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Berlin intern

Unschöne Bescherung bei der Rentenreform

Max Haerder
Max Haerder Leiter Hauptstadtbüro WirtschaftsWoche (Berlin)

Von den Mühen einer Kommission, die sich in ihren Wünschen verzettelte: wenn eine kleine Rentenreform zu wenig ist und eine größere zu teuer wird.

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Oh, du Fröhliche! Sozialministerin Andrea Nahles kommt, aber ohne Geschenk. Quelle: Werner Schüring für WirtschaftsWoche

Nennen wir ihn den ersten Supan’schen Hauptsatz der Rentendynamik: „Wenn man den Leuten eine Sahnetorte hinstellt, dann essen sie die Torte auch.“ Axel Börsch-Supan, Direktor am Münchner Max-Planck-Institut für Sozialrecht und Sozialpolitik und führender Demografieforscher, hat die deutsche Rentenpolitik schon analysiert und kritisiert, als noch Norbert Blüm die Rente sicherte (was dieser gerade, pünktlich zum 125. Jubiläum der Rentenversicherung, öffentlichkeitswirksam widerrief).

Supans Formel wird empirisch gerade eindrucksvoll bestätigt: Die Rente ab 63, erst im Sommer eingeführt, ist reizvoller als von der Regierung erwartet und noch teurer als befürchtet. Ältere Arbeitnehmer stellen Anträge in Scharen. Die Torte ist eben zu schön, nun wird sie genüsslich verzehrt.

Man sollte also auf den erfahrenen Professor hören, wenn er warnt, dass die große Koalition gerade den nächsten Kuchen anrührt. Der Konjunktiv ist wichtig, denn noch ist nichts endgültig, aber der Wille ist klar erkennbar: Eine Gruppe von Bundestagsabgeordneten der Koalition plant mit Arbeitsministerin Andrea Nahles, die Teilrente aus ihrem Schattendasein zu ziehen und mit individuellen Hinzuverdienstgrenzen attraktiv zu machen.

Die Losung: Teilrente und Teilzeit-Verdienst dürfen künftig zusammen bis zur Grenze des vorherigen Brutto-Vollzeitgehalts reichen.

So viel Rente bekommen Sie
DurchschnittsrentenLaut den aktuellen Zahlen der Deutschen Rentenversicherung bezogen Männer Ende 2014 eine Durchschnittsrente von 1013 Euro. Frauen müssen inklusive Hinterbliebenenrente mit durchschnittlich 762 Euro pro Monat auskommen. Quellen: Deutsche Rentenversicherung; dbb, Stand: April 2016 Quelle: dpa
Ost-Berlin mit den höchsten, West-Berlin mit den niedrigsten RentenDie Höhe der Rente schwankt zwischen den Bundesländern. Männer in Ostberlin können sich mit 1147 Euro Euro über die höchste Durchschnittsrente freuen. In Westberlin liegt sie dagegen mit 980 Euro am niedrigsten. Aktuell bekommen männliche Rentner: in Baden-Württemberg durchschnittlich 1107 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 1031 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 980 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1147 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 1078 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 1040 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 1071 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 1084 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 1027 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 1127 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 1115 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 1069 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 1098 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 1061 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 1064 Euro pro Monat Quelle: AP
Frauen mit deutlich weniger RenteFrauen im Ruhestand bekommen gut ein Drittel weniger als Männer. Auch sie bekommen in Ostberlin mit durchschnittlich 1051 Euro die höchsten Bezüge. Am wenigsten bekommen sie mit 696 Euro in Rheinland-Pfalz. Laut Deutscher Rentenversicherungen beziehen Frauen inklusive Hinterbliebenenrente: in Baden-Württemberg durchschnittlich 772 Euro pro Monat in Bayern durchschnittlich 736 Euro pro Monat in Berlin (West) durchschnittlich 861 Euro pro Monat in Berlin (Ost) durchschnittlich 1051 Euro pro Monat in Brandenburg durchschnittlich 975 Euro pro Monat in Bremen durchschnittlich 771 Euro pro Monat in Hamburg durchschnittlich 848 Euro pro Monat in Hessen durchschnittlich 760 Euro pro Monat in Mecklenburg-Vorpommern durchschnittlich 950 Euro pro Monat in Niedersachsen durchschnittlich 727 Euro pro Monat in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 749 Euro pro Monat im Saarland durchschnittlich 699 Euro pro Monat in Sachsen-Anhalt durchschnittlich 964 Euro pro Monat in Sachsen durchschnittlich 983 Euro pro Monat in Schleswig-Holstein durchschnittlich 744 Euro pro Monat in Thüringen durchschnittlich 968 Euro pro Monat Quelle: dpa
Beamtenpensionen deutlich höherStaatsdienern geht es im Alter deutlich besser. Sie erhalten in Deutschland aktuell eine Pension von durchschnittlich 2730 Euro brutto. Im Vergleich zum Jahr 2000 ist das ein Zuwachs von knapp 27 Prozent. Zwischen den Bundesländern schwankt die Pensionshöhe allerdings. Während 2015 ein hessischer Staatsdiener im Ruhestand im Durchschnitt 3150 Euro ausgezahlt bekam, waren es in Sachsen-Anhalt lediglich 1940 Euro. Im Vergleich zu Bundesbeamten geht es den Landesdienern dennoch gut. Im Durchschnitt kommen sie aktuell auf eine Pension von 2970 Euro. Im Bund sind es nur 2340 Euro. Quelle: dpa
RentenerhöhungIm Vergleich zu den Pensionen stiegen die normalen Renten zwischen 2000 und 2014 deutlich geringer an. Sie wuchsen lediglich um 15,3 Prozent. Quelle: dpa
Reserven der RentenkasseDabei verfügt die deutsche Rentenversicherung über ein sattes Finanzpolster. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung betrug die sogenannte Nachhaltigkeitsrücklage Ende 2014 genau 35 Milliarden Euro. Das sind rund drei Milliarden Euro mehr als ein Jahr zuvor. Rechnerisch reicht das Finanzpolster aus, um fast zwei Monatsausgaben zu bezahlen. Nachfolgend ein Überblick, mit welcher Rente die Deutschen im aktuell im Durchschnitt rechnen können: Quelle: dpa
Abweichungen vom StandardrentnerWer 45 Jahre in den alten Bundesländern gearbeitet hat und dabei den Durchschnittslohn verdiente, bekommt pro Monat 1314 Euro ausgezahlt. Bei 40 Arbeitsjahren verringert sich die monatliche Auszahlung auf 1168 Euro. Wer nur 35 Jahre im Job war, bekommt 1022 Euro. Quelle: Fotolia

Die Idee klingt erst mal gut: Ältere Beschäftige, hoffen die Befürworter, bleiben so noch als Beitrags- und Steuerzahler erhalten, statt abrupt in den Ruhestand zu entschwinden. „Wir wollen die Menschen mit mehr Flexibilität länger im Job halten“, sagt Carola Reimann, SPD-Fraktionsvize.

Börsch-Supan aber schwant Schlechtes. Ihm machen die Pläne große Sorgen, vor allem, wenn Teilrenten schon ab 60 möglich wären, wie die SPD es gerne hätte. Dann, fürchtet er, „könnten alle Dämme brechen, die wir in der Vergangenheit gegen Frühverrentung aufgebaut haben“. Österreich, Schweden und Finnland hätten bereits ihre Erfahrungen mit ähnlichen Konzepten gemacht. Und das Ergebnis der Wissenschaft lautet: „Teilrenten führen leider nicht zu mehr Arbeit im Alter, sondern eher zu weniger. Das ist nicht im Sinne der Erfinder.“

Die Kommission hat somit mehrere Probleme. Die neue Teilrente wollen alle (trotz der Gefahren). Aber alle sind auch der Meinung, dass sie allein nicht herzeigbar genug ist für mehrere Monate Beratung (zumal Schwarz-Gelb in der vergangenen Wahlperiode mit der „Kombi-Rente“ schon ganz ähnliche Pläne ausgeheckt hatte). Aber: „Wenn wir mehr hinbekommen wollen als eine Reform der Teilrente, dann wird das Geld kosten“, sagt CDU-Mitglied Peter Weiß. „So viel Ehrlichkeit muss sein.“

Die Union etwa möchte die Arbeitgeberbeiträge für arbeitende Rentner künftig als Bonus auf die Rente aufschlagen. Doch das kostet 2030 rund 390 Millionen jährlich, inklusive Minijobber sogar das Doppelte. Die SPD wiederum hat sich in ein „Arbeitssicherungsgeld“ verliebt.

Menschen, die noch zu fit für Erwerbsminderungsrente sind, aber nicht mehr Vollzeit belastbar, sollen ihren verringerten Lohn mit einem Teil des Arbeitslosengeldes aufstocken können. Das, raunt die Kommission, könnte sogar langfristig noch teurer werden.

Die Geschenke, die die große Koalition mit dem Rentenpaket bereits im Sommer verteilt hat, engen den Spielraum heute jedoch ziemlich ein. Angesichts dieser misslichen Lage hat die AG sich auf Ende Januar vertagt. Die geplante Bescherung vor Weihnachten fällt aus.

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