Berufsausbildung Unternehmen kämpfen gegen den Fachkräftemangel

Viele Ausbildungsplätze, zu wenig qualifizierte Bewerber – wie Unternehmen den Mangel bekämpfen.

Lehrling im Bildungs- und Quelle: dpa

Ab 17 Uhr hat Johannes Silkenbeumer vom Logistikunternehmen Rhenus Feierabend – eigentlich. Doch häufig legt der Ausbildungsleiter am Standort Hilden anschließend eine Sonderschicht ein und paukt mit seinen Lehrlingen Mathematik und Buchführung. Darin kennen sich seine Jugendlichen nicht so recht aus. Doch ob einmal pauken pro Woche auch künftig noch ausreicht, ist ungewiss. Das Bildungsniveau der Bewerber sei dieses Jahr merklich zurückgegangen, sagt Silkenbeumer.

Seine Kollegen in anderen Betrieben haben wenige Wochen vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres ähnliche Probleme. Am deutschen Ausbildungsmarkt sinkt nicht nur die Zahl der Bewerber. Auch deren Qualifikation nimmt spürbar ab. Zwar zählte die Bundesagentur für Arbeit im Juni noch 168 500 offene Lehrstellen für 183 200 Bewerber, doch viele von ihnen werden den Anforderungen der Ausbildungsunternehmen nicht gerecht. Deswegen blieben bereits im vergangenen Jahr 55 000 Ausbildungsplätze unbesetzt, so der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). In diesem Jahr dürfte die Zahl der unbesetzten Stellen weiter zunehmen, obwohl doppelte Abiturjahrgänge und das Aussetzen der Wehrpflicht zusätzliche Bewerber auf den Markt spülen.

Persönliche und soziale Defizite sind das Problem

Um aus den verbleibenden Bewerbern die Qualifiziertesten herauszufiltern und aus den weniger Qualifizierten das Optimale herauszuholen, intensivieren die Unternehmen nun ihre betriebliche Nachwuchsarbeit. Neben fehlendem Fachwissen bemängeln Betriebe zunehmend auch persönliche und soziale Defizite. Laut DIHK-Umfrage vermisst knapp die Hälfte der Unternehmen bei den Bewerbern Leistungsbereitschaft und Disziplin. Belastbarkeit und Umgangsformen lassen ebenfalls zu wünschen übrig.

"Einige Jugendliche denken, was in der Schule als cool galt, wäre im Ausbildungsbetrieb auch angesagt", sagt Dörte Tykwer, Benimmtrainerin an der IHK-Akademie Ostwestfalen. Sie versucht, Auszubildende auf den Umgang mit Kunden und Kollegen vorzubereiten – und muss allzu oft als Erstes klarstellen, dass Kaugummi kauen, jugendlicher Slang und lässige Sitzhaltung am Arbeitsplatz nichts zu suchen haben. Tykwer fängt in ihren Kursen mit eigentlich Selbstverständlichem an: Begrüßung mit Blickkontakt, freundlichem Lächeln und sicherem Händedruck.

Wie Unternehmen auf den Rückgang der Bewerber um Ausbildungsplätze reagieren Quelle: DIHK

Die Nachfrage nach derartigen Seminaren ist groß. Das Modehaus Hagemeyer aus Minden etwa schickt mittlerweile alle seine Lehrlinge zu einem Benimmkurs. Diesmal ist Albine Hasaj dabei. Die 18-Jährige beginnt im August ihre Ausbildung zur Verkäuferin, obwohl sie die Realschule schon vor mehr als einem Jahr abgeschlossen hat. "Damals wusste ich nicht so recht, was ich werden möchte", erklärt Hasaj. Deshalb meldete sie sich bei einer berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahme an. Über ein Praktikum kam sie zu Hagemeyer. Das Modehaus zielt in der Zusammenarbeit mit Bildungsträgern darauf ab, den künftigen Bedarf an Auszubildenden zu decken – und auch schwächere Bewerber kommen so zu ihrer Chance.

Eine Strategie, zu der auch Berufspädagogin Petra Lippegaus-Grünau vom Bundesinstitut für Berufsbildung rät. Unternehmen müssten ihre Einstellungsstrategie überdenken und auch geringer Qualifizierte einstellen. Ihr Argument: Wolle das Unternehmen seinen Fachkräftebedarf von morgen über die Ausbildung junger Leute decken, könnten schwächere Bewerber besser geeignet sein, da diese "eher im Betrieb verbleiben". Die Ausbildungsstudie des DIHK zeigt, dass bisher erst zwölf Prozent der Unternehmen mit niedrigeren Einstiegsvoraussetzungen auf den Bewerbermangel reagieren und zum Beispiel schlechtere Noten und gar einen niedrigeren Schulabschluss akzeptieren.

Kleine Betriebe werden härter getroffen

Der Möbeltechnikhersteller Hettich aus dem ostwestfälischen Kirchlengern holt sich seine Auszubildenden direkt aus der Schule. Mitarbeiter organisieren Unternehmensbesuche und Bewerbertrainings, stellen die verschiedenen Berufe beim Möbelzulieferer vor. Eine Zielgruppe für Hettich sind Abiturienten. Gerade um diese qualifizierten Schulabgänger müssen Unternehmen gezielt werben, da die Absolventen oftmals auf ein Studium fixiert sind und eine duale Berufsausbildung überhaupt nicht in Betracht ziehen.

Dabei haben es große und etablierte Unternehmen leichter als kleine Betriebe. Diese trifft der Lehrlingsmangel am härtesten, weil weniger Bewerbungen eingehen und oft keine Kapazitäten für Marketingaktionen an Schulen oder betriebsinterne Nachschulungen bestehen. Im Alltagsgeschäft kleiner Firmen bleibe "keine Zeit, um den Auszubildenden Nachhilfeunterricht zu erteilen", sagt Berufspädagogin Lippegaus-Grünau. Sie könnten allenfalls begleitende Hilfen der Agentur für Arbeit in Anspruch nehmen.

Diese Alternative könnte auch für Rhenus interessant werden, wenn das Niveau der Bewerber weiter sinkt. Dann könnte Silkenbeumer wieder pünktlich Feierabend machen – und müsste nicht mehr in die Rolle des Nachhilfelehrers schlüpfen.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%