Berlin intern

Handbuch für die touristische Hackschnitzeljagd

Henning Krumrey Ehem. Redakteur

Wer voll öko ist, kann mit einem Reiseführer die erneuerbaren Energien der Heimat erkunden. Und landet unweigerlich im „solaren Regierungsviertel“.

Klassisches Kuppelprodukt. Sonne plus Sendungsbewusstsein gleich Energiewende Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

Das war wirklich ein goldener Oktober – also ein schwarzer Monat für die deutschen Stromkunden. Denn weil die Sonne in den vergangenen Wochen so schön schien, lieferten die Solaranlagen im ganzen Land gleich mehrmals rekordverdächtige 18 Gigawattstunden pro Tag in die Netze. In der Spitze um die Mittagszeit stammte ein Drittel des gesamten deutschen Strombedarfs von der Sonne. Die Kehrseite des Rekords: Je mehr die Zellenbesitzer abrechnen können, desto stärker steigt die EEG-Umlage.

Ein Herzstück dieser Entwicklung steht mitten in Berlin, rund um das Reichstagsgebäude. Denn der Deutsche Bundestag trägt gleich doppelt zur teuren Sonnenernte bei: In den Abgeordnetenbüros und Sitzungssälen entscheiden die Mandatsträger über jede neue Kurve der Energiewende. Und oben auf dem Dach des Plenargebäudes und manches angrenzenden Bürosilos stehen große spiegelnde Kollektorenrabatten.

Die Bauten des Bundestages wurden schon im Zuge des Neubaus und der Sanierung ganz auf Energiesparen getrimmt. Etwa 15 Prozent des Stromverbrauchs im Parlament kommen heute aus erneuerbaren Quellen. Neben den Solarzellen auf den Dächern gibt es unter der Erde in 50 Meter Tiefe einen Speicher, in dem winters kaltes Wasser gesammelt wird, um in Hitzeperioden die Büros zu kühlen. Weitere 250 Meter tiefer läuft das warme Wasser aus dem Sommerbetrieb zusammen, das später für die Heizung genutzt wird. Die Beleuchtung des Plenarsaals wird durch 360 Spiegel unterstützt, die Tageslicht durch die Kuppel in den Rundbau darunter leiten. Hinter den Spiegeln wiederum steigt die heiße Luft der hitzigen Debatten nach oben, der ein Wärmetauscher die Energie entzieht. Im Untergrund tuckern zwei Blockheizkraftwerke, natürlich mit Biodiesel betrieben.

Für Ökofreaks ist das Politik-Revier sogar eine der herausragenden Sehenswürdigkeiten. Das „solare Regierungsviertel“ ist die klare Nummer eins der Hauptstadt im „Baedeker Deutschland – Erneuerbare Energien erleben“ (ja, den gibt’s tatsächlich). Co-finanziert von der Agentur für Erneuerbare Energien leitet der Ökoreiseführer seine Leser zu spektakulären Rotoranlagen und historischen Windmühlen, zur „Solarkirche Zernin“, deren Feldsteinbau durch ein vollflächiges Solardach verschandelt wird, zum Bioenergiedorf Jühnde, in dem die Heizung jedes der rund 130 Einfamilienhäuser unterm Strich 700 000 Euro kostete, oder zur Solardraisinenbahn im Odenwald. Und eben zum Reichstagsgebäude.

In Arbeit
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In der Zukunft Probewohnen

Autor Martin Frey wirbt, sein Routenplaner sei „kein Reiseführer für Technikfreaks“, sondern „vielleicht der Beginn neuer Bildungsreisen. Bei Reisen zu Erneuerbaren Energien treffen wir Leute, die die Zukunft schon erkunden.“ Und nicht zuletzt könnten die Gäste in den ausgewählten umweltorientierten Hotels und Gasthöfen „auf unverbindliche Weise in der Zukunft probewohnen“. Da landet man eher im schöpfungsbewahrenden Familienbetrieb als in den uninspiriert-uniformen Häusern einer kontinentalen Hotelkette.

Das Handbuch für die touristische Hackschnitzeljagd lobt die Parlamentsgebäude als „weltweit einmalig – mit besonderer Symbolik für die von Deutschland ausgehende Energiewende“. Für die Touristen aus fernen Ländern haben die futuristischen Anlagen sogar noch einen zusätzlichen Reiz: Sie müssen die EEG-Umlage nicht bezahlen.

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