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Bessere Verwaltung „Der träge Beamte ist ein Klischee“

Stephanie Kaiser ist Geschäftsführerin von Heartbeat Labs und seit August 2018 Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung. Quelle: imago images

Die Start-up-Pionierin Stephanie Kaiser ist Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung, berät die Kanzlerin, ihre Minister und coacht Berliner Topbeamte. Sie sagt: Der öffentliche Dienst bewegt sich doch.

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WirtschaftsWoche: Frau Kaiser, Sie sind Mitglied im Digitalrat der Bundesregierung, der Politik und Verwaltung auf die Zukunft vorbereiten soll. Hat denn die deutsche Bürokratie zurecht einen so miserablen Ruf?
Stephanie Kaiser: Nein, zu Unrecht. Die Verwaltung ist besser als viele meinen. Und die Beamten sind veränderungsbereiter als das Klischee von den trägen Bürokraten glauben machen will.

Und was macht Sie da so sicher?
Unsere Arbeit mit dem Digitalrat. Wir haben ja nicht nur mit dem Kabinett getagt und debattiert, sondern bisher auch drei jeweils vierstündige Workshops zum Thema agiles Arbeiten mit Staatssekretären und Abteilungsleitern durchgezogen. Deren Resonanz und Offenheit war großartig. Die wollen sich in Frage stellen.

Wie muss man sich das konkret vorstellen? Als Bällebad für Topbeamte?
Sie haben den Tischkicker vergessen – aber im Ernst: Das war sehr fokussierte, intensive Arbeit. Es geht um klare Ziele und Prozesse. Es geht darum, Lösungen transparent und messbar zu gestalten. Denn nur, wer etwas sauber messen kann, hat auch klar definierte Ziele. Und zum Schluss: Bürokratie, wie jede Organisation, ist kein Selbstzweck – sie ist da, um Menschen zu helfen.

Und diese Selbstverständlichkeit musste man den Damen und Herren erst nahebringen?
Nein, aber wir haben uns alle die Frage gestellt: Sind die Strukturen heute so, dass wir die Ziele bestmöglich erreichen? Und das ist noch nicht immer der Fall. Politik und Verwaltung denken in Gesetzen, in Koalitionsverträgen, kurzum: in Binnenzwängen. Ihr Denken kreist in der Tat noch viel zu selten um die Bedürfnisse der Bürger. Sie als Kunde interessiert aber nicht, welche staatliche Ebene einer Leistung wie das Kinder- oder Elterngeld auszahlt, sondern dass es passiert. Sie wollen einfach verständliche Formulare und kein Beamtendeutsch, das klingt als sei es von Verfassungsjuristen.

Und wie erreichen Sie diesen Kulturwandel?
Indem wir die Spitzen der Bundesverwaltungen sensibilisieren, trainieren und in den Workshops mit neuen Methoden vertraut machen. Das heißt zum Beispiel: künftig mehr in interdisziplinären Teams arbeiten, die gemeinsam an einem Projekt arbeiten – also weg von der reinen Jurahoheit. Oder eine große Aufgabe in kleine Aufgaben portionieren – sprich: eine kleine Lösung bauen, messen, lernen, und dann weiterbauen. Denn eine widerlegte Hypothese ist kein Fehler, sondern eine Erkenntnis.

Die deutsche Verwaltung soll also ein bisschen mehr wie eine Softwareschmiede werden?
Ja, warum denn nicht? Die Tatsache, dass es den Digitalrat gibt, ist doch ein tolles Zeichen für Lernwillen und Veränderungsbereitschaft.

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