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Berühmte letzte Worte

Der Kanzlerin neue alte Kleider

Fotos nackter Jungs offenbaren einen eklatanten, tagesgeschäftlichen Dilettantismus unserer neuen Polit-Kaiser; bar jeden Intellekts, Intuition und Imagination.

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In der Regierung sind Fehler an der Tagesordnung. Einer davon war das zu späte Reagieren auf den Fall Edathy Quelle: dpa

Im Top-Management einer großen Agentur ließ ich darüber sinnieren, warum man keinen Unterschied macht, keinen Wert erzeugt und wahrscheinlich nicht einmal vermisst würde.

Ergebnis war in kluger und mutiger Selbsterkenntnis: Inkompetenz in Tateinheit mit Profilneurose lässt das Management erstarren, sich aktionistisch im Kreise um sich selbst drehen, sich im schlimmsten Falle selbst in den Fuß schießen.

Das politische Top-Management ist keinen Deut besser.

Bereits die ersten Monate laufen erwartungsgemäß so unterirdisch schlecht, wie der Koalitionsvertrag vorgibt.

Wie unendlich froh muss momentan jede/r Einzelne der Koalition sein, ob des Falles Edathy/Friedrich die komplette Regierungsarbeit ein paar weitere Wochen lang vor sich her prokrastinieren zu können?

Wie unendlich froh müssen sie sein, nicht unentwegt weiter einen Fehler nach dem anderen machen zu müssen. Aus reinem Aktionismus. Aus Ermangelung einer eigenen Vision. Aus Ermangelung einer visionären Führungspersönlichkeit ganz oben an ihrer Spitze.

Fehler sind politisches Tagesgeschäft

Soviel Mühe haben sich alle gegeben, mit dem Koalitionsvertrag, der Rente mit 63, der Energiewende, der Mütterrente, der Bundeswehr, den Strompreisen, der Elektromobilität ...

So wenig Ahnung haben sie, so wenig wegweisende Richtungskompetenz für ihre Herzblut-Ministerien. So wenig Lob bekamen sie für die vermeintlichen Füllhörner, die sie ausleer(t)en über ihren Schäfchen.

Da kann man schon einmal genervt in Trotzstarre verfallen.

Schlimmer noch: Wir müssen annehmen, dass der Geheimnisverrat Friedrichs, der Dilettantismus Gabriels und Oppermanns, das ostentative Weggucken und Wegducken der Kanzlerin, die kettenähnliche Aneinanderreihung von Fehlern des Edathy-Staatsanwaltes durchschnittliches politisches Tagesgeschäft sind. Nur dass wir eben diesmal Wind davon bekommen. Dass wir endlich begreifen: Die KaiserInnen sind ausnahmslos nackt.

Wir müssen annehmen, dass alle Reform genannten Projekte Opfer eines ebensolchen, dilettantischen Tagesgeschäftes sind/werden wie der intellekt- und intuitionslose Umgang mit der Kausa Edathy/Friedrich.

Zwei Beispiele

Beispiel 1: Welchen wegweisenden Anspruch in eine bessere Zukunft meldet diese Rente mit 63beispielsweise an?

- Die meisten Menschen stehen heute mit 63 noch mitten im Leben. Warum jetzt in Rente?

- Die Rente raubt ihnen den Lebenssinn. Nimmt ihrem Leben die geliebte Bedeutung. Und das soziale Umfeld.

- Die Jobs, die wirklich eine Frühverrentung notwendig machen, sollte man lieber vorbehaltlos infrage stellen, statt sie zu alimentieren.

- Die betroffenen Unternehmen verlieren die Erfahrung und kristalline Intelligenz eines bewegten Arbeitslebens. Was für ein volkswirtschaftlicher Wahnsinn.

Elektromobilität scheitert schon an der Regierung

Fragen und Antworten zum Koalitionsvertrag
Peer Steinbrück und Katrin Göring-Eckardt Quelle: dpa
Wie unfair ist die Rente?Von Generationengerechtigkeit darf kein Großkoalitionär mehr sprechen, ohne tiefrot zu werden. Beide Seiten genehmigten sich großzügigst Lieblingsprojekte für ihre Kernklientel. Die Union jubiliert über die Mütterrente (als Bonus für Geburten vor 1992). Die SPD bekommt ihre Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren, zu denen auch bis zu fünf Jahre als Arbeitslose zählen – ein Geschenk an Facharbeiter mit Ausbildung. Grotesk: Die Rente mit 67, eine Großtat der Vorgänger-GroKo, wird damit gezielt relativiert. „Der Beitragssatz muss wahrscheinlich schon 2016 wieder steigen“, prognostiziert Alfred Boss vom Institut für Weltwirtschaft. Sogar die gesetzliche Obergrenze von 20 Prozent im Jahre 2020 ist in Gefahr. „Schwarz-Rot handelt unverantwortlich“, sagt Boss. „Die Rentenpolitik ist eine Katastrophe.“ Quelle: dpa
Warum wird Pflege teure?Hier ist der Koalitionsvertrag mal eindeutig: Pflege wird teurer. Spätestens 2015 steigt der Beitrag zur gesetzlichen Pflegekasse um 0,3 Prozentpunkte und beträgt dann 2,35 Prozent vom Einkommen oder der Rente. Vor der Wahl 2017 soll der Beitrag erneut um 0,2 Punkte auf 2,55 Prozent erhöht werden. Kinderlose zahlen ohnehin mehr, für sie werden erst 2,6 Prozent des Einkommens fällig, dann 2,8 Prozent. Mit den zusätzlichen Einnahmen von insgesamt gut fünf Milliarden Euro im Jahr will die Koalition Demenzkranke versorgen und eine Demografiereserve aufbauen. Ungeklärt sind anspruchsvolle Fragen, etwa wie man Pflegebedürftigkeit bei Alzheimer misst. Fest steht, dass niemand, der bisher Leistungen bekam, schlechter stehen soll. Quelle: dpa
Wie gesund sind die Kassen?Bei der gesetzlichen Krankenversicherung bleiben Union und SPD ungenauer, es wird aber auch tendenziell teurer. Arbeitgeber und Versicherte zahlen nach dem Willen der Fast-schon-Regierung jeweils hälftig einen Beitragssatz von 14,6 Prozent des Einkommens oder der Rente. Der Anteil der Arbeitgeber wird auf Wunsch der Union bei 7,3 Prozent festgeschrieben. Kommt eine Krankenkasse mit dem Geld nicht aus, kann sie einen Zusatzbeitrag erheben. Der wird künftig aber nicht mehr in festen Beträgen – etwa acht Euro je Monat – erhoben, sondern ebenfalls prozentual zum Einkommen, also etwa 0,5 Prozent. Der bereits heute von Arbeitnehmern extra zu tragende Anteil von 0,9 Punkten soll in den Zusatzbeitrag einfließen. Der Satz von 14,6 Prozent liegt unter dem heute gültigen, von allen Kassen erhobenen einheitlichen Beitragssatz von 15,5 Prozent. Quelle: dpa
Wie teuer wird die Energie noch?Langsamer, aber wohl nicht billiger wird die Energiewende. Gebremst wird beim Zubau neuer Ökostromanlagen durch niedrigere Ziele: Erneuerbare sollen 2025 zwischen 40 und 45 Prozent des Stromverbrauchs und 2035 55 bis 60 Prozent des Stromverbrauchs liefern. Heute sind es knapp 25 Prozent. Doch auch Länder, die teils stark auf den Ausbau setzen, müssen mitziehen. Denkbar wird eine Regelung wie bei der Solarförderung: je stärker der Zubau, desto schneller sinkt die Subvention. Das könnte Investoren in ein Windhundrennen treiben: Rasanter Zubau würde die Kosten für die Verbraucher erst recht hochtreiben. Gegen strenge Kürzungen sprechen allerdings die Koalitionspläne für Windparks auf See. Ihre Betreiber bekommen die hohe Förderung von 19 Cent je Kilowattstunde auch noch, wenn ihre Anlage erst 2019 statt wie bisher vorgegeben bis 2017 ans Netz geht. Quelle: dpa
Hoffnung für Studenten?Ursprünglich planten die Koalitionäre eine Offensive für Deutschlands Bildungslandschaft. Der Bund sollte sich wieder dauerhaft an der Finanzierung der Hochschulen beteiligen dürfen. Doch die Grundgesetzänderung fiel in ideologische Gräben (die SPD wollte das Kooperationsverbot auch für Schulen kippen). Der Bund zahlt in den kommenden vier Jahren zwar drei Milliarden Euro mehr, um außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Hochschulen zu unterstützen. Aber der Streit geht weiter. Wiedervorlage in den Bund-Länder-Finanzverhandlungen. Quelle: dpa
Wer bezahlt bessere KiTas und Straßen?Na gut, Horst Seehofer hat seine Pkw-Maut. Experten bezweifeln aber, dass sie nennenswert zur Finanzierung der maroden Verkehrswege beiträgt. Aber auch ohne Vignette will die Koalition fünf Milliarden Euro mehr für Straßen, Schienen und Wasserwege geben, hinzu kommen sechs Milliarden Euro für den Bau von Krippen, Kitas, Schulen und Hochschulen. Der Wirtschaft ist dies zwar nicht genug, aber die wichtige Sanierung der Infrastruktur wird wenigstens begonnen. Quelle: dpa

Beispiel 2: Statt gebetsmühlenartig und theoretisch Elektromobilität auf Deutschlands Straßen zu fordern, könnten alle Regierungs-Fuhrparks praktisch in Nullkommanichts auf Elektroautos umgestellt werden. Die Hersteller warten verzweifelt auf nennenswerte Abverkäufe.

Statt aktionistisch Symptome zu bekämpfen, sollte die Politik sich mit den Realitäten des Lebens beschäftigen. Auch - und gerade - wenn sie sich ihr Paradies in Diäten und Pensionen und Prokrastinationen längst geschaffen hat. Sollte Ursachen, und diese nachhaltig, angehen.

Das Schicksal des politischen Managements erinnert frappierend an die ach so geplagten Top-Manager der Wirtschaft. Auch dort wäre Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung.

In beiden Lagern, Politik wie Wirtschaft, sieht niemand irgendeinen Fehler, niemand gesteht Fehler ein, niemand sieht Fehler ein. ALLE haben 1. WIE IMMER, 2. ALLES, 3. RICHTIG gemacht.

Inkompetenz in Tateinheit mit Profilneurose, wie gesagt.

Die Richtung stimmt

Erfrischend naiv-lebendig, wenn auch haarscharf an Recht und Ordnung vorbeischlitternd, agierte da der Ex-Innenminister: Was war nur in ihn gefahren, plötzlich, ohne Not, partei-empathisch, fast altruistisch auf die SPD zuzugehen?

Natürlich muss so jemand - und derartig auffälliges Verhalten - schnellstmöglich von ganz oben gestoppt werden. Der stört nur die ruhigen Bahnen des gemächlich dahintropfenden Daily Business.

Nach dem Kuss der Spinnenfrau muss der glück- und ahnungslose Friedrich schließlich 'freiwillig' zurücktreten. Dabei war er längst zum Agrarminister zurückgetreten worden. Nur konsequent war dieser letzte Schritt, sich vollständig seiner Pension in der Höhe einer Handvoll wohlverdienter Rentner zu widmen.

Vorbild? Wohl kaum. Aber die Richtung stimmt. Un-Vernunft wird immer wichtiger, überlebensnotwendig. In diesem Staat, in dem sich die Politik nicht mehr traut, kindlich-naiv auszurufen: Die Kaiserin ist nackt.

In Arbeit
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Denn das fällt dann auch auf sie selbst zurück. Auf alle, die sich wie Kaiser und Könige gebärden, statt zu erkennen, dass sie die Diener dieses Volkes sind, und nicht umgekehrt. 

Zulange haben sie zugeschaut und weggeschaut. Zu lange haben sie tagesgeschäftlichem Aktionismus gefrönt, statt große Würfe zu wagen. Schon längst haben sie verdient, 'enttarnt' zu werden. Zu lange haben sie sich nur mit sich mit ihrem Status beschäftigt, statt über sich selbst klug und mutig hinauszuwachsen.

Dem Autor bei Twitter folgen: @leadculture

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