Berlin intern

Wahlkampf zwischen Mett und Marmelade

Henning Krumrey Ehem. Redakteur

Die Bundestagskandidaten wollen den Wählern Person oder Programm nahebringen. Der Grat zwischen Fakten und Faxen ist schmal.

SPD-Direktkandidatin Malecha-Nissen Quelle: dpa

Die Zeugen Jehovas haben unerwartet Konkurrenz bekommen. Wenn es jetzt bei Ihnen an der Tür schellt, müssen das nicht die christlichen Glaubenshausierer sein. Es können auch Sozialdemokraten auf der Schwelle stehen, die auf ein politisches Haustürgeschäft hoffen und sich mit einer roten Nelke oder Rose ins Gespräch und in Erinnerung bringen wollen. Das Klinkenputzen hatte früher Tradition, später scheuten die Bundestagskandidaten angesichts wachsender Parteiverdrossenheit die Klingeltingeltour.

Aber diesmal drängen die SPD-Bewerber mit Macht in den Vorgarten oder an die Wechselsprechanlage. Bürgernähe ist jetzt körperlich gefragt. Im Kampf um Aufmerksamkeit trauen sich die Bittsteller was. Mario Hennig, Genosse aus Aschersleben in Sachsen-Anhalt, hat sich seinen eigenen Wahlkampfsong „Harzer Septemberwind“ komponieren lassen und kräht selbst ins Mikrofon: „Ja an die Spree, wählt Esspehdeee“. Ein etwas professionellerer Sänger – wenngleich kein Meister der Dichtkunst – reimte dazu: „Bei uns wird rot gewählt, sich das von selbst versteht.“

Rebecca Hummel aus Reutlingen hinterlässt kleine Marmeladentöpfchen. Sie selbst findet offensichtlich auch Gefallen an der Kombination aus Erdbeeren und Gelierzucker. Ihr Slogan: „Rot schmeckt gut.“ Ihre Hoffnung: Irgendwas wird kleben bleiben. Zusätzlich hat sie ein fünfminütiges Video für YouTube produziert, in dem sie die Herstellung des kalorienhaltigen Werbemittels erklärt („Wir nehmen den ROTEN Trichter“). Und sie kämpft mit knallharten Spartipps für die Energiewende: „Damit die Erdbeeren nachher schneller kochen, schneiden wir sie in kleine Stücke.“

Thüringens Junge Liberale antworteten mit einem kleinen Fernsehspott. Sie fabrizierten nach Genuss des Hummel-Videos einen Mettigel aus Hackfleisch und Salzstangen – denn „Roh schmeckt gut“. Nicht ganz so aufwendig wie das SPD-Rezept, aber ähnlich („Diese Gießkanne brauchen wir nicht, aber sie ist GELB“). Denn es genügt ja, das Fleisch auf einen Teller zu klopsen und das Knabberzeug hineinzustecken. Aber keine FDP-Werbung ohne das Steuerthema, hier also mit einem semi-abgefutterten Stachelviech: „Das ist unser Mettigel netto – übrigens: In diesem Jahr haben Sie sieben Monate nur für den Staat gearbeitet.“

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Kulinarisch versucht es auch Grünen-Kandidat Özcan Mutlu, ein machtbewusster Öko-Knuddel türkischer Abstammung. Der 44-Jährige will in Berlin-Mitte das zweite Direktmandat für die Ökos in der Hauptstadt gewinnen. Der umtriebige Bildungspolitiker, seit 14 Jahren im Berliner Landesparlament, kopiert dafür nicht nur den Slogan des früheren CDU-Bürgermeisters Eberhard Diepgen („Ebi rennt“) und schart Mitläufer zum Joggen um sich. Gerne wirbt er auch in Wohnungen um Stimmen.

Solche Wählerpartys sind nicht neu. Gerade in liberalen Kreisen wird gern zum abendlichen Polit-Plausch in Bürgervillen eingeladen. Der Unterschied: Dort bringt ein Catering-Service die Häppchen, bei der Aktion „Mutlu kocht“ zaubert der Kandidat in deren Küche selbst ein Menü. Voraussetzung: Die Gastgeber müssen mindestens fünf externe Mitesser anlocken – und natürlich im Bezirk Mitte wohnen. Ob vegetarische Essens-Diktatur oder Fleischeslust, ist dem pfiffigen Wahlkampfprofi dabei egal.

Eine segensreiche Wirkung haben diese Rezepte zum Abspeisen des Publikums allemal: Sie fördern das Wachstum.

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