Berlin intern

Ein Hoch auf die Provinz

Henning Krumrey Ehem. Redakteur

Barbara Hendricks ist mit vier Milliarden Euro Großinvestorin an der Spree. Die Stadtbaumeisterin ist fasziniert von der Metropole – hält sie aber auch für recht verrückt.

Berlin Bildungsministerium Quelle: dpa

Bundestagsabgeordnete leben permanent in zwei Welten: In der Hauptstadt der hektische Politikbetrieb in einer Millionenmetropole, daheim der vertraute Kosmos des Wahlkreises, der privaten Wurzeln.

Barbara Hendricks offenbarte bei einem Unternehmerfrühstück in der Industrie- und Handelskammer ihr Verhältnis zu Berlin – beruflich wie privat. Eigentlich sollte die Ministerin für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, so der offizielle sperrige Titel, referieren über „Herausforderungen für die Stadt der Zukunft“. Berlin hat freilich schon zu kämpfen mit der Zukunft der Stadt. Deren Bild bestimmt Hendricks mit, schließlich investiert der Bund gerade wieder rund vier Milliarden Euro.

In welchen Städten die Mietpreisbremse greift
Steigende Mieten lassen die Wohnungssuche für viele Normalverdiener zur Qual werden. Ihnen soll bald ein neues Gesetz helfen. Allerdings kursieren rund um die so genannte Mietpreisbremse noch einige offene Fragen. Denn letztlich müssen die Länder entscheiden, was ein „angespannter Wohnungsmarkt“ ist - und wo das Gesetz greifen soll. Ein Blick auf die Planungen in den zehn größten deutschen Städten: Quelle: dpa
In der Hauptstadt wird die Mietpreisbremse definitiv eingeführt - im gesamten Stadtgebiet. Und das „so früh wie rechtlich möglich“, sagt Stadtentwicklungssenator Andreas Geisel (SPD). Dem Berliner Mieterverein zufolge habe Berlin gerade in der Innenstadt „ein massives Knappheitsproblem“, was Wohnungen angeht. Laut Berechnungen des Vereins könnte das Gesetz bei rund zwei Dritteln aller Neuvermietungen den Mietpreis dämpfen. Quelle: dpa
Die Lage auf dem Hamburger Wohnungsmarkt ist angespannt. Insbesondere in gefragten Gegenden liegt die Nachfrage weit über dem Angebot - entsprechend hoch sind die Mieten. Bürgermeister Olaf Scholz (SPD) will die Mietpreisbremse für das gesamte Bundesland einführen. Allerdings droht die Immobilienwirtschaft für diesen Fall mit dem Austritt aus dem „Bündnis für das Wohnen“, das jährlich für den Bau von 6000 Wohnungen zuständig ist. Quelle: dpa
Die bayerische Hauptstadt ist unter den großen Städten unangefochtener Spitzenreiter: Bei Neuvermietungen liegt München mit durchschnittlich 15,77 Euro Kaltmiete pro Quadratmeter deutlich vor dem Zweitplatzierten Frankfurt (13,35 Euro). Dementsprechend schwierig gestaltet sich die Wohnungssuche. Ob die Mietpreisbremse aber auch in München eingeführt wird, ist noch nicht offiziell. Derzeit prüft der Freistaat, in welchen Städten und Stadtteilen die Regelung greifen sollte. Quelle: dpa
Köln gilt als einer der heißesten Anwärter für die Mietpreisbremse in Nordrhein-Westfalen. Zwar sei das Gutachten zum Wohnungsmarkt noch nicht abgeschlossen, heißt es im Bauministerium. Doch jeder wisse, wie angespannt die Wohnsituation an der Rheinschiene sei. Mit 10,27 Euro durchschnittlicher Kaltmiete pro Quadratmeter liegt Köln mit Mittelfeld unter den Großstädten. Der Mieterverein geht davon aus, dass die Mietpreisbremse flächendeckend kommt. Quelle: dpa
Frankfurt will die Mietpreisbremse - was wenig verwunderlich ist bei einer durchschnittlichen Kaltmiete von 13,35 Euro pro Quadratmeter. Konkret ist in Hessen aber ebenfalls noch nichts. Das Städtebauministerium müsse erst noch festlegen, welche Städte und Stadtteile einbezogen werden sollen, sagte ein Sprecher. Frankfurt drängt auf eine schnelle Entscheidung. Quelle: dpa
Andere Länder erstellen Gutachten zum Wohnungsmarkt, in Baden-Württemberg wird das „Gebietskulisse“ genannt. Die soll darüber Auskunft geben, wo die Mietpreisbremse greifen soll - und ob die Landeshauptstadt als Ganzes oder nur in Teilen darunterfällt. Mit 12,20 Euro pro Quadratmeter ist Stuttgart eine der drei teuersten deutschen Großstädte. „Wir fordern die Landesregierung auf, jetzt die Vorbereitungen zu treffen damit das Gesetz unmittelbar nach seinem Inkrafttreten in Baden-Württemberg zur Anwendung kommt“, sagt Rolf Gaßmann vom Deutschen Mieterbund Baden-Württemberg. Quelle: dpa
Düsseldorf war schnell und hat bei der Landesregierung bereits beantragt, bei der Mietpreisbremse berücksichtigt zu werden. Mietwohnungen sind hier durchschnittlich genauso teuer wie in Köln (10,26 Euro). Wann sie kommt, ist aber ebenfalls noch unklar. NRW-Bauminister Michael Groschek (SPD) sagte kürzlich, die Neuregelung könne im bevölkerungsreichsten Bundesland im Frühsommer in Kraft treten. Quelle: dpa
In Dortmund ist der Quadratmeter Wohnraum vergleichsweise günstig (6,52 Euro). Dass die Mietpreisbremse eingeführt wird, gilt darum als unwahrscheinlich. Glücklich ist der Dortmunder Mieterbund darüber nicht. Zwar gebe es in der Stadt genügend preiswerten Wohnraum, sagte ein Sprecher. Aber vor allem in den besseren Vierteln im Süden der Städte spreche durchaus einiges für die Einführung der Preisbremse. Quelle: dpa
Wo es viele günstige Wohnungen gibt, braucht es auch keine Mietpreisbremse. Nur 6,20 Euro Kaltmiete kostet in Essen durchschnittlich der Quadratmeter - preiswerteren Wohnraum gibt es in keiner der zehn größten Städte. Daher geht die Stadt auch nicht davon aus, dass die Mietpreisbremse kommt. Insgesamt gebe es in Essen eine ganz gute Wohnungsmischung, sagte eine Sprecherin der Stadt. Quelle: AP
Der Bremer Senat plant, von der Mietpreisbremse Gebrauch zu machen. Konkret ist bisher aber nichts. Wofür sie gelten soll, wird nach Angaben eines Sprechers zurzeit im Bauressort erarbeitet. Mit 7,21 Euro durchschnittlicher Kaltmiete pro Quadratmeter ist Bremen ebenfalls vergleichsweise günstig. Quelle: dpa

Im vergangenen Herbst sei das Bildungsministerium fertig geworden, „die erste Hochbaumaßnahme des Bundes in öffentlich-privater Partnerschaft“: 115 Millionen Euro Baukosten eingehalten. Nun beziehe der Bundesinnenminister sein neues Haus. „Das liegt da neben Paris-Moskau“, einem stadtbekannten Lokal am nordwestlichen Rand des Regierungsviertels. Noch dient der Genusstempel als ministerieller Orientierungspunkt. „Später wird man das andersherum sagen“, mutmaßt Hendricks.

Die Raumordnerin in Ausbildung beeindruckt vor allem der kompakte Stadtkörper. „Berlin diffundiert ja nicht“, doziert Hendricks, zerfranst also nicht in die Region. Die Erklärung hat sie parat: „Weil drumherum die Mauer war, weil drumherum Brandenburg ist, weil also drumherum die Provinz beginnt.“ Die Berliner im Saal lachen, die Unternehmer aus dem Umland grummeln ein wenig. In der Tat: Die ehemaligen Frontstädter zieht es kaum in die nur langsam wachsenden Vororte, in denen teilweise heute noch die Kommunisten regieren. „Woanders müssen sie kilometerweise durch gesichtlose Gegenden fahren.“

Prompt gerät sie ins Schwärmen. In den Kleinstädten „denkt man, gleich kommt Fontane angelaufen“. Das ruhige Umland sei eine Wohltat, „wo die Menschen anders sind – hat auch Vorteile im Vergleich zu Berlin“. Jetzt lachen die Brandenburger und die Mehrheit der IHK-Mitglieder grummelt. Schnell sammelt Hendricks die Missstimmung ein: „Das ist ja das Schöne an Berlin: eine lebendige Metropole und rundherum die Entschleunigung.“

Mehrmals vergleicht die Frau aus Nordrhein-Westfalen die Hauptstadt mit der Heimat. Berlin brauche dringend die neue Stadtautobahn. Köln, sinniert Hendricks, „hat mehr Ausfallstraßen, weil rund um Berlin nicht so viel zu gucken ist. Rund um Köln aber schon.“ In Berlin seien im vergangenen Jahr zehn Fahrradfahrer gestorben, „in Münster kein einziger, obwohl da bestimmt mehr Leute Fahrrad fahren“. Allerdings ist im idyllischen Unistädtchen wegen der Radelrudel kein Autofahrer gern unterwegs.

Amüsieren kann sich die Ministerin auch über Berlins rot-schwarze Stadtregierung. Um Bauanträge zu beschleunigen, hat der Senat Erfolgsprämien für die schnellsten Bezirke ausgelobt. „Auf so eine Idee muss man erst mal kommen“, spottet Hendricks. „Der Senat bezahlt seine nachgeordnete Verwaltung dafür, dass sie ordentlich arbeitet.“

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Hendricks vergaß nicht, die Unternehmer zu privatem Engagement anzustacheln. Schließlich steige am 12. Juni das Richtfest für das neue Humboldt-Forum – an der Stelle und in der Kubatur des von der DDR-Regierung 1950 gesprengten Hohenzollernschlosses: „Machen Sie ein paar Spenden für die Barockfassade!“ Auch so geht öffentlich-private Partnerschaft.

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