Berlin intern

Schaulaufen mit Schweinen

Cordula Tutt
Cordula Tutt Autorin Wirtschaft & Politik (Berlin)

Drei Männer buhlen bei den Grünen um den Job als Spitzenkandidat. Zentrale Frage: Wer kann regieren?

Cem Özdemir Quelle: dpa

Der Wahlkampf hat begonnen, wenn Kandidaten über Niederlagen im Sportunterricht plaudern, wenn sie schildern, wie sie ihre Frau lieben lernten oder ihre Begeisterung für Schweine entdecken. Drei Männer buhlen gerade bei den rund 60.000 Grünen-Mitgliedern darum, Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2017 zu werden: Parteichef Cem Özdemir, 50, beglückt Parteifreunde mit Erinnerungen an seine Vergangenheit als Handballtorwart. Schleswig-Holsteins Vizeregierungschef Robert Habeck, 46, spricht im gemeinsamen Interview über seine Gattin, und Bundestagsfraktionschef Anton Hofreiter, 46, überrascht mit Buch samt Bekenntnis zum Fleischessen. So unterschiedlich die Strategien der Männer sind, so ähnlich ist ihr Problem: Es kann nur einen geben. Das Kandidaten-Duo der Ökopartei muss streng gleichberechtigt sein, also ist Platz für einen Mann und eine Frau. Kandidatin wird wohl Katrin Göring-Eckardt, derzeit noch Fraktionschefin im Bundestag und ohne weibliche Konkurrenz.

Bei der Wahl 2013 trat Göring-Eckardt schon einmal an, damals an der Seite von Jürgen Trittin.

Aber grüne Forderungen nach höheren Steuern und einem Veggie Day in deutschen Kantinen verschreckten die Wähler. Der Linke Trittin trat danach aus der ersten Reihe ab, Göring-Eckardt übernahm den Parlamentsjob.
Wollen die Grünen diesmal besser abschneiden oder gar an der Seite von Angela Merkels Union mitregieren, dürfen sie weder Mittelstand noch Mittelschicht verschrecken. Darauf sind die drei Herren unterschiedlich gut vorbereitet. Habeck, Energie- und Agrarminister in Kiel, ist erst seit 2009 Berufspolitiker. Im Gegensatz zu seinen Konkurrenten hat er aber Regierungserfahrung. Früher war der promovierte Philosoph mal Schriftsteller. Habeck, der auch über Patriotismus schrieb, gibt sich gern unerschrocken, ist politisch aber ein Pragmatiker. Er drosselte etwa den Ausbau der Windkraft, weil es Streit zwischen Bevölkerung und Betreibern gab. Er fand, ungewöhnlich für einen Grünen, auch lobende Worte für Fleischbaron Clemens Tönnies, der zwei Schlachtbetriebe im Norden übernahm und ausbauen will.

Habeck lobte, dann müsse das Vieh nicht mehr stundenlang im Transporter leiden. Schließlich gibt es für 1,5 Millionen Schweine zwischen Nord- und Ostsee zurzeit nicht genug Schlachtplätze. Auch wirbt der unbekannteste unter den drei Kandidaten für höhere Steuern bei sehr Reichen. Die umstrittene Vermögensteuer, die Unternehmen treffen könnte, gehört aber ausdrücklich nicht dazu.
Genau diese Vermögensteuer verlangt Anton Hofreiter. Der Bayer poltert für mehr Klimaschutz, gegen das Freihandelsabkommen TTIP und natürlich für eine rot-rot-grüne Regierung. So punktet der Langhaarträger bei der Basis, bei Wählern und Regierungspartnern aber womöglich weniger. Dort wäre Realo Özdemir besser vermittelbar. Er ist seit acht Jahren Parteichef und pflegt gute Kontakte zu Wirtschaftsverbänden. „Mit mir gibt’s keinen Steuerwahlkampf!“, teilt der Sohn eines Gastarbeiters gegen Hofreiter aus. Özdemir könnte aber bei Parteilinken durchfallen, die ihn nicht sonderlich schätzen. Deshalb wirbt er vorsorglich, grünes Lagerdenken aufzugeben: „Draußen interessiert sich kein Schwein dafür, wer welchem Flügel angehört.“

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