Berlin intern

Zentralrat der Intoleranz?

Gregor Peter Schmitz
Gregor Peter Schmitz Ehem. Leiter Hauptstadtbüro WirtschaftsWoche (Berlin)

Vertreter der jüdischen Gemeinschaft fordern eine Obergrenze für Flüchtlinge. Das sorgt für wütenden Widerspruch. Eine Kolumne.

Flüchtlinge:

Wenn republikanische Präsidentschaftsbewerber gerade fordern, die Grenzen dichtzumachen und ja keinen Syrer ins einstige Hoffnungsland der Schwachen und Verfolgten zu lassen, ist auf eine Stimme Verlass: Vertreter der jüdischen Gemeinschaft in den USA erinnern, dass auch Jesus ja mal ein Flüchtling gewesen sei – und beschwören die Tradition der „Diaspora“, der Zerstreuung der Juden, eine Konstante der Weltgeschichte von Babylon bis heute.

Daraus ergebe sich die Pflicht, mahnen sie, aktuell Flüchtlingen eine Willkommenskultur zu bieten. In Deutschland verläuft diese Debatte ganz anders.

Dort hat der Chef des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, gerade Obergrenzen für Flüchtlinge gefordert, weil er deren Einstellung fürchtet. „Viele der Flüchtlinge fliehen vor dem Terror des ,Islamischen Staates‘ und wollen in Frieden und Freiheit leben – gleichzeitig aber entstammen sie Kulturen, in denen der Hass auf Juden und die Intoleranz ein fester Bestandteil ist“, sagte Schuster.

Länder mit der höchsten Zahl der Asylbewerber (2014)

Der gelernte Internist, 54, ist ein ruhiger Mann, er lebt im beschaulichen Würzburg. Lautsprecherische Töne könnten Schuster kaum ferner sein. Und doch erinnerten Vertreter seiner rund 100 000 Mitglieder starken Gemeinschaft Schusters Worte an Rechtspopulisten von AfD bis Pegida.

In der „Taz“ wetterte ein angehender Rabbiner, laut Schuster sei Antisemitismus offenbar ein „ethnisches Problem“. Wie passe dazu, dass laut Angaben der Bundespolizei in Deutschland mehr als 95 Prozent aller antisemitischen Gewalt- und Straftaten von Deutschen ohne Migrationshintergrund begangen würden?

„Wenn jemand behauptet, dass es Antisemitismus vor allem unter Arabern gibt, ist er entweder dumm und hat schlechte Berater – oder er ist einfach ein Rassist“, schrieb der Kommentator. „Mein Vorschlag wäre, dass sich der Zentralrat der Juden zum Zentralrat der rassistischen Juden umbenennt.“

Aus diesen Ländern kommen Asylbewerber in Deutschland

Wow. „Taz“-Autor Armin Langer ist zwar als Provokateur bekannt. Besonnenere Kräfte der jüdischen Gemeinschaft halten dagegen, Schusters besorgte Worte seien nur vor dem Anstieg antisemitischer Straftaten in Deutschland (Anstieg voriges Jahr: 25 Prozent) zu verstehen.

Interessanter als der interne Streit ist aber die Reaktion der deutschen Politik. Schuster hatte der Kanzlerin Angela Merkel nämlich vor Kurzem einen Brief geschickt. Einerseits fühlten sich Juden in Deutschland den Flüchtlingen verbunden, schrieb er darin.

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Real sei aber auch deren Angst vor einer grundlegenden Veränderung der deutschen Gesellschaft. Merkel traf Schuster und Kollegen zu einem dreistündigen Gespräch. Judenhass werde niemals toleriert werden, stellte sie danach öffentlich klar. Diese Aussage war wichtig. Vielleicht wäre aber ebenso wichtig, zu der aktuellen Kontroverse um Schusters Worte nicht zu schweigen. Natürlich ist jede Aussage zu den Ängsten jüdischer Mitbürger in Deutschland schwierig.

Aber zu einer bunteren deutschen Gesellschaft gehört auch neue politische Vermittlungsarbeit, etwa zwischen muslimischen und jüdischen Gemeinschaften. Was droht, wenn man das nicht tut, ist gerade im vom Terror zerrissenen Belgien zu beobachten. Dort stehen sich diese Gemeinschaften wie Feinde im eigenen Land gegenüber.

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