Betriebstour des SPD-Arbeitsministers: Sommer, Sonne, Sorgen
SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil auf seiner Sommerreise.
Foto: J. Konrad SchmidtArbeitsminister Hubertus Heil (SPD) übt sich in einer Doppelrolle: als Zuhörer und als Fragesteller. Als er sich an diesem Montag mit zwei Auszubildenden von Evonik Industries in Marl unterhält, geht es um den Verdienst im ersten Lehrjahr. Und Heil möchte wissen, wie die beiden auf den Ausbildungsberuf kamen. Dann erklärt der Ausbilder: Die Lehrlinge seien Problemlöser. Einer der beiden habe einen Türstopper mit dem 3D-Drucker konzipiert, damit die Türe nicht so laut zuknallt. „Problemlöser“, wiederholt Heil, „ein geiler Name“. Das versuche man in der Regierung auch öfter zu sein.
Dass sich der SPD-Politiker darum bemüht, zeigt ein Blick auf die vergangenen Monate. Bürgergeld, Fachkräfteeinwanderungsgesetz, Aus- und Weiterbildungsgesetz: Es sind Instrumente und Maßnahmen, mit denen er die großen Probleme des Arbeitsmarkts anpacken will, die Unternehmen und Menschen helfen sollen. Auch beim Erhalt und der Transformation der Industrie im lange vom Bergbau geprägten Ruhrgebiet, das Heil im Rahmen seiner Sommerreise zwei Tage lang durchquert.
Er trifft dabei Auszubildende, Werksleiter, Arbeiterinnen und Arbeiter, einen Professor und Chefs wie Thomas Wessel, Personalvorstand und Arbeitsdirektor bei Evonik, der sagt, dass der Fachkräftemangel „die größte Herausforderung“ sei, die es im Moment gibt. Mit dem Fachkräfteeinwanderungsgesetz sei zwar ein „klares Zeichen“ gesetzt worden. Das Gesetz alleine reiche aber nicht. Deutschland müsse nun wirklich ein Einwanderungsland werden.
SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil im Gespräch mit einer Auszubildenden auf seiner Sommerreise.
Foto: J. Konrad SchmidtSchweißen, fragen, lernen
Dass Heil nicht versuchen würde, den Arbeits- und Fachkräftemangel mit ganzem Einsatz zu lindern, kann man ihm auf der Sommerreise zumindest nicht vorwerfen. Mal pflanzt er mit Gummistiefeln und Spaten Wasserpflanzen in der Nähe der renaturierten Emscher in Castrop-Rauxel. Ein anderes Mal sitzt er mit Schweißerbrille vor einem Schweißsimulator und versucht sich durchaus erfolgreich an einer Naht. Auch wenn es bei der Geschwindigkeit und dem Abstand zum Objekt noch Verbesserungspotenzial gibt. Das zeigt zumindest die Auswertung auf dem Monitor.
Es ist also eine Reise nach Heils Geschmack. Neben Aus- und Weiterbildung, Fachkräfteeinwanderung geht es unter anderem auch um Langzeitarbeitslosigkeit, künstliche Intelligenz und Arbeitsschutz. Eine Sommerreise, bei der positive Beispiele von Menschen und Firmen in Deutschland präsentiert werden, die an die Zukunft denken, Vorreiter sind oder denen geholfen werden konnte. Erfolgsgeschichten eben.
Da ist zum Beispiel eine Frau, die mehr als fünf Jahre arbeitslos war und über die soziale Arbeitsmarktpolitik, einem Förderkonzept für arbeitsmarktferne Langzeitarbeitslose, wieder einen Job als Seniorenbegleiterin gefunden hat. Sie sagt: „Ich bin so froh, dass es das Jobcenter gibt.“ Oder die Bleistahl AG in Wetter. Sie produziert im Jahr insgesamt etwa 510 Millionen Ventilsitzringe und Ventilführungen für Verbrennermotoren. Da die ein Auslaufmodell sind, setzt man erfolgreich auf neue Produkte. Unter anderem Bremsbeläge für Fahrräder wie E-Bikes, wie die beiden Ur-Enkelinnen des Firmengründers erklären.
Mit Herz und Schrott
„Mir ging heute als Arbeitsminister so ein bisschen das Herz auf“, wird Heil später dazu sagen. Bleistahl sei eine Firma, die den Mut habe, „nicht den Kopf in den Sand zu stecken und sich auf der glorreichen Vergangenheit auszuruhen“. In der Euphorie schwing sich Heil sogar auf ein E-Lastenfahrrad, das in einem Testraum für Bremsen steht. Er versucht loszufahren, das Rad ist aber angebunden. „Wie in der Koalition“, sagt er. „Einige wollen losfahren, andere bremsen.“
Hubertus Heil bei der Bleistahl AG in Wetter: E-Lastenrad Probe fahren.
Foto: J. Konrad SchmidtUnd damit ist man dann auch schnell bei der Erkenntnis, dass eben doch nicht alles reibungslos funktioniert wie die Regie einer Sommerreise. Denn der Wirtschaftsstandort Deutschland hat Probleme, die auch im Ruhrgebiet immer wieder sichtbar werden. Um sie kommt Heil bei seiner Sommerreise nicht herum – auch wenn er oft nicht derjenige ist, der für die Lösung zuständig ist.
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Beim Besuch der zur Swiss Steel Group gehörenden Deutschen Edelstahlwerke in Witten steht er zusammen mit CEO Frank Koch mit Schutzmantel und Helm ausgerüstet vor einem kleinen Haufen Stahlschrott. Das Unternehmen stellt in Elektrolichtbogenofen daraus „grünen“ Stahl her.
Im Gespräch geht es um neue Recyclingkonzepte für Chrom und Nickel. Koch erzählt, die Unternehmensgruppe packe dieses Thema an, müsse den Minister aber enttäuschen. Denn statt in Deutschland gebe es in Frankreich ein Projekt mit der französischen Regierung, um aus Batterien Rohstoffe wieder herauszulösen. Warum Frankreich? „Weil es einfach, ganz pragmatisch, schnell, kurzfristig und innerhalb weniger Wochen entschieden wurde.“ Eine Ohrfeige für den Standort Deutschland. Heils schmale Antwort: „Ich habe den Hinweis verstanden.“
„Amerika haut uns ab“
Später erklärt Koch, wie sehr die hohen Strompreise der „grünen“ Stahlproduktion schaden: Die Aufträge gehen zurück, mehr Stahl von außerhalb der EU wird importiert. „Von der Kostenseite stehen wir alle am Standort Europa und Deutschland unter Druck.“ Ohne einen Industriestrompreis gehe es nicht. Die Energiepreise würden stark schwanken. Stahlproduzenten und Abnehmer bräuchten aber Planungssicherheit, so Koch.
Beim anschließenden Besuch der AI-Arena am Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik (IML) und der TU Dortmund informiert sich Heil über Künstliche Intelligenz in der Transportbranche. Er darf dabei einen sogenannten biointelligenten Drohnenschwarm steuern, der aus 20 Drohnen besteht, um ihn herumschwirrt und das Verhalten eines Vogelschwarms imitiert.
Anschließend geht es ganz grundsätzlich um die Frage, wo Deutschland beim Thema KI steht. Und da fällt die Einschätzung des geschäftsführenden Institutsleiters des Fraunhofer IML, Michael ten Hompel, gemischt aus: Man sei bei industriellen Anwendungen „stark“, aber es gebe ein typisches Problem: Es fehle im Vergleich zu anderen Ländern an Tempo. „Die Amerikaner hauen uns ab.“
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