Berlin intern

Ein Charakterkopf verlässt den Bundestag

Henning Krumrey Ehem. Redakteur

Nach 37 Jahren kandidiert CSU-Poltergeist Michael Glos nicht mehr – nur Wolfgang Schäuble sitzt länger im Bundestag. Mit ihm geht eine der letzten echten Typen.

Michael Glos (CSU) sitzt im Bundestag Quelle: dpa

Ach, wie schön beginnt ein Tag doch mit einer kleinen Bosheit. Für Michael Glos beginnt fast jeder Tag schön. Der altgediente CSU-Haudegen ist ein fröhlicher Meister der Sottise, eine Art Polit-Fiesling mit menschlichem Antlitz. Den heutigen Umweltminister Peter Altmeier nannte er in dessen parlamentarischer Frühphase Mitte der Neunzigerjahre gern den „Herrn mit der aufgeworfenen Oberlippe“, um ihn wegen schwarz-grüner Avancen der „Pizza Connection“ zu strafen. Und wenn der Koalitionspartner FDP, derzeit wieder ausweglos an die Union gekettet, im schwarz-gelben Bündnis aufmuckt, kommentiert Glos bissig-kühl: „Das ist die Drohung des Karpfens, sich an Land zu werfen.“ An diesem Montag verabschiedet die Landesgruppe im Bundestag den Abgeordneten Glos.

Der Müllermeister aus Prichsenstadt nahe Schweinfurt hat die bundesdeutsche Politik der vergangenen drei Jahrzehnte stärker mitbestimmt, als an seinen Amtsbezeichnungen abzulesen war. Er fühlte sich am wohlsten im Halbdunkel zwischen Bühne und Kulisse. Als CSU-Landesgruppenchef und damit einflussreicher Statthalter der Bayernpartei in der Hauptstadt konnte er Personal- wie Sachentscheidungen mitsteuern, ohne im Rampenlicht glänzen oder sich rechtfertigen zu müssen – zwölf Jahre lang.

Das sind die Lieblingswitze deutscher Politiker
"Angela Merkel gibt es jetzt auch als Barbie-Puppe - für 300 Euro. Das heißt, die Puppe kostet nur 20 Euro, aber richtig teuer werden die 40 Hosenanzüge." Dieser Witz über seine Chefin hing Vizekanzler Philipp Rösler (FDP) noch lange nach. Sein erster Bierzelt-Auftritt 2010 beim Gillamoos-Volksfest im bayerischen Abensberg schlug hohe Wellen. "Ich habe schon immer Witze über meine Chefs gemacht", sagte Rösler und versuchte, die Wogen zu glätten. Quelle: dpa
Entwicklungsminister Dirk Niebel (FDP) nimmt sich die Roten vor: “Ein Sozialdemokrat benötigt einen Herzschrittmacher. Der Arzt fragt: "Einen roten oder einen schwarzen?" Der Patient: "Natürlich einen roten." Der Sozi geht nach der Operation zum Arzt: "Man sieht doch von außen gar nicht, ob rot oder schwarz. Was ist denn der Unterschied?" Der Arzt: "Der rote arbeitet nur 35 Stunden in der Woche."“ Quelle: dpa
Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) erzählt den seiner Ansicht nach „kürzesten und zugleich bittersten Witz von den/über die Ostdeutschen“: "Zwei Ossis treffen sich auf Arbeit." Quelle: dpa
FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle, zuletzt wegen seines „Herrenwitzes“ in den Schlagzeilen, macht jetzt einen Witz über die Kommunisten, den er einmal in der „London Times“ gelesen hat: „Warum operiert der KGB immer in Dreier-Teams? Einer kann lesen, einer kann schreiben, der dritte überwacht die beiden Intellektuellen.“ Quelle: dpa
Ex-Bundespräsident Walter Scheel (FDP) setzt sich mit dem höchsten Amt im Staat auseinander: „Der Bundespräsident besucht die Einweihung einer Irrenanstalt. Beim Gespräch mit den ersten Bewohnern wird er von einem Patienten gefragt: "Was sind Sie von Beruf?" Antwortet der Bundespräsident: "Ich bin Bundespräsident!" Sagt der Patient: "Sehen Sie, so hat es bei mir auch angefangen."“ Quelle: dpa
Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) hält es eher unpolitisch: „Eva fragt Adam: "Liebst Du mich?" Adam: "Wen sonst?"“ Dieser Witz scheint sich rumgesprochen zu haben bei den Liberalen: FDP-Staatsministerin Cornelia Pieper erzählt im Buch den gleichen. Quelle: dpa
Über welche Witze Politiker anderer Parteien lachen, haben die Herausgeber Hans Peter Brugger und Ralph Kappes in dem Buch „Die Lieblingswitze deutscher Politiker“ zusammengefasst, das der Münchner Riva-Verlag jetzt auf den Markt gebracht hat. Quelle: dpa

Schon in seiner ersten Rede 1976 hatte er sich für den Spott als politische Waffe entschieden. Als er den deutschen Kindermangel beklagte, blaffte ihn der legendäre SPD-Vormann Herbert Wehner an: „Dann gehen Sie besser nach Hause zu Ihrer Frau.“ Glos konterte: „Die sitzt schon da oben“, und schaute auf die Besuchertribüne zu seiner Ilse. Wehner legte nach. „Bei Ihrem Gesicht kann einem das Kinderkriegen vergehen.“ Glos: „Es kommt mehr darauf an, wie das Gesicht auf Frauen wirkt.“

Sein einziges Staatsamt, für andere der Höhepunkt ihres politischen Wirkens, wurde für ihn eher zum Tiefpunkt. Als der damalige CSU-Vorsitzende Edmund Stoiber bei der Kabinettsbildung 2005 plötzlich kniff, rief er nachts an: „Du musst das machen“, beorderte er Glos ins Wirtschaftsressort. Landwirtschaftsminister hätte er schon 1994 werden können, doch da zog er den Einfluss als Landesgruppenchef vor.

Im Wirtschaftsministerium fremdelte er, fühlte sich von Liberalen und Sozen umzingelt. Manchen Abend tröstete er sich mit Operndiva Anna Netrebko – zu seinem Bedauern nur akustisch – auf der Super-Stereoanlage im Ministerbüro, die Vorvorgänger Werner Müller hatte einbauen lassen.

Glos ist nicht nachtragend, er vergisst bloß nichts. Das Verhältnis zu Stoiber ist seitdem beendet. Den heutigen Parteichef Horst Seehofer, von Glos gern „Horsti“ oder „der Seehase“ genannt, stufte er früher als andere als sprunghaft ein.

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Ausschließlich in die Heimat zurückkehren will er nicht, denn „ohne Berlin würde mir was fehlen“. Er hat sich als Berater und Interessenvertreter bei seinem alten Freund Nikolaus Knauf verdingt. In der Repräsentanz des Gips- und Dämmstoffimperiums bezieht er ein Büro, auch wenn er klagt, die Lobbyisten nähmen überhand.

Der legendäre FDP-Marktgraf Otto Lambsdorff bekundete bei seiner Abschiedsrede vor dem Plenum, wenn er Kollegen mit bissigen Äußerungen verletzt habe, „dann war das meine Absicht“. Auch Glos könnte mit diesen Worten scheiden, doch wird er kein gerührtes oder anrührendes Schlusswort unter seine Bundestagskarriere setzen. „Ich halte keine Abschiedsrede, ich hinterlasse ja kein Vermächtnis“, sagt der bescheiden gebliebene Glos. „So ernst habe ich mich nie genommen.“

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