowie Mut zur politischen Diskussion. Das Dilemma des DIW: Immer weniger Spitzenwissenschaftler möchten sich mit den Verwaltungsmüh(l)en eines Instituts plagen und das Risiko der Politikberatung wagen. Prominentere Bewerber wie der Berliner Professor Michael Burda zuckten zurück. „Alle, die wir haben wollten, haben abgesagt“, seufzt ein Mitglied der Findungskommission. Favoriten gibt es intern bislang nicht, nur Getuschel: War es Zufall oder ein Hinweis, dass Kandidatin Marin den rürupschen Ökonomen-Konter gegen die 170 Euro-Wut-Professoren mit unterzeichnete?

Risse im Image der DIW

Euro-Streit in der Wirtschaft
Audi-Chef Rupert Stadler Quelle: dpa
Wolfgang Reitzle Quelle: dpa
Peter Löscher Quelle: dapd
Lutz Goebel Quelle: Maria Schulz
Hans-Peter Keitel Quelle: Reuters
Franz Fehrenbach Quelle: dapd

Attraktiv gibt sich das traditionsreiche Haus derzeit nicht. Erst der unrühmliche Abgang des Präsidenten Klaus Zimmermann, dann schossen Institutsinsassen in anonymen Briefen und im Internet gegen Rürup, der das Wissenschaftlerheim in eine keynesianische Kaderschmiede umbauen wolle. Er selbst erklärt, für die künftige Abteilung Weltwirtschaft brauche man Platz, ein Trupp mit „randständigen“ Themen müsse deshalb weichen.

Kapitalistenknecht oder rote Socke?

Inzwischen sind die Querelen etwas abgeklungen, auch weil – fast keynesianisch – an meist staatlich finanzierter Ersatznachfrage für die Wissenschaftler gebastelt wird. Rürup, der es vom SPD-nahen Finanzprofessor über den Wirtschaftsweisen zum Chefvolkswirt und Geschäftspartner des früheren AWD-Finanzprodukte-Fürsten Carsten Maschmeyer brachte, ficht das nicht an: „Für die einen bin ich Kapitalistenknecht, für die anderen rote Socke – was sollste da sagen?“

Deutschland



Rückendeckung bekommt er aus der Spitze des Bundeswirtschaftsministeriums. Dort erwartet man, dass Rürup dem DIW wieder Struktur gibt und einen durchsetzungsfähigen Chef (oder Chefin). Denn das Institut habe sich in den letzten Jahren zu einer „Schlangengrube“ entwickelt. Eine Häutung wäre da normal.

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