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Berlin intern

Mammon statt Mumie

Henning Krumrey Ehem. Redakteur

Deutsche Diplomaten drängen in die Wirtschaft. Nach der Pensionierung wollen sie ihren schwarz-rot-goldenen Dienst versilbern.

Wolfgang Ischinger: Als Botschafter in Washington brillierte er. Quelle: dpa

Früher war das Pensionärsleben der Ex-Diplomaten überschaubar. Man war Mitglied in den Freundesgesellschaften jener Länder, in denen man stationiert gewesen war, schaute vielleicht gelegentlich bei Veranstaltungen der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik vorbei und engagierte sich ehrenamtlich für Fragen der Bildung oder Völkerverständigung. Und einmal im Jahr ging man zum „Mumientreff“, so heißt das Seniorenkränzchen des Auswärtigen Dienstes despektierlich unter den Aktiven im Ministerium.

Heute ist alles anders. Die Ex-Diplomaten sind rüstig, voller Tatendrang – und stoßen auf wachsenden Bedarf der Wirtschaft. Wer den Erfahrungsschatz zwischen Etat und Etikette anzapfen will, klickt einfach auf „Diploconsult.de“ , und schon öffnet sich die Expertise für den zahlenden Kunden.

Auf der gemeinsamen Internet-Seite verdingen sich 26 Ruheständler des Auswärtigen Dienstes als Experten für ihre früheren Stationierungsorte, für Fachprobleme und fürs Protokollarische. Manche von ihnen betreiben auch eigene Firmen. Bernd Mützelburg beispielsweise, der Sicherheitsberater von SPD-Kanzler Gerhard Schröder und zuletzt Botschafter in Neu-Dehli, hat die „Ambassadors Associates – International Networking GmbH“ gegründet. Bernhard Edler von der Planitz bietet mit seiner Firma Planitz&Partner auch Schulung in gesellschaftlicher Etikette, schließlich war er jahrelang Protokollchef der Bundesregierung.

Vielen Deutschen droht die Altersarmut
Die Ergebnisse einer neuen Studie besorgniserregend. Es droht eine riesige Versorgungslücke und vielen Bürgern eine akute Altersarmut. Den künftigen Rentnern ist dies zwar durchaus bewusst, allerdings tun sie kaum etwas dagegen. Im Gegenteil: Mehr als ein Viertel der Befragten gab an, die Altersvorsorge komplett zu ignorieren. Das zeigt die Studie „Altersvorsorgereport: Deutschland 2014“ der Sparda-Bank in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Jens Kleine vom Research Center for Financial Services der Steinbeis-Hochschule. Sie gibt einen umfassenden Überblick zum deutschen Altersvorsorgemarkt vorgelegt. Quelle: IMAGO
Das private Vorsorgeverhalten lässt in Deutschland zu wünschen übrig. Die Mehrheit der Bürger will den gegenwärtigen Lebensstandard nicht für die Altersvorsorge einschränken. Dadurch entsteht laut den Berechnungen der Experten eine Versorgungslücke von mehr als 27.000 Euro. Neben einer möglichen Altersarmut des Einzelnen droht in der Gesellschaft ein Generationenkonflikt beim Streit um die Höhe der staatlichen Rente. Quelle: IMAGO
Verantwortlich für die Versorgungslücke sind neben dem Lebensstandard zu geringe finanzielle Möglichkeiten. Rund 75 Prozent der Deutschen fehlt schlichtweg das Geld, um privat vorzusorgen. Besonders betroffen sind dabei die Arbeiter. In dieser Berufsgruppe verfügen nur 19 Prozent über ausreichende finanzielle Spielräume für die private Altersvorsorge. Quelle: IMAGO
Diese Vorsorgeproblematik hat zur Folge, dass die ohnehin schon in der Gesellschaft bestehende Schere zwischen Arm und Reich im Alter noch größer wird. Menschen mit ausreichender Kapitalausstattung sind nämlich in der Lage zusätzlich 325 Euro in die private Altersvorsorge zu stecken. „ Das soziale Ungleichgewicht wird sich im Alter weiter verschärfen. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung wird im Alter gut leben können, wohingegen ein wesentlich größerer Teil mit Einschränkungen oder gar Altersarmut zu kämpfen haben wird“, so Heinz Wings, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Hamburg. Quelle: IMAGO
Trotz dieser möglichen Scherenbildung herrscht insgesamt nur geringes Interesse für Altersvorsorge-Themen. Viele haken das Thema komplett ab – und das obwohl 82 Prozent der Befragten bewusst ist, dass eine rechtzeitige private Altersvorsorge notwendig ist, wenn der bestehende Lebensstandard im Alter fortgesetzt werden soll. Quelle: IMAGO
Neben dem Desinteresse spiegelte sich bei den Befragten auch Unkenntnis wider. Die Studie ergab, dass rund 73 Prozent der Bürger zwar von zu niedrigen Rentenansprüchen ausgeht, allerdings kennen auch weniger als die Hälfte deren tatsächliche Höhe. 50 Prozent der Deutschen hat zudem Angst im Alter vom Existenzminimum leben zu müssen. Vor allem junge Menschen treibt diese Angst um – was Wings zufolge ein gutes Ergebnis ist: „Dass die jungen Menschen die Bedeutung der Altersvorsorge erkannt haben, ist ein äußerst positives Zeichen. Sie haben jedenfalls vom Alter her noch Möglichkeiten, um ausreichend vorzusorgen.“ Quelle: IMAGO
Die Versorgungslücke von 27.000 Euro ergibt sich durch die Berechnung des durchschnittlichen Sparverhaltens. So wollen die Befragten bei Renteneintritt circa 96.000 Euro angespart haben. Doch hierfür legen die Bürger in einem Zeitraum von 21 Jahren im Monat lediglich 179 Euro im Monat zur Seite. Die Experten der Studie haben außerdem mit einem recht hohen Zinssatz von vier Prozent gerechnet. Alles zusammengerechnet – die Sparquote und der durchschnittliche Zinssatz – ergeben statt der anvisierten 96.000 nur 69.000 Euro. Quelle: IMAGO

Als Einzelkämpfer empfiehlt sich Michael Gerdts, der im Herbst 2012 aus dem Amte schied. Gerade hat der frühere Pressesprecher von Außenminister Klaus Kinkel eine größere Studie über Investitionsmöglichkeiten in Kenia für ein großes deutsches Industrieunternehmen fertiggestellt. Nairobi war nämlich Gerdts’ erste Auslandsstation nach der aufreibenden Zeit an der Seite Kinkels. Später kamen noch Auslandsposten in Polen und Italien dazu. „Wir Diplomaten sind darauf getrimmt, uns in die Mentalität des Gegenübers einzudenken“, wirbt er für den Erfahrungsschatz seiner Zunft. „Der größte Fehler deutscher Unternehmen besteht darin, ganz geradeaus einen fairen Vorschlag auf den Tisch zu legen und zu erwarten, dass die Gesprächspartner den auch gut finden müssen.“

Exponent diplomatischer Wiederverwertung ist Wolfgang Ischinger. Als Botschafter in Washington brillierte er und konnte Schröders Nein zum Irakkrieg fast in eine politische Glanzleistung ummünzen. Ischinger blieb einfach in seiner internationalen Mission und wechselte 2008 nur den Arbeitgeber – vom Auswärtigen Amt zur Allianz SE. Noch heute ist er dort zuständig für die Regierungsbeziehungen in aller Welt.

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Joachim Bitterlich tat es ihm bald nach. Den Sicherheitsberater von Helmut Kohl verschlug es 1998 nach dem Regierungswechsel zu Rot-Grün aus dem Kanzleramt zunächst zur Nato nach Brüssel und dann nach Madrid. Aus dem einstweiligen Ruhestand verdingte sich der gebürtige Saarländer, verheiratet mit einer Französin, beim französischen Wasser- und Verkehrskonzern Veolia, wo er bis 2012 blieb.

Auch die Deutsche Bank sicherte sich mit Thomas Mattussek die Dienste eines Spitzendiplomaten, der vom Büroleiter Kinkels zum Botschafter in Großbritannien, bei den Vereinten Nationen und in Indien aufgestiegen war. Das Frankfurter Geldhaus machte den Junggebliebenen zum Cheflobbyisten. Heute leitet er die Alfred-Herrhausen-Gesellschaft, den gesellschaftspolitischen Arm der Bank. Ganz diplomatisch.

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