Berlin intern

Ein Hauch von Athen

Gregor Peter Schmitz
Gregor Peter Schmitz Ehem. Leiter Hauptstadtbüro WirtschaftsWoche (Berlin)

Seit der Euro-Krise glauben Deutsche, wahre Orga-Talente zu sein. Berlins Bauprojekte zeigen: Stimmt nicht.

"Das ist ein eindeutiges Misstrauensvotum gegen die Verhandlungen"
Wolfgang Schäuble Bundestag Griechenland Quelle: dpa
Wolfgang Schäuble Bundestag Griechenland Quelle: dpa
Thomas Oppermann Griechenland Bundestag Quelle: dpa
Klaus-Peter Willsch, Bundestag Quelle: dpa
Anton Hofreiter Bundestag Griechenland Quelle: dpa
Clemens Fuest Griechenland Quelle: Reuters
Gregor Gysi Bundestag Quelle: dpa

Als die Abgeordneten des Deutschen Bundestages am Mittwoch über das dritte Hilfspaket für Athen debattierten, schilderten sie Griechenland wie einen sehr fernen Staat, dem man nicht trauen und auf den man ganz bestimmt nicht bauen könne.

Aber wenn es um Baumängel geht, sind griechische Verhältnisse den Parlamentariern in Berlin durchaus nicht fremd. Um Planungschaos und torpedierte Zeitpläne zu begreifen, müssen sie nicht bis nach Schönefeld schauen, wo eine Woche ohne neuen Skandal rund um den geplanten BER-Flughafen so ungewöhnlich geworden ist wie in Griechenland eine Woche ohne ein Varoufakis-Abrechnungsinterview.

Nein, Deutschlands Volksvertreter können einfach aus ihren Büros blicken. In der Luisenstraße in Berlins Zentrum will der Bundestag nämlich anbauen, ein Erweiterungsbau soll schicke neue Abgeordnetenbüros bieten, einen Multifunktionssaal, ein Selbstbedienungsrestaurant. Leicht zu finden sein soll das Gebäude ebenfalls, an seiner Spitze wird ein 36 Meter hoher Turm thronen.

Nur: Die Konstruktion erinnert längst an den Turmbau zu Babel. Erst verzögerten Einsprüche gegen die Erstellung der Baugrube den Start, dann hakte es bei der Fassade und schließlich beim Innenausbau. Schon bald war der avisierte Eröffnungstermin 2014 nicht mehr zu halten, dann vertagte man sich auf das Jahr 2015, danach auf den Sommer 2016.

Stimmt auch nicht mehr. Frühestens 2017 sei mit dem Abschluss der Arbeiten an dem Parlamentsgebäude zu rechnen, berichtete der Lokalsender RBB kürzlich. Stephan Braunfels, Architekt des Erweiterungsbaus, gab zu Protokoll: „Es liegt an der Haustechnik, ähnlich wie beim BER. Zwei Jahre wird es schon noch dauern.“

Zoff zwischen Bauherrn und Planer gibt es natürlich auch längst. Braunfels – bekannt geworden unter anderem durch seinen Entwurf der Münchner Pinakothek der Moderne – war zum inoffiziellen Richtfest nicht einmal eingeladen, was ihn durchaus empörte. „Ich habe keine Einladung bekommen“, schimpfte der Architekt per Interview. „Ich finde das skandalös, ich hätte gerne mein Haus vorgestellt.“

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Was die Verzögerung die Steuerzahler zusätzlich kosten wird? Etwa 20 Millionen Euro, schätzen Experten. Das liefert Wissenschaftlern neue Munition, die Kostenexplosionen bei Großprojekten schon lange für ein Naturgesetz halten. In neun von zehn Fällen würden diese teurer als geplant, haben etwa Oxford-Forscher herausgefunden.

Als Erklärung haben die Akademiker die höchst menschliche Neigung ausgemacht, die Zukunft ein wenig zu rosarot zu sehen. Gerade bei Prestigeprojekten schalte Herzblut oft den Verstand aus. Ökonomie-Nobelpreisträger Daniel Kahneman schrieb im „Harvard Business Review“ sogar, Menschen neigten ganz generell dazu, Risiken einfach auszublenden und sich allzu großen Hoffnungen zu verschreiben. Also wie war das noch mal mit Griechenland? Risiken ignorieren und allzu große Hoffnungen hegen: Bei diesen Worten schließt sich der Kreis zwischen Berlins Bausünden und Athens Misere wieder.

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