Berlin intern

Rente mit 60, 67, 70

Max Haerder
Max Haerder Stellv. Leiter Hauptstadtbüro WirtschaftsWoche (Berlin)

Eine Gruppe Bundestagsabgeordneter sucht flexiblere Wege in die Rente. Das muss nichts Schlechtes bedeuten.

Älterer Arbeitnehmer Quelle: dpa

In der SPD nennen manche sie die „Linnemann-Kommission“. Das ist ein kleines bisschen spöttisch gemeint, aber der Namensgeber darf diese Titulierung trotzdem als Anerkennung verbuchen. Eigentlich heißt die Arbeitsgruppe nämlich deutlich bürokratischer „Flexible Übergänge in den Ruhestand“. Aber die Existenz dieses Gremiums ist eben nicht zuletzt Carsten Linnemann zu verdanken.

Der Bundestagsabgeordnete und Chef der CDU-Mittelstandsvereinigung MIT kritisierte und nörgelte so lange am schwarz-roten Rentenpaket herum, bis Sozialministerin Andrea Nahles (SPD) sich zu einem Geschäft hinreißen ließ: Der Wirtschaftsflügel der Union übte Milde bei der Abstimmung im Bundestag, dafür denkt nun ein eigens berufener Parlamentarier-Zirkel über Mittel und Wege nach, die Deutschen mit einem späteren Ruhestand zu versöhnen.

Vielen Deutschen droht die Altersarmut
Die Ergebnisse einer neuen Studie besorgniserregend. Es droht eine riesige Versorgungslücke und vielen Bürgern eine akute Altersarmut. Den künftigen Rentnern ist dies zwar durchaus bewusst, allerdings tun sie kaum etwas dagegen. Im Gegenteil: Mehr als ein Viertel der Befragten gab an, die Altersvorsorge komplett zu ignorieren. Das zeigt die Studie „Altersvorsorgereport: Deutschland 2014“ der Sparda-Bank in Zusammenarbeit mit Prof. Dr. Jens Kleine vom Research Center for Financial Services der Steinbeis-Hochschule. Sie gibt einen umfassenden Überblick zum deutschen Altersvorsorgemarkt vorgelegt. Quelle: IMAGO
Das private Vorsorgeverhalten lässt in Deutschland zu wünschen übrig. Die Mehrheit der Bürger will den gegenwärtigen Lebensstandard nicht für die Altersvorsorge einschränken. Dadurch entsteht laut den Berechnungen der Experten eine Versorgungslücke von mehr als 27.000 Euro. Neben einer möglichen Altersarmut des Einzelnen droht in der Gesellschaft ein Generationenkonflikt beim Streit um die Höhe der staatlichen Rente. Quelle: IMAGO
Verantwortlich für die Versorgungslücke sind neben dem Lebensstandard zu geringe finanzielle Möglichkeiten. Rund 75 Prozent der Deutschen fehlt schlichtweg das Geld, um privat vorzusorgen. Besonders betroffen sind dabei die Arbeiter. In dieser Berufsgruppe verfügen nur 19 Prozent über ausreichende finanzielle Spielräume für die private Altersvorsorge. Quelle: IMAGO
Diese Vorsorgeproblematik hat zur Folge, dass die ohnehin schon in der Gesellschaft bestehende Schere zwischen Arm und Reich im Alter noch größer wird. Menschen mit ausreichender Kapitalausstattung sind nämlich in der Lage zusätzlich 325 Euro in die private Altersvorsorge zu stecken. „ Das soziale Ungleichgewicht wird sich im Alter weiter verschärfen. Nur ein kleiner Teil der Bevölkerung wird im Alter gut leben können, wohingegen ein wesentlich größerer Teil mit Einschränkungen oder gar Altersarmut zu kämpfen haben wird“, so Heinz Wings, Vorstandsvorsitzender der Sparda-Bank Hamburg. Quelle: IMAGO
Trotz dieser möglichen Scherenbildung herrscht insgesamt nur geringes Interesse für Altersvorsorge-Themen. Viele haken das Thema komplett ab – und das obwohl 82 Prozent der Befragten bewusst ist, dass eine rechtzeitige private Altersvorsorge notwendig ist, wenn der bestehende Lebensstandard im Alter fortgesetzt werden soll. Quelle: IMAGO
Neben dem Desinteresse spiegelte sich bei den Befragten auch Unkenntnis wider. Die Studie ergab, dass rund 73 Prozent der Bürger zwar von zu niedrigen Rentenansprüchen ausgeht, allerdings kennen auch weniger als die Hälfte deren tatsächliche Höhe. 50 Prozent der Deutschen hat zudem Angst im Alter vom Existenzminimum leben zu müssen. Vor allem junge Menschen treibt diese Angst um – was Wings zufolge ein gutes Ergebnis ist: „Dass die jungen Menschen die Bedeutung der Altersvorsorge erkannt haben, ist ein äußerst positives Zeichen. Sie haben jedenfalls vom Alter her noch Möglichkeiten, um ausreichend vorzusorgen.“ Quelle: IMAGO
Die Versorgungslücke von 27.000 Euro ergibt sich durch die Berechnung des durchschnittlichen Sparverhaltens. So wollen die Befragten bei Renteneintritt circa 96.000 Euro angespart haben. Doch hierfür legen die Bürger in einem Zeitraum von 21 Jahren im Monat lediglich 179 Euro im Monat zur Seite. Die Experten der Studie haben außerdem mit einem recht hohen Zinssatz von vier Prozent gerechnet. Alles zusammengerechnet – die Sparquote und der durchschnittliche Zinssatz – ergeben statt der anvisierten 96.000 nur 69.000 Euro. Quelle: IMAGO
Betrachtet man die einzelnen Berufsgruppen gelten selbstständige Handwerker als Risikogruppe. Sie legen privat lediglich 135 Euro im Schnitt zur Seite. Bei Freiberuflern beläuft sich die Sparquote immerhin auf 400 Euro im Monat. Allerdings kann diese Gruppe wegen der fehlenden Rentenversicherungspflicht nicht von einer staatlichen Rente profitieren. Quelle: IMAGO
Die Studie ergab, dass Familien mit Kindern deutlich weniger Existenzängste haben als Kinderlose. Viele Familien fühlen sich über ihre Kinder abgesichert. Die Experten sprechen hierbei von dem Gefühl „kinder-reich“ zu sein. Quelle: dpa
Die deutschen Vorsorgesparer bevorzugen vor allem Eigentumsimmobilen und die betriebliche Altersvorsorge. Allerdings werden 17 Prozent der Altersvorsorgeverträge ausgesetzt oder vorzeitig aufgelöst. Zusammen mit der potenziellen Versorgungslücke des staatlichen Rentensystems und dem demografischen Wandel erhöht sich dadurch die Problematik in der Altersversorgung. „Durch die hohen Abbruch- und Aussetzungsquoten der Altersvorsorgeverträge wird sich die Situation im Alter, insbesondere für Personen mit einem geringen Einkommen, weiter zuspitzen“, so Wings. Quelle: IMAGO
Die geringe Bereitschaft für die Rentenzeit vorzusorgen, ergibt sich laut der Studie aus der Erhaltung des gegenwärtigen Lebensstandards. 73 Prozent der Deutschen sind nicht dazu bereit, ihren Lebensstandard zu Gunsten der Vorsorge einzuschränken. Allerdings ist dieses Ergebnis nicht in Stein gemeißelt. Knapp die Hälfte der Bürger würde nach Lohnerhöhungen mehr in Vorsorgeprodukte investieren. Quelle: IMAGO

Geplant war das nicht, zumindest nicht so plötzlich (der Koalitionsvertrag enthält nur versteckt ein paar Merk-Sätze für längeres Arbeiten). Was man schon daran erkennt, dass sich die abschlagfreie Rente ab 63 als ein Teil des Rentenpakets und der Geist der neuen Kommission widersprechen – um es vorsichtig zu sagen. Aber wer Widerspruchsfreiheit sucht, sollte nicht in die Politik gehen.

14 Parlamentarier von Union und SPD sind aufgerufen, bis Jahresende möglichst konkrete Vorschläge zu präsentieren. Nahles’ Staatssekretär Jörg Asmussen sitzt außerdem mit am Tisch, ebenso Vertreter von Bundeskanzleramt und Bundesfinanzministerium. Die Fraktionsexperten haben ausführliche Fragenkataloge an das Sozialministerium geschickt, der CDU-Arbeitnehmerflügel ein Positionspapier vorgelegt. Nach der Sommerpause startet die Arbeit im Detail.

Wie die Rente sicher bleibt
Herausforderung DemografieDie deutsche Bevölkerung wird immer älter - das belastet die gesetzlichen Rentenkassen. Der demografische Wandel hat auf Lange Sicht erheblichen Einfluss auf die Finanzierungsstruktur der deutschen Alterssicherung. Die Bevölkerung altert doppelt: Nicht nur leben die Leute länger, auch immer weniger Kinder kommen in Deutschland auf die Welt. Die Geburtenrate liegt schon seit den 1960er Jahren deutlich unter dem Niveau, das den ursprünglichen Bevölkerungsbestand erhalten könnte. Quelle: dpa
Deutschland - eine Greisengesellschaft Laut den Berechnungen des Statistischen Bundesamtes die Bevölkerung im Jahr 2050 um rund neun Prozent schrumpfen – auf 74,6 Millionen Einwohner. Im gleichen Zeitraum verdoppelt sich der Altersquotient. Dieser beschreibt das Verhältnis der Rentner zu Personen im erwerbsfähigen Alter. Er steigt von derzeit 31 auf 61 Prozent. Eine mögliche Lösung wäre es, die Geburtenlücke durch externe Einwanderer – etwa aus Südeuropa – zu schließen. Allerdings gehen die wenigsten davon aus, dass der derzeit hohe Zuwandererstrom nachhaltig ist. Quelle: dpa
Die KrisenreformenSeit 25 Jahren kämpft die Politik damit, den Druck auf Ausgaben und Beitragssätze bei der gesetzlichen Rentenversicherung zu mindern. Erst wurden Ausfall- und Ersatzzeiten gestrichen, später Leistungen gekürzt. Ab 1992 wurde zum Beispiel die Bruttolohn- auf die Nettolohnanpassung umgestellt. Außerdem wurden Abschläge bei vorzeitigem Rentenbezug eingeführt. Und: Die Rente wurde zunehmend durch Einnahmen aus der Steuerkasse querfinanziert. Quelle: dpa
Weniger BeiträgeGleichzeitig haben die Politiker durchgesetzt, dass die Bevölkerung immer weniger für ihre Rente zahlen soll: Die als langfristig tragbar angesehenen Beitragssatzobergrenzen wurden schrittweise gesenkt. Mit dem Rentenreformgesetz (RRG) 1992 waren es 28 Prozent bis zum Jahr 2030, mit dem Wachstumsförderungsgesetz 1996 sollten 26 Prozent nicht überschritten werden, beim RRG 1999 (Blüm-Reform) waren es 24 Prozent und mit dem Altersvermögensergänzungsgesetz 2001 und dem RV-Nachhaltigkeitsgesetz die aktuell gültigen 22 Prozent bis zum Jahr 2030. Quelle: dpa
Den Studienautoren sind diese Maßnahmen nicht genug, sie schlagen folgende Schritte zur Schaffung eines nachhaltigen Rentensystems vor: 1) Beibehaltung der RentenreformNach den Reformen der letzten Jahre liegt Beitragssatzobergrenze seit 2005 bei 22 Prozent. Daran sollte laut Studie auch nicht gerüttelt werden. Würden alte Reformen rückabgewickelt – wie manche Politiker bereits fordern – läge der Beitragssatz bis 2050 bei etwa 30 Prozent und damit deutlich höher. Auch der Bund müsste dann mehr zuschießen. Quelle: dpa
2) Die LebensleistungsrenteDie von der ehemaligen Sozialministerin Ursula von der Leyen vorgeschlagene Lebensleistungsrente sieht vor, niedrigen Renten langjährig Beschäftigter aufzustocken. Tatsächlich müsste jemand in Westdeutschland über 35 Beitragsjahre jeden Monat 2.065 Euro brutto verdienen, um bei der Rente auf die Grundsicherung (700 Euro) zu kommen. Ohne Aufstockung bestehe laut Studie die Gefahr, dass Geringverdiener irgendwann in eine (Solo-)Selbstständigkeit flüchten – und die Zahl der Beitragszahler sinkt. Quelle: dpa
3) Ausweitung des Versichertenkreises der RentenversicherungSelbstständige, die in keinem Alterssicherungssystem abgesichert sind, sollten zu Pflichtmitgliedern in der allgemeinen Rentenversicherung werden – zumindest, wenn sie ein bestimmtes Alter nicht überschritten und bislang keine eigene Altersvorsorge aufgebaut haben. Das Risiko von Altersarmut für solche Soloselbstständigen könne – so die Studie – verringert werden. Quelle: AP
4) Verlängerung der LebensarbeitszeitVor dem Hintergrund einer steigenden Lebenserwartung spricht vieles dafür, die Lebensarbeitszeit nach 2030 weiter zu verlängern. Eine gleitende Anhebung des Renteneintrittsalters von 67 Jahre auf 69 Jahre bis zum Jahr 2050 würde die relative Rentenbezugsdauer, also das Verhältnis von durchschnittlicher Beitragsdauer und durchschnittlicher Rentenlaufzeit, weitgehend konstant halten, stellt die Studie fest. Quelle: dpa
5) Ausbau der kapitalgedeckten AltersvorsorgeDank Leistungsrücknahmen in der gesetzlichen Rentenversicherung und Niedrigzinsen in Europa führt – so die Studie – kein Weg an privater Altersvorsorge vorbei. Varianten der kapitalgedeckten Ergänzungsversorgung müssten erhöht werden – zur Not mittels entsprechender Anreizsysteme, etwa Zulagen oder steuerlichen Abzugsmöglichkeiten. Quelle: dpa
6) Transparenz schaffenViele Beschäftigte wissen gar nicht, wie sie insgesamt abgesichert sind – sie haben den Überblick verloren, nicht zuletzt, weil Anbieter der kapitalgedeckten Privatvorsorge und Träger der betrieblichen Altersversorgung heterogene Informationen anbieten. Wenn auch aufwändig, sollte eine umfassende Renteninformation geschaffen werden, die Vergleichbarkeit garantiert. Quelle: dpa

„Wir müssen das Potenzial der Älteren auf dem Arbeitsmarkt heben, und das merklich“, gibt Linnemann die Richtung vor. „Denkverbote darf es da nicht geben.“ Auch der SPD-Rentenexperte Martin Rosemann sagt: „Das Rentenpaket war wichtig. Aber eine neue Frühverrentungsdebatte wäre ein falsches Signal.“ Das klingt nach Konsens, dennoch beziffert ein Mitglied der Arbeitsgruppe die Chance auf konkrete Ergebnisse auf gerade mal „fifty-fifty“. Das Streitpotenzial beim Thema Ruhestand ist einfach höher als üblich, außerdem dürfen mögliche Reformvorschläge entweder nichts kosten oder müssen an anderer Stelle bei der Rente gegenfinanziert werden.

Einige Stellschrauben werden sich die Abgeordneten genau ansehen: „Als ich erfuhr, dass nur rund 20 Prozent der Neurentner vor ihrem regulären Ruhestand sozialversicherungspflichtig beschäftigt waren, war ich schockiert“, berichtet SPD-Vertreter Rosemann. Jenseits des offiziellen Renteneintrittsalters arbeitet in Deutschland nicht einmal mehr jeder elfte. Im internationalen Vergleich ein ziemlich schlechter Wert.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Eine verbesserte Teilrente – bei der man etwa frühzeitig eine halbe Rente bekommt und eine halbe Stelle behält – könnte helfen, Ältere länger an ihrem Arbeitsplatz zu halten. Bislang ist dieses Modell zu kompliziert und unattraktiv. Überhaupt soll es leichter werden, neben der Rente Geld zu verdienen. Das Ziel: Mehr Ältere bis oder eben über die Regelaltersgrenze hinaus in regulären Jobs halten.

Arbeitnehmer mit Torschlusspanik hätte die große Koalition jedenfalls auf ihrer Seite, glaubt man einer Umfrage im Auftrag des Bundesverbandes deutscher Banken. 54 Prozent der über 60-Jährigen würden gerne länger als bis zum 65. Geburtstag im Job bleiben – oder hätten es gerne getan. Also, Berlin, an die Arbeit!

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%