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Berufsschulen Sträflich vernachlässigtes Vorzeigemodell

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Bildungsrat soll künftig Bildungsstandards setzen

Im Koalitionsvertrag widmen Union und SPD der beruflichen Bildung allerdings gerade mal zweieinhalb der 177 Seiten. Das Berufsbildungsgesetz soll novelliert und eine Mindestausbildungsvergütung für Azubis festgelegt werden. Dieser Mindestlohn für Lehrlinge löste in der Wirtschaft bereits Widerstand aus. Er dürfe nicht zu hoch ausfallen, um keine Azubi-Stellen zu gefährden. Zudem will der Bund 350.000 Euro bereitstellen, damit sich Facharbeiter und Gesellen fortbilden und beispielsweise einen Meisterbrief erwerben können.

Achim Dercks vom DIHK fordert noch mehr Engagement von der Politik: „Wenn Deutschland eine Wirtschaftsnation bleiben will, die international konkurrenzfähig ist, braucht das Land nicht nur die besten allgemeinbildenden Schulen, sondern auch die besten Berufsschulen.“

Was Experten und Wirtschaft seit Jahren fordern, kommt nun erst im politischen Berlin an. Jahrzehntelang hat die Politik darauf vertraut, dass das duale System schon irgendwie läuft. Doch beste Schulen brauchen eben mehr Geld, qualifiziertere Lehrer, herzeigbare Gebäude – und auch mehr Zeit für Flüchtlinge, die vor allem über Ausbildungen und Berufsschulen an den Arbeitsmarkt herangeführt werden sollen.

Not macht erfinderisch: Rektorin Katja Ollmann will ihre Berufsschule neu entwerfen. Quelle: David Carreno-Hansen für WirtschaftsWoche

SPD-Fraktionsvize Hubertus Heil sieht die Integrationsaufgabe als eine der größten Herausforderungen: „Wir dürfen die Berufsschullehrer nicht alleine lassen. Nur wenn sie Erfolg haben, gelingt auch die Integration der Flüchtlinge“, sagt der SPD-Bildungsexperte. Heil weiß aus eigener Erfahrung aus den Koalitionsverhandlungen: Nie zuvor konnte Berlin so viel mitreden in der Schulpolitik wie in Zukunft. Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern wird gelockert. Ein Bildungsrat soll künftig zudem landesweite Bildungsstandards setzen. Die designierte Bildungs- und Forschungsministerin Anja Karliczek (CDU) erhält damit eine Chance, über die ihre Vorgänger nicht verfügten. Sie kann eine Bundesbildungsministerin werden, die diesen Namen verdient, sich nicht nur um Hochschulen, sondern auch um allgemeinbildende Schulen sowie Berufsschulen kümmern.

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    Was geschieht, wenn die Politik sich nicht kümmert, lässt sich gut in Bremen beobachten. Seit zwei Jahrzehnten gibt es in der Hansestadt eklatante Probleme an der Berufsschule für Großhandel, Außenhandel und Verkehr. Im Winter behalten viele Schüler dort ihre Jacken und Handschuhe an, um sich nicht zu erkälten. Mal funktioniert die Heizung, oft aber nicht. In manchen Familien haben schon die Eltern derzeitiger Schüler die Berufsschule besucht – und damals schon gefroren. Das Gebäude instand zu setzen lohne sich nicht mehr – darin sind sich alle Beteiligten einig.

    Doch weil sich die Landesregierung einen Neubau nicht leisten konnte oder wollte, hat sich die städtische Wirtschaft eingeschaltet, um das Problem selbst zu lösen – allen voran die Schiffs-, Hafen- und Speditionsunternehmen, die allein rund 1000 Auszubildende an die Berufsschule schicken.

    Der Lehrling als Trendsetter

    Oliver Oestreich ist Mitglied der Geschäftsleitung des Logistikdienstleisters Leschaco und Vorsitzender des Vereins Bremer Spediteure. „Wir sind auf eine gute schulische Ausbildung unserer Nachwuchskräfte angewiesen“, sagt er. Der Beruf des Spediteurs werde immer internationaler. Die Fachkräfte von morgen bräuchten nicht nur betriebswirtschaftliches Know-how, sondern auch Sprachkenntnisse und interkulturelle Fähigkeiten, um mit Kunden in Fernost und andernorts richtig umgehen zu können. Eine zeitgemäße Berufsschule, wie Oestreich sie sich vorstellt, „muss Trendsetter sein“.

    In die inhaltliche Ausgestaltung der Lehrpläne wollen sich die Wirtschaftsvertreter nicht einmischen. Den Sanierungsfall Schulgebäude aber ertragen sie nicht länger. Die Kühne-Stiftung, die vor mehr als 40 Jahren von den Erben und Unternehmern des Logistikkonzerns Kühne + Nagel gegründet wurde, hat sich bereit erklärt, die Hälfte des Innenausbaus des Neubaus zu finanzieren. Die andere Hälfte wollen weitere Unternehmen aus Bremen und der Region übernehmen. Ralf Miehe leitet die Geschäfte in Norddeutschland für Kühne + Nagel und vertritt die Stiftung im Berufsschulprojekt. „Wir wollen ein Zeichen setzen“, sagt er. Am Ende soll nicht nur ein Neubau mit modernster Ausstattung stehen, sondern vielmehr ein Zentrum für Außenhandel und Logistik. Das gab es in Bremen früher bereits. In das neue Gebäude könnte dann auch die Deutsche Außenhandels- und Verkehrsakademie sowie das Bremer Institut für Handel und Verkehr einziehen. Das Ergebnis: eine Art Thinktank für die Logistik. Unternehmer Klaus-Michael Kühne, so ist zu hören, setzt sich persönlich für das Projekt ein. Sein Unternehmen wurde einst an der Weser gegründet.

    Damit es zum Innenausbau durch die Wirtschaft kommen kann, muss zunächst das Gebäude errichtet werden. Die neue Berufsschule soll in öffentlich-privater Partnerschaft entstehen. Bedeutet: Ein Investor baut das Gebäude, die Stadt zahlt Miete. In zwei bis drei Jahren könnte der Unterricht dann in der neuen Schule stattfinden.

    Schulleiterin Katja Ollmann hat die Zustände immer wieder anprangert. Sie kann die Fertigstellung kaum erwarten. „Wir können eine Schule am Reißbrett entwickeln“, schwärmt sie. Lichte, geräumige Klassenzimmer, dazu Arbeitsräume für Kleingruppen, große offene Lernflächen, in der sich Schüler Inhalte in Eigenregie erarbeiten, all das schwebt ihr vor. „Wir wollen die neusten Erkenntnisse der Bildungsforschung berücksichtigen, wie Lernen in Zukunft funktionieren wird.“

    Von einem „Modell Bremen“ wollen die Beteiligten zwar nichts wissen. Und doch: Die Berufsschule der Zukunft bauen die Unternehmen hier selbst. Das dürfte sich herumsprechen.

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