Berlin intern

Warum Politiker die digitale Medienwelt missverstehen

Gregor Peter Schmitz
Gregor Peter Schmitz Ehem. Leiter Hauptstadtbüro WirtschaftsWoche (Berlin)

Politiker tun, als sei Kommunikation im digitalen Zeitalter unmöglich. Dabei gibt es weit mehr zu gewinnen als nur den Shitstorm. Sie müssen sich bloß trauen. Eine Kolumne.

Studentin macht ein Selfie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel Quelle: REUTERS

Die Konrad-Adenauer-Stiftung ist nicht für ihren Hang zur bombastischen Dramatik bekannt. Aber am Dienstag luden die Stiftungsoberen zur Diskussion über politische Kommunikation im digitalen Zeitalter, und die Einladung verhieß nichts Geringeres als: „Vom Glanz und Elend der öffentlichen Rede“. Das klang ein bisschen, um literarisch zu bleiben, wie die Buddenbrooks. Darin erzählt Thomas Mann vom „Verfall einer Familie“, den Adenauers schien es um die Malaise der Kunstform Rhetorik zu gehen, vielen heute höchstens noch als „soft skill“ bekannt. Dazu passte, dass die dazugehörige Podiumsdiskussion die Pole Hype (Pest) und Shitstorm (Cholera) erörtern sollte – und danach Bundestagspräsident Norbert Lammert sprach. Der Christdemokrat macht aus seiner Verzweiflung an der modernen Mediendemokratie keinen Hehl.

Zahlen und Fakten zu Twitter

„Zu Talkshows fällt mir nichts mehr ein“, sagt er gerne, zu Twitter wohl erst recht nicht. Wie um ihm recht zu geben, ereiferten sich Kommentatoren in sozialen Netzwerken weniger über seine Rede als die Tatsache, dass kein Hashtag für die Adenauer-Veranstaltung vorlag. Auf den ersten Blick gibt es ja genug Grund für rhetorische Untergangsstimmung: Im Bundestag spricht schon lange kein Herbert Wehner mehr, nicht einmal mehr ein Joschka Fischer. Und wenn Kanzlerin Angela Merkel öffentlich spricht, versucht „die mächtigste Frau der Welt so uninteressant wie möglich zu sein“, wie der „New Yorker“ staunte. In der Euro-Krise hat der britische Historiker Timothy Garton Ash ihr „Legosprache“ unterstellt, die Kanzlerin setze vorgefertigte Sätze einfach immer wieder neu zusammen. Man muss nicht gleich Winston Churchill vermissen, der die englische Sprache „in die Schlacht“ geführt hat. Aber schwer vorstellbar, dass sich ein US-Präsident in einer Lage wie der Flüchtlingskrise nicht mit einer live übertragenen Rede an seine Nation wenden würde. Merkel ging in eine Talkshow. Ist deswegen die große politische, die öffentliche Kommunikation tot? Unsinn, sie ist vermutlich lebendiger denn je. Wichtige Bundestagsreden erreichten früher ein sehr begrenztes Publikum.

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Wütet heute Christian Lindner im NRW-Landtag gegen die deutsche Angst vorm Scheitern, beamt ihn dies via YouTube in die Polit-Bundesliga. Droht Kabarettist Helge Schneider nach dem terrorbedingt abgesagten Fußballspiel von Hannover den Terroristen, er käme halt am Donnerstag wieder, erreicht dies Hunderttausende. Und wirbt Schauspielerin Emma Watson vor der Uno für Frauenrechte, klatscht gefühlt die halbe Welt. Herrscht dadurch mehr Grundrauschen? Wird es für Politiker schwerer, gehört zu werden? Ganz sicher, das digitale Zeitalter ist auch ein demokratischeres. Aber es bietet Chancengleichheit für alle, die etwas zu sagen haben. Merkel, von der kein Satz aus einer Rede hängenblieb, könnte mit ihrem „Wir schaffen das“ in die Geschichtsbücher eingehen. Ihr Flüchtings-Selfie, gewiefte moderne Kommunikation, eilte als Bild eines offenen Deutschlands um die Welt. Und als sie wirre Islamängste einer Bürgerin bei einer Veranstaltung konterte, ging das Video ihres Auftrittes „viral“. Sollte Merkel schlussfolgern, es brauche keine Reden mehr? Im Gegenteil: Wie viel mehr Gehör fände sie im Digit-Zeitalter, hätte sie Mut zur großen Rede?

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