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Bettina Röhl direkt

Was hinter der Marke Alice Schwarzer steckt

Seite 8/10

Das Duell, das keines war

Der zweite Karrierekick neben ihrem Buch kam ebenfalls 1975. Da bot das öffentlich-rechtliche Fernsehen, das damals noch eine Monopolstellung inne hatte, Schwarzer die Bühne sich mit der feminin-feministischen Ärztin, Mutter und Autorin des berühmten Buches "Der dressierte Mann", nämlich mit Esther Vilar, öffentlich zu duellieren. Es gab allerdings keinen Moderator. Schwarzer spielte die Rolle der Interviewerin und gleichzeitig der Gegnerin. Das damals von der Nation mit Spannung verfolgte Fernsehevent gewann Schwarzer, die extrem aggressiv vorging und kein Klischee aus dem feministischen Waffenarsenal ausließ. Schwarzer überrannte ihre Kontrahentin mit der Behauptung, dass alle Statistiken, nach denen gemäß Frauen plusminus fünf Jahre länger lebten als Männer, falsch wären. Richtig wäre vielmehr, dass Frauen fünf Jahre früher als Männer stürben, was an der neuen Doppelbelastung Familie/Beruf läge. Vilar gelang es nicht sich gegen diesen Ansturm von Drohungen, Beleidigungen und eben falschen Tatsachen zu behaupten. Von ihr ist nichts übrig geblieben. Sie hat Deutschland verlassen.

Die Marke Schwarzer war geboren und folgerichtig schaffte sich Schwarzer 1977 auch eine eigene Zeitschrift an, die "Emma". Schwarzer war fortan selber ein Event. Sie war Journalistin, Buchautorin, Fernsehtalkerin, Medienunternehmerin, Strippenzieherin und Frauen-und Feminismusforscherin als Autodidaktin. Und Schwarzer war noch mehr.

Das rote Jahrzehnt und Gewalt gegen Männer

Die siebziger Jahren waren nicht nur das rote Jahrzehnt der Männer, sondern auch das Jahrzehnt der roten revolutionären Frauen.

Die "militanten Panthertanten" ("die Terror schon vor Rauschgift kannten") und andere Spielarten wie die "Rote Zora" (der weibliche Arm der Terroristischen Vereinigung "Revolutionäre Zellen"), die ihren ersten Anschläge auf das Bundesverfassungsgericht (1974) und auf die Bundesärztekammer (1977) verübten oder Anfang der achtziger Jahre auch auf das Haus des Vaters der Autorin tauchten auf.

Sexismus: Regeln für Anstand im Büro

Die vielen krassen und mit einem hohen Maß an Aggression versehenen Verirrungen und Abwegigkeiten der unguten Variante des Feminismus sind aus dem veröffentlichten Raum und damit auch aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit auf eine schon gespenstisch zu nennende Weise verschwunden. Und dies zu Gunsten einer Art leicht verdaulichen Frauen-Vanillesoße, aus der nur noch die bessere Weiblichkeit, die größere Friedlichkeit von Frauen, ihre bessere Team- und Kommunikationsfähigkeit sowie deren viel höhere weibliche Intelligenz und Belastbarkeit herausragen. Übrig geblieben ist der Mythos, dass Schwarzer und die ihren mit ihrem Heldinnenkampf 40 Millionen Frauen in der Bundesrepublik nachhaltig befreit und glücklich gemacht hätten. Das Phänomen Schwarzer wiederum liegt darin begründet, dass sie alle Frauen, Weggefährtinnen, Helferinnen, Spenderinnen, Mitkämpferinnen, Mitjournalistinnen so erfolgreich weggebissen hat, dass ihr Name allein für sämtliche Erfolge der Emma, der Frauenbewegung, des Feminismus stehen. Kaum ein Name ist neben Schwarzer heute noch relevant, geradeso als wenn der weltweite Feminismus ohne Schwarzer und vielleicht noch ein paar amerikanische Superfeministinnen (Stichwort Shere Hite, Elisabeth Badinter, Betty Friedan, Kate Millett, Judith Butler) und Simone de Beauvoir "Das andere Geschlecht" gar nicht stattgefunden hätte. Tatsächlich ist Schwarzer auf einen Zug aufgesprungen, den sie für ihre höchst persönliche Karriere steuerte und fahren ließ.

Im modernen Feminismus jagte damals eine Schwanz-ab-Kampagne jagte die andere. Es war jene Zeit, in der sich auch militante feministische Gruppen zu Wort meldeten und das erste Hackebeilchen auf einem Flugblatt  auftauchte. Und Schwarzers Emma wurde zu einem wesentlichen Organ des Feminismus in Deutschland. Und damit hier nicht der irrige Eindruck entsteht, dass es sich um Krümelerscheinungen handelte, sei darauf hingewiesen, dass die Emma ihre erste Auflage einige 100.000 Mal verkaufte und dass die vielen Frauenbewegungen überall, zunächst vornehmlich an den Universitäten, später an Weiterbildungseinrichtungen und bald auch in Politik und Wirtschaft, erheblichen Einfluss gewannen.

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