Berlin intern

Zimmer frei!

Henning Krumrey Ehem. Redakteur

Mit der Bundestagswahl heißt es für manchen Amtsinhaber: umziehen. Zu vergeben sind derzeit die schönsten Büros der Hauptstadt.

Foto des Berliner Reichstagsgebäudes Quelle: dpa

Der Blick ist unbezahlbar – und nicht mal käuflich. Acht Jahre lang hat Angela Merkel diese Perspektive genossen: die große Rasenfläche vor dem Haus, dahinter, mächtig, der Reichstag mit der gläsernen Kuppel und die Schlange der wartenden Demokratietouristen. Und zur Seite der Blick über den Tiergarten bis hin zu den nachts magisch erleuchteten Hochhäusern am Potsdamer Platz. Das Amtszimmer der Kanzlerin ist auch ansonsten das schönste Büro der Stadt und das größte aller Regierungsbauten. Auf 140 Quadratmetern finden Platz: der Designerschreibtisch des Vorgängers, etwas Kunst und jede Menge Aussitzgelegenheiten – ein Besprechungstisch mit acht Stühlen, dazu eine üppige Ledergarnitur vor dem Fenster. Merkel arbeitet lieber an der großen Tafel als am Schreibtisch.

Als wäre es protokollarisch so geregelt, darf sich der aktuelle Vizekanzler auch über die zweitgrößte Bürofläche freuen. 88 Quadratmeter. Im architektonisch pompösesten Gemach residiert der Wirtschaftsminister. Perfekt restaurierte Stuckdecken schmücken den kleinen Saal. Zwei Türen weiter befindet sich die kleine Kemenate, in der sich der junge Familienvater und Berlin-Neuling Philipp Rösler sein Nachtlager einrichtete. Ein Minister auf Montage.

Die Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl
ANGELA MERKEL - Kampf um dritte KanzlerschaftDie CDU-Chefin kämpft bei der Wahl am 22. September um ihre dritte Kanzlerschaft. Ins Amt kam Angela Merkel 2005 an der Spitze einer großen Koalition aus Union und SPD. Seit 2009 führt sie ein Bündnis mit der FDP, das sie erklärtermaßen fortsetzen will. An die Spitze ihrer Partei gelangte die vorherige Generalsekretärin im Jahr 2000 im Zuge des CDU-Spendenskandals - nachdem sie sich scharf von Altkanzler und Ex-Parteichef Helmut Kohl distanziert hatte. Als Parteivorsitzende hat die heute 59-Jährige der CDU eine programmatische Modernisierung verordnet. Grundsatzpositionen wie die Wehrpflicht und das Ja zur Atomkraft wurden aufgegeben, auch in der Familien- und Bildungspolitik änderte sich der Kurs - zum Leid des konservativen Flügels. In die Politik kam die ostdeutsche Physikerin in der Wendezeit. Sie wurde Vizesprecherin der ersten demokratisch gewählten DDR-Regierung und später unter Kohl zunächst Frauen-, dann Umweltministerin. Mitglied des Bundestags ist sie bereits seit 1990. Quelle: dpa
PEER STEINBRÜCK - Klartext-Mann auf schwieriger MissionMit 66 Jahren will er es noch einmal wissen. Das Problem: Der frühere Finanzminister hatte nach dem Ende der großen Koalition eine Kandidatur nicht einkalkuliert - und so fielen Peer Steinbrück seine lukrativen Vorträge gleich auf die Füße, als er schlecht vorbereitet und zunächst ohne eigenen Mitarbeiterstab in das äußerst schwierige Unterfangen startete. Hinzu kamen unglückliche Äußerungen. So trauen ihm bisher nicht viele Bürger zu, es besser zu können als Merkel. Manche fragen auch, ob er der richtige Mann ist für ein eher linkes SPD-Programm. Früher sah er etwa Mindestlöhne kritisch. Aber der Mann feiner Ironie und scharfer Worte kämpft. Die Karriere des Volkswirts begann 1974 im Bundesbauministerium, unter Helmut Schmidt war er Referent im Kanzleramt. Nach Ministerposten in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen wurde der gebürtige Hamburger in Düsseldorf Ministerpräsident (2002-2005), dann war er Minister unter Merkel. Für die Zukunft hat er letzteres aber ausgeschlossen. Quelle: dpa
RAINER BRÜDERLE - Haudegen mit HandicapFür den Vorsitzenden der FDP-Bundestagsfraktion läuft der Wahlkampf bisher alles andere als rund. Vor sechs Wochen stürzte er nach einem privaten Abend mit Freunden schwer, zog sich Brüche an Arm und Oberschenkel zu. Seitdem kämpft der 68-Jährige in der Reha, um zum Wahlkampfendspurt mit vielen Großveranstaltungen wieder fit zu sein. In der Zwischenzeit gibt Brüderle im Akkord Interviews, fordert mehr Datenschutz in Europa, geißelt die Steuererhöhungspläne von Rot-Grün und sucht beim Solidarzuschlag die Konfrontation mit der Kanzlerin. Wann mit dem stufenweisen Soli-Ausstieg begonnen werden soll, darüber sind sich Brüderle und FDP-Chef Philipp Rösler aber selbst nicht so ganz einig. Brüderle, als Fraktionschef lange ein Rösler-Rivale, findet die Doppelspitze mit dem 40-jährigen Vizekanzler gut. Die Mischung aus Jung und Alt sei richtig. „Das läuft alles sehr offen und fair“, sagte Brüderle der „Welt am Sonntag“ über sein Teamspiel mit Rösler. Quelle: dpa
KATRIN GÖRING-ECKARDT Die Frau aus dem Osten ist eine Vertreterin des Realoflügels und eine abwägende Rednerin. Die 47-jährige Göring-Eckardt soll stärker in so genannte bürgerliche Schichten ausstrahlen. Doch bisher fiel es der Thüringerin manchmal schwer, neben dem oft dominant wirkenden Bremer durchzudringen. Göring-Eckardt engagierte sich in der kirchlichen Opposition der DDR und sitzt heute im Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Sie war 1989 Gründungsmitglied der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ und von „Bündnis 90“. Unter Rot-Grün war sie Fraktionsvorsitzende. Quelle: dpa
JÜRGEN TRITTIN - Der zweiten Gemischtes Grünen-DoppelDer Mann aus dem Westen gilt als pragmatischer Parteilinker und scharfer Rhetoriker: Zwei sehr unterschiedliche Politiker haben die Grünen per Urwahl an der Spitze ihres Wahlkampfs gestellt. Der 59-jährige Jürgen Trittin steht für klaren Rot-Grün-Kurs. Trittin ist mit Renate Künast seit 2009 Fraktionschef im Bundestag. Im Kabinett von Gerhard Schröder (SPD) leitete er von 1998 bis 2005 das Umweltressort. Vielen gilt er als etwas arrogant, doch im Wahlkampf betont er seine charmante Seite. Quelle: dpa
GREGOR GYSIDie Linke konnte sich nicht auf einen oder zwei Spitzenkandidaten einigen und hat sich deswegen für gleich acht entschieden. Der prominenteste ist Fraktionschef Gregor Gysi. Der 65-jährige Gysi gilt nach dem Abgang Oskar Lafontaines als mächtigster Mann der Linken, hat aber während des erbitterten Machtkampfs um die Parteispitze im vergangenen Jahr Autorität eingebüßt. Der Berliner Rechtsanwalt hat ein zweistelliges Wahlergebnis als Ziel ausgegeben, in den Umfragen liegt die Partei zwischen sechs und neun Prozent. Quelle: dpa
SARAH WAGENKNECHT - Nr. 2 der LinkenWagenknecht war früher Wortführerin der Kommunistischen Plattform lässt ihre Mitgliedschaft in der radikalen Parteigruppierung seit ihrer Wahl zur stellvertretenden Parteivorsitzenden aber ruhen. Neben Gysi gilt die 44-jährige Lebensgefährtin Lafontaines als die Linke mit der stärksten Ausstrahlung. Gysi hat ihren Aufstieg in der Partei mehrfach gebremst. Nach der Wahl könnte sich aber die Frage neu stellen, ob sie an seiner Seite Fraktionschefin wird. Quelle: dpa

Umso eleganter das (er)bauliche Umfeld. Vor dem Büro im ersten Stock erstreckt sich eine mit Steinbalustraden eingefasste Terrasse, von der der Dienstherr huldvoll die Mitarbeiter grüßen könnte. Macht er natürlich nicht. Rechts vom Schreibplatz, wo andere Ablagefächer platzieren, ist die Stereoanlage eingebaut, die Musikkenner und Klavierkönner Werner Müller einst orderte; später vergnügte sich dank ihrer CSU-Mann Michael Glos morgendlich mit Anna Netrebko. Unter Glos’ Ägide durfte die Quadratmeterzahl des imposanten Arbeitsraums übrigens nicht genannt werden – „aus Sicherheitsgründen“, wie es hieß.

Kaum kleiner ist das angestammte Vizekanzlerbüro, das Refugium des Außenministers. Der erste Hausherr in Berlin, der Grüne Joschka Fischer, ließ sich auf den 78,2 Quadratmetern einen aufwendigen Terracotta-Boden zu Füßen legen, doch schon Nachfolger Frank-Walter Steinmeier (SPD) wollte lieber auf dem Teppich bleiben. So hielt es auch Guido Westerwelle (FDP). Ebenfalls recht großflächig versorgt: die Minister für Verteidigung, Inneres, Verbraucherschutz und Umwelt.

Residenzielles Mittelmaß bieten die klassischen Ressorts Justiz und Finanzen. Aber auch hier sind rund 50 Quadratmeter zu bespielen. Die Solidaritätsministerien Gesundheit und Soziales geben sich mitfühlend bescheiden. Aber Ursula von der Leyen und Daniel Bahr brauchten aufgrund ihres Körperbaus ja auch nicht viel Platz. In derselben räumlichen Spielklasse tummeln sich die Ressortleiter für Bildung, Familie sowie Verkehr und Städtebau.

In Arbeit
Bitte entschuldigen Sie. Hier steht ein Element, an dem derzeit noch gearbeitet wird. Wir kümmern uns darum, alle Elemente der WirtschaftsWoche zeitnah für Sie einzubauen.

Entwicklungsminister Dirk Niebel residiert zwar im hässlichsten Gebäude, hat aber beste Aussichten (rein optisch natürlich). Dabei steht der Koloss (das Haus natürlich) unter Denkmalschutz, schließlich war er 1931 eines der ersten Stahlskelett- Bürohochhäuser der Stadt. Aus der 10. Etage blickt der Ressortchef von Süden Richtung Regierungsviertel und Reichstag. Zwar hat Niebel seine umstrittene Kopfbedeckung aus Bundeswehrzeiten dem Haus der Geschichte vermacht. Aber da er in einem Regal seines Kontors seine Mützensammlung aufbewahrte, bleibt noch genügend Auswahl, um jetzt den Hut zu nehmen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%