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Berlin intern

Studiengebühren lassen Stanford strahlen

Henning Krumrey Ehem. Redakteur

Studiengebühren erscheinen hierzulande als Relikt einer untergehenden Kultur. Dabei zeigt ein Blick über den Großen Teich: Das Hochschul-Inkasso ist beste Sozialpolitik.

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Wirtschaftsnobelpreisträger Milton Friedman lehrte an der Stanford University. Die Universität verlangt bis zu 40.000 Dollar im Jahr, bietet dafür aber auch eine außergewöhnliche Lehre. Quelle: AP

Wer aus Deutschland kommend eine amerikanische Universität besichtigt, zweifelt: Fliegt er in die Neue Welt oder unternimmt er eine Reise in die Vergangenheit. Denn während hierzulande die erst vor wenigen Jahren eingeführten Studiengebühren wieder fallen, halten die USA unbeirrt an der privaten Mitfinanzierung fest.

Galten die Befürworter der Campus-Maut noch vor wenigen Jahren in Deutschland als Avantgarde, um die finanzielle Leere in der Lehre zu überwinden, wird die neue Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU), einer der verbliebenen Gebührenfans, nun gar als Fossil gebrandmarkt. Nach dem Regierungswechsel in Niedersachsen sind mit dem Schwenk des bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU)– anlässlich des Volksbegehrens und den Wahltermin im September vor Augen – auch im letzten Bundesland die Tage des Finanzbeitrags der Hochschüler gezählt.

Was sich 2013 für Studenten ändert
BafögSchnelles Studieren oder besonders gute Noten haben sich für Bafög-Empfänger bislang doppelt ausgezahlt. Auf Antrag konnte ihnen bis zu 25 Prozent der Rückzahlung erlassen werden. Diese Belohnung für Schnelligkeit und Qualität erhalten Studenten, die nach dem 31.12.2012 ihr Studium abschließen, nicht mehr. Die Regelung wird abgeschafft. Wer vorher abgeschlossen hat, kann aber weiterhin den Antrag auf Teilerlass stellen – nämlich sobald der Rückzahlungsbescheid im Briefkasten landet.    Quelle: AP
MinijobsViele Studenten arbeiten auf 400-Euro-Basis. Diese Verdienstgrenze wird ab Januar 2013 auf 450 Euro angehoben und es besteht eine Rentenversicherungspflicht. Für Bafög-Empfänger ärgerlich, denn für sie gibt es nicht mehr Geld. Die zusätzlichen 50 Euro werden vom Bafög abgezogen, da die Hinzuverdienstgrenze nicht an die Minijob-Gehälter angepasst wurde. Quelle: dpa
KrankenversicherungAnders bei der gesetzlichen Krankenversicherung: Hier wurden die Grenzen an die Erhöhung der Minijob-Gehälter angepasst. Studenten die ab 2013 450 Euro bei ihrem Minijob verdienen und unter 25 Jahren sind, dürfen weiterhin beitragsfrei bei ihren Eltern mitversichert bleiben. 2012 lag die Grenze noch bei 400 Euro. Arbeitet der Student nicht auf Minijob-Basis, liegt die Verdienstgrenze ab 2013 bei 385 Euro pro Monat. Verdient ein Student regelmäßig mehr als die 385 Euro beziehungsweise 450 Euro im Minijob, muss er sich eine eigene Krankenversicherung zulegen. Quelle: dpa
PflegeversicherungWer sich selbst versichern muss, zahlt als Student für die gesetzliche Krankenversicherung weiterhin 64,77 Euro. Die Pflegeversicherung steigt aber leicht an. Kinderlose Studenten ab 23 Jahren zahlen monatlich 13,73 Euro, alle anderen 12,24 Euro. Quelle: Fotolia
ExistenzminimumGestern haben sich die Parteien im Vermittlungsausschuss darauf verständigt, dass der steuerfreie Grundfreibetrag von derzeit 8.004 Euro nächstes Jahr um 126 Euro auf 8.130 Euro angehoben wird. Diese Anhebung des Existenzminimums dürfte vor allem Studenten zugutekommen, die im Laufe des nächsten Jahres abschließen und anfangen zu arbeiten. Der ein oder andere dürfte durch diese Neureglung knapp unter dem Freibetrag bleiben und den Steuern ein letztes Mal entgehen. 2014 soll der Grundfreibetrag sogar auf 8.354 Euro angehoben werden.  Quelle: Fotolia
KfW-StudienkreditAb Sommersemester 2013 können mehr Studenten den Studienkredit der KfW in Anspruch nehmen.  Ab April fördert die Bank auch Zweitstudiengänge, Zusatz-, Aufbau- und Ergänzungsstudiengänge. Selbst wer promoviert kann einen Kredit beantragen. Ebenfalls erhöht die KfW die Altersgrenze für die Kreditnehmer von 34 auf 44 Jahre. Auch Studenten, die beispielsweise berufsbegleitend studieren, können sich ab April freuen. Dann gibt es den KfW-Studienkredit auch für Teilzeitstudenten. Quelle: dpa
DeutschlandstipendiumMaximal ein Prozent der Studenten an einer Hochschule können bislang vom Deutschlandstipendium  profitieren und mit 300 Euro monatlich gefördert werden. Diese Grenze wird ab August 2013 auf 1,5 Prozent erhöht. Mittelfristig soll die maximale Förderquote je Hochschule auf acht Prozent steigen.  Beim Deutschlandstipendium übernimmt der Staat die Hälfte der Förderung. Die restlichen 150 Euro müssen die Hochschulen bei privaten Spendern einsammeln. Quelle: dpa

Neue Welt, alte Welt? Dass es auf jeden Fall Welten sind, die beide Hochschulsysteme trennen, konnte Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) bei seinem Besuch in Palo Alto erfahren. Die Stanford University, 1885 vom Ehepaar Jane und Leland Stanford zur Erinnerung an den früh verstorbenen Sohn gegründet, beeindruckt schon durch ihre Ausstattung. Rund vier Milliarden Dollar hat die Alma mater jedes Jahr zur Verfügung.

Um die 16 000 Studenten kümmern sich 1900 Professoren – eine Betreuungsrelation, von der deutsche Studierende nur träumen können. Denn hierzulande kommen auf einen akademischen Lehrer nicht acht Schüler, sondern 60. Stanford hat 27 Nobelpreisträger hervorgebracht, 17 von ihnen halten noch Vorlesungen oder Seminare. Denn das ist das magische Element: Stanford gilt als intellektuelle Keimzelle des Wirtschaftswunders im Silicon Valley.

Studiengebühren als Mittel des sozialen Ausgleichs

Studium in Italien erstaunlich teuer
EnglandEnglische Universitäten sind am teuersten. Bis zu 11.500 Euro müssen Studierende pro Studienjahr zahlen. Bislang mussten Studierende in England, Wales und Nordirland für einen grundständigen Bachelor-Studiengang jährlich maximal 4200 Euro bezahlen. Ab 2012 können zwischen etwa 7.500 und 11.200 Euro verlangt werden. Ein nationales Stipendienprogramm soll vor allem Studierende mit wenig Einkommen unterstützen. Grundsätzlich erhalten Studierende in England - wie in Deutschland - ein Darlehen, das es ihnen ermöglicht die Gebühren zu zahlen. Zurückzahlen müssen sie sie erst, wenn sie eine relativ gut bezahlte Stelle gefunden haben. Quelle: REUTERS
LiechtensteinVor idyllischer Kulisse ist das Studium in Liechtenstein eines der teuersten in Europa. Pro Jahr müssen alle Studierenden aus dem In- und Ausland etwa 1240 Euro pro Jahr bezahlen. Die staatliche Hilfe beträgt maximal 20.700 Euro, von denen 40 bis 60 Prozent Zuschüsse sind, der Rest Darlehen. Quelle: gms
Universität Bologna Quelle: Creative Commons-Lizenz
Universitätsbibliothek Sofia Quelle: dpa
Firmenschild der Universität Sorbonne Quelle: Presse
PortugalDie Gebühren für das Bachelor-und das Masterstudium sind weitestgehend gleich und liegen bei mindestens 631 Euro und maximal bei 999,71 Euro. Die Höhe wird jedes Jahr vom Bildungsministerium bestimmt und wird unter anderem von der Inflation beeinflusst. Stipendien können auf Basis des Nutzens und der Leistung berechnet werden. Das Begabtenstipendium beträgt 2425 Euro. Quelle: dapd
Universität Sofia Quelle: dpa

Nicht nur aufgrund der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit, sondern auch, weil die Hochschule mit dem zauberhaften Campus seit je die Gründung von Unternehmen aus dem Wissenschaftsbetrieb unterstützt. Deutsche Universitäten schufen dafür erst in den letzten Jahren Fonds.

In Stanford sind die Studiengebühren happig: 40 000 Dollar pro Jahr. Solche Zahlen nehmen Gebühren-Kritiker hierzulande gern als Totschlagsargument. Doch Gerhard Casper, Verfassungsrechtler aus Hamburg und von 1992 bis 2000 Präsident der Stanford University, mag daran nichts Abschreckendes finden – und schon gar nichts Unsoziales: 90 Prozent der jungen Leute erhalten einen Zuschuss oder gar ein Vollstipendium aus der Uni-Kasse.

Und er legt Wert darauf, dass die Abfrage der finanziellen Verhältnisse der Eltern erst nach der Auswahl der Studenten erfolge. Für Casper sind Studiengebühren deshalb kein Mittel der Selektion, sondern des sozialen Ausgleichs: „Wir nehmen eine Vermögensumverteilung vor: Wir nehmen Geld von denen, die es sich leisten können, und geben es den Ärmeren.“ Das würde sich in Deutschland nicht einmal ein Liberaler trauen zu sagen.

Deutschland



Hier läuft die Debatte umgekehrt: Die Gebührenfans müssen sich selbst bei 500 Euro pro Semester rechtfertigen – eine Summe, die etliche Studenten gern für die Reise in den Ferien ausgeben und manche Kita von betuchten Eltern im Monat verlangt.

Das Motto der Universität in Stanford, von Ulrich von Hutten entlehnt, hat Rösler übrigens gefallen. „Die Luft der Freiheit weht.“ So steht es bis heute im Universitätswappen – auf Deutsch, wohlgemerkt. Nur mit den deutschen Hochschulen hat es nicht so viel zu tun.

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