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Bettina Röhl direkt

"Das muss Deutschland aushalten"

Bettina Röhl Publizistin

Seit Beginn dieses Jahres gilt auch für die Rumänen und Bulgaren volle Freizügigkeit. Die Debatte um die so genannte "Armutseinwanderung" offenbart die grundsätzlichen Mängel der Integrationspolitik.

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Die tatsächliche oder vermeintlich drohende neue

Eine in der Sache unangemessene, moralisch widerwärtige Stellvertreterdebatte geht durch das Land. Eine tatsächliche oder vermeintlich drohende  "Armutszuwanderung" aus Rumänien und Bulgarien ist der erste Spaltpilz der großen Koalition. Es war die CSU, die dieses absehbare Thema offenbar schon während der Verhandlungen zum GroKo-Vertrag mit SPD und CDU diskutierte und die sich jetzt mit schärferen Tönen, wie es heißt, mit der "Wer betrügt, der fliegt"-Nummer an die Öffentlichkeit begab.

Die Reaktionen der SPD, der neuen Kleinopposition und natürlich auch die Reaktion der politisch-korrekten Massenmedien fielen dennoch erwartbar aus, so dass man eine nicht ungefährliche geistige Verödung des politischen Diskurses in diesem Land feststellen muss. Wie zu Wahlkampfzeiten dröhnte es aus der SPD gegen die Union, wenn auch nicht expressis verbis: Rassismus. Was für ein Bilderbuchstart für die GroKo! Der schon seit Jahren von Interessierten für beendet erklärte Lagerkampf geht weiter. Die SPD von heute ist ideologisch-kulturell wesentlich weiter von den konservativen Teilen der Union entfernt als es die biedere Müntefering-SPD der Jahre 2005 bis 2009 war. Und einige Unionsstrategen denken bereits über den nächsten Schritt, nämlich über ein schwarz-grünes Wunder, nach. Die Partei, die unter dem Logo links firmiert, ist in der aktuellen Armutseinwanderungsdebatte am weitesten gegangen und hat die CSU offen als am rechten Rand fischend gescholten.

Diese Nationen wollen nach Deutschland
Die Krise in Südeuropa und die EU-Osterweiterung haben Deutschland die stärkste Zuwanderung seit 1995 gebracht. Rund 1,08 Millionen Menschen zogen im vergangenen Jahr zu und damit so viele wie zuletzt vor 17 Jahren. Im Vergleich zum Vorjahr betrug das Plus noch einmal 13 Prozent, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden mitteilte. Etwa 966.000 Zuwanderer waren den vorläufigen Ergebnissen zufolge Ausländer (plus 15 Prozent). Die Zahl der Zuzüge von Spätaussiedlern und deutschen Rückkehrern aus dem Ausland blieb mit rund 115.000 nahezu konstant. Quelle: dpa
Einen großen Zuwachs verbuchten die deutschen Einwohnermeldeämter aus Italien: 2012 kehrten 40 Prozent mehr Italiener ihrer Heimat den Rücken um nach Deutschland zu kommen, als noch 2011. Die Zuwanderungszahlen sagen allerdings nichts darüber aus, wie lange die Menschen bleiben. So kehrten im vergangenen Jahr auch rund 712.000 Menschen Deutschland den Rücken, das waren fünf Prozent mehr als im Vorjahr. 579.000 von ihnen hatten keinen deutschen Pass. Aus den Zu- und Fortzügen ergibt sich für das Jahr 2012 ein Einwohnergewinn von 369.000 Menschen, dies ist der höchste Wert seit 1995. Quelle: dpa
Auch aus den krisengebeutelten Ländern Portugal und Griechenland kommen immer mehr Menschen ins vergleichsweise wohlsituierte Deutschland. Aus beiden Ländern sind die Einwandererzahlen im vergangenen Jahr um 43 Prozent gestiegen. Quelle: dpa
Auch die Zahl der Spanier, die nach Deutschland auswanderten, ist 2012 um 45 Prozent angestiegen. Somit gab es im vergangenen Jahr besonders starke Zuwächse aus den südeuropäischen EU-Krisenstaaten. Drei Viertel der Ausländer, die nach Deutschland kamen, zog es in fünf Bundesländer: Das Gros ging nach Bayern (192.000), gefolgt von Nordrhein-Westfalen (186.000), Baden-Württemberg (171.000), Hessen (90.000) und Niedersachsen (89.000). Quelle: dpa
Aus den osteuropäischen Ländern, die erst seit 2004 oder 2007 zur EU gehören, kamen ebenfalls mehr Menschen nach Deutschland als im Vorjahr. Besonders stark war der prozentuale Zuwachs aus Slowenien (62 Prozent). Quelle: dapd
Allerdings kamen die meisten Zuwanderer weder aus Slowenien noch aus Südeuropa. Mit 59.000 Einwanderern stellte Bulgarien die drittgrößte Gruppe. Quelle: dpa
Seit dem 1. Januar 2007 ist Rumänien ein Mitglied der EU. Die Einwohner des Landes nutzen die europaweite Freizügigkeit: 2012 kamen 116.000 Rumänen nach Deutschland. Damit machen sie die zweitgrößte Einwanderungsgruppe aus. Quelle: dpa

Allerdings: Am rechten Rand holt die NPD bei der letzten Bundestagswahl am 22. September 2013 1,3 Prozent. An diesem Rand ist also nichts zu holen und das, obwohl Millionen politisch korrekter Menschen in ihrem ständigen Kampf gegen rechts alles Erdenkliche dafür tun, dass der rechte Rand für einige wenige Menschen attraktiv bleibt. Leider taugen die Definitionen, was denn nun tatsächlich als "rechts" oder "rassistisch" oder sonst einschlägig auszumerzen wäre, nicht viel. Aber sich in ein Anti-Rechts-Gebrüll einzumischen und sich dort vielleicht hervorzutun, nützt der Karriere auch dann, wenn weder irgendeine Ahnung von der Sache noch irgendeine moralische Haltung dahinter stecken. "Ich bin Kampf gegen rechts", das reicht, um aus dem übelsten Heuchler und Verleumder einen guten, nein, einen besonders guten Menschen zu machen, jedenfalls was sein öffentliches Standing anbelangt.

Wer darf in Deutschland arbeiten?

Die Angstleiter herunter

In einem Land, in dem die Heuchelei die Realität verdrängt, ist das nicht wirklich ein Wunder. Es lohnt sich sich mit der täglichen und nahezu flächendeckenden Heuchelei, die den politischen Diskurs in Deutschland und auch in vielen anderen Ländern des Westens beherrscht, näher zu befassen. Konsens unterhalb der Tischplatte sozusagen in der verborgenen Hosentasche ist bei einer wachsenden Zahl von Bundesbürgern, dass man die Armutseinwanderung aus der muslimischen Sphäre am intensivsten ablehnt. Danach kommt die Armutseinwanderung aus Afrika. Dann jene aus dem Rest der Welt. Ganz zum Schluss hat man plötzlich auch was gegen die Armutseinwanderung aus den ärmeren EU-Ländern, wie etwa aus Rumänien und Bulgarien.

Es geht ausschließlich um Scheinmoral

Die beliebtesten Länder bei Einwanderern
Platz 10: Spanien6,5 Millionen Einwanderer leben im Jahr 2013 in Spanien. Im Jahr 2000 waren es erst zwei Millionen. Quelle: AP
Platz 9: AustralienNach Down Under verschlug es genauso viele Menschen. Auch hier leben aktuell 6,5 Millionen Einwanderer. Aufgrund der geringeren Einwohnerzahl ist ihr Anteil an der Bevölkerung mit 27,7 Prozent aber wesentlich höher als in Spanien (13,8 Prozent). 30.000 sind Flüchtlinge. Quelle: dpa
Platz 8: KanadaIn Kanada leben 7,3 Millionen Migranten, dazu zählen rund 163.700 Flüchtlinge. Insgesamt machen Einwanderer 20,7 Prozent der Bevölkerung aus. Quelle: AP
Platz 7: Frankreich7,4 Millionen Menschen aus dem Ausland leben 2013 in Frankreich, davon rund 218.000 Flüchtlinge. Einwanderer machen 11,6 Prozent der Bevölkerung aus. Innerhalb der Top Ten sind sie am ältesten, das Durchschnittsalter beträgt rund 48 Jahre. Quelle: REUTERS
Platz 6: GroßbritannienIn Großbritannien machen Migranten 12,4 Prozent der Bevölkerung aus. Insgesamt kommen sie auf 7,8 Millionen Menschen, davon rund 150.000 Flüchtlinge. Quelle: dpa/dpaweb
Platz 5: Vereinigte Arabische EmirateEbenfalls 7,8 Millionen Einwanderer leben in den Vereinigten Arabischen Emiraten - doch hier machen sie sage und schreibe 83,7 Prozent der Bevölkerung aus. Flüchtlinge sind mit rund 600 Personen hier jedoch genauso selten anzutreffen... Quelle: REUTERS
Platz 4: Saudi Arabien...wie in Saudi Arabien. Hier leben 9 Millionen Migranten, die 31 Prozent an der Bevölkerung ausmachen. Mit durchschnittlich 31 Jahren in Saudi Arabien und 30 Jahren in den Emiraten leben in der Region auch die jüngsten Einwanderer innerhalb der Top Ten. Quelle: AP

Aus Angst vor einer Fatwa haben oder vor heimlichen Konvertiten im politischen Establishment oder vor einflussreichen Persönlichkeiten, die auf verborgenen Payrolls stehen oder vor der Verdammung durch die politisch Korrekten, frisst dieser Typus Mensch seine Ablehnung muslimischer Armutszuwanderung in sich hinein. Auch die Armutszuwanderung aus Afrika traut sich dieser Typus Mensch nur verhalten zu artikulieren und so geht es die Angstleiter herunter, bis er bei den (bisher noch gar nicht eingewanderten) Bulgaren und Rumänen angekommen ist. Da bricht dieser Angstgeist dann seine Bahnen. Gegen rumänische und bulgarische Zuwanderer, gemeint sind wiederum vor allem die Roma aus jenen Ländern, los zu poltern, das erfordert vergleichsweise wenig persönlichen oder politischen Mut. Da traut man sich dann schon mal die Sau raus zu lassen.

Das Furchtbarste, was einem Land passieren kann ist, wenn der politische Diskurs des Landes keinen Raum mehr für Herz und Verstand bietet, geschweige denn für Vernunft. Bei dem Thema Zuwanderung geht es nicht um die Realität und deren Management sondern ausschließlich um Scheinmoral. Zuwanderung ist moralisch, gut und links. Nicht stattfindende Zuwanderung ist entsprechend verwerflich, böse und rechts. Kaum zu glauben, dass sich ein Land, das sich gern die Heimat der Dichter und Denker nennt, einem solchen gigantischen Blödsinn artig und immer ein Stück vorne weg laufend unterordnet. "Deutschland braucht Zuwanderung! Dieser Satz, der viel Richtiges und viel Falsches enthält, ist für sich gesehen politisch korrekt, aber dämlich. Und vor allem ist dieser Satz mindestens amoralisch, wenn nicht gar hochgradig unmoralisch und zynisch.

Ausländer in Deutschland

Welche Freiwilligkeit lassen Armut und Hunger zu?

Niemand kommt hoffentlich auf den Gedanken die 150 Jahre währende US-amerikanische Versklavung von Afrikanern als "Migration" der Afrikaner in die neue Welt zu bezeichnen. Niemand käme hoffentlich auf den Gedanken die tausendjährige Versklavung vor allem von männlichen Afrikanern in die arabische Welt als "Migration" oder "Armutsmigration" zu bezeichnen. Oh, was für ein Selbstgänger! Die Menschen haben damals ja Afrika nicht freiwillig verlassen! So unvergleichbar die Dinge sind, so sehr ist die Frage gestattet, welche Art von Freiwilligkeit eigentlich festzustellen ist, wenn Schlepperbanden mit Versprechungen und Druck Menschen in den Westen transportieren. Und welche Freiwilligkeit lassen eigentlich Armut und Hunger zu? Die meisten, die sich Schlepperbanden aus höchst unterschiedlichen und nicht immer legitimen Gründen anvertrauen, wissen natürlich genau, was sie in Deutschland wollen. Die meisten wissen, ob sie hier arbeiten können oder ob sie nur, wie es so schön heißt, in die Sozialsysteme einwandern.

Sachlich-intelligente und moralisch wertvolle Zuwanderung

Vor diesen Problemen stehen die Zuwanderer
Teilnehmer eines Kurses "Deutsch als Fremdsprache" Quelle: dpa
Eine Asylbewerberin wartet in der Zentralen Aufnahmeeinrichtung in Berlin Quelle: dpa
Eine Frau sitzt in einem Flüchtlingsheim in einem Zimmer Quelle: dpa
Ein Flüchtling sitzt vor einer Gemeinschaftsunterkunft der Asylbewerber Quelle: dpa
Verschiedene Lebensmittel liegen in der Asylunterkunft in Böbrach (Bayern) in Körben Quelle: dpa

Wenn auch aus völlig unterschiedlichen Gründen: Die Sklaven dieser Welt wollten und wollen auch heute nicht in dem Land leben, in das sie verschleppt und in dem sie ausgebeutet wurden und werden. Und viele Armutsmigranten wollen aus höchst unterschiedlichen Gründen eigentlich auch nicht hierzulande leben, von den wirtschaftlichen Segnungen in Gestalt von Arbeit oder Sozialhilfe und natürlich von den Segnungen des Rechtsstaates abgesehen. Der Integrationswille vieler Zuwanderer und gelegentlich auch die Integrationsfähigkeit sind wahrscheinlich deutlich geringer als im öffentlichen Diskurs vorgegaukelt. Man lebt eben nicht immer gern in einem fremden Kulturkreis und in einem fremde Klima. Auch viele Migranten, die sich in Deutschland wohl fühlen, sehnen sich nach ihrer Heimat oder wünschten sich, es wäre alles in ihrer Heimat so, wie sie es hier schätzen gelernt haben.

Das Sein der Sprache bestimmt auch das Bewusstsein und Deutsch lernen heißt zwangsläufig auch ein Stück Deutsch werden und das will nicht jeder. Wer armutsbedingt oder aus sonstigen Gründen aus einer Welt kommt, in der er auch in seiner eigenen Landessprache "bildungsfern" war, der kann nicht in einem Deutschkurs für Migranten unterschiedlicher kultureller Herkunft plötzlich das Deutsch lernen, das er braucht um über geistes-oder naturwissenschaftliche Probleme impulsgebend mitreden zu können - sprich: um wenigstens in einem qualifizierten Beruf mithalten zu können. Damit ist man automatisch bei der ersten Diskriminierung, die durch die Anti-Diskriminierungsindustrie selber verursacht wird und zwar in Gestalt der Missachtung der "Differenzen". Die "Differenzen" sind allerdings bekanntlich ein Schlüsselwort für die Anti-Diskriminierungswächter.

Angst vor Armutszuwanderung

Man hört und liest allenthalben, dass Deutschland auf die hochqualifizierten Zuwanderer gar nicht verzichten könne. Die Urheber solcher Behauptungen deklinieren das Thema durch und am Ende ist dererlei Geschwafel die abschließende Klammer, in der sie das Thema versiegeln. Nein, nicht jeder Zuwanderer ist hochqualifiziert. Das wissen natürlich auch diejenigen, die ihr eigenes Süppchen mit dem Thema der Zuwanderung kochen und damit ihr eigenes Einkommen sichern. Deswegen gab es früher den Spruch, vor allem aus dem linken Lager: Seid froh, dass die Türken kommen. Die machen die Drecksarbeit, die wir nicht mehr machen wollen. Heute hört man aus demselben Milieu, dass die Migranten alle arbeiten, in die deutschen Sozialsysteme einzahlen und die Renten der früher staatlich alimentierten 68er sichern. Und danach komme die Sintflut!

Fest steht: Eine Kosten-Nutzen-Rechnung, die diesen Namen verdient, ist in Sachen Zuwanderung noch nie aufgemacht worden. Es geht nicht um Zuwanderung, ja oder nein, sondern es geht um sachlich-intelligente und moralisch wertvolle Zuwanderung. Und es gibt einen Sonderfall der Zuwanderung, nämlich den der politisch Asylsuchenden, der allerdings von selbstherrlichen Migrationsnutznießern, Juristen und Richtern und vielen anderen maßlos aufgebläht wurde. Das ist ein eigenes Thema.

Ist das moralisch?

So viel kostet eine Stunde Arbeit in Europa
Supporters of the ultranationalist Bulgarian party Ataka (attack) wave national flags during a anti-government rally in central Sofia, Bulgaria Quelle: dpa/dpaweb
A woman peers through a Romanian flag during a protest against President Traian Basescu in Bucharest, Romania, Quelle: dapd
Die Flagge der Europäischen Union weht neben den Nationalfahnen der EU-Mitglieder Spanien Niederlande, Irland und Griechenland sowie Rumaenien (hinten v. l.), Portugal, Tschechien und Schweden Quelle: dapd
Die deutsche Flagge weht am 09.08.2012 an einem Schiff der Reederei Hiddensee vor der Silhouette der historischen Altstadt von Stralsund Quelle: dpa
Eiffelturm Quelle: gms
Der Dannebrog, die dänische Flagge, weht am 27.06.2012 an einem Ferienhaus in Henne Strand Quelle: dpa
Boddenhafen von Barth Quelle: ZB

Früher war es im Westen modern, sich Sorgen um ein überbordendes Wachstum der Weltbevölkerung zu machen. Eine nicht unverbreitete Parole war es, selber auf eigene Kinder hierzulande zu verzichten, um einen Beitrag gegen das Wachstum der Weltbevölkerung zu leisten. Heute wächst die Weltbevölkerung und die auch damit verbundene Armut in absoluten Zahlen gesprochen deutlich schneller, als der Westen zum Ausgleich Migranten aufnehmen könnte, ohne selber in Chaos und Armut zu verfallen. Diese Tatsache relativiert den unmoralisch gequälten Aspekt im vorliegenden Zusammenhang schon einmal ganz erheblich.

Wenn man einmal unterstellt, dass die leistungsstärksten, best ausgebildeten Menschen aus armen Ländern oder armen Regionen zum Beispiel nach Deutschland kommen, dann ist die zwingende Konsequenz, dass diese Menschen in ihren Heimatländern zum dortigen Aufbau fehlen. Und dann ist man mit einem Teilaspekt schon wieder bei der historischen Sklaverei. Da hat man natürlich einem Kontinent wie Afrika Schaden zugefügt, in dem man die Sklaven nach Nützlichkeit selektierte, in dem man die Gesündesten und Kräftigsten mitnahm. Ist es also moralisch, wenn der Westen heute diejenigen qualifizierten Menschen aus den armen Ländern und armen Regionen abzieht, die dort besonders gebraucht werden? Und ist es eigentlich moralisch, wenn der Unterhalt eines Migranten, der hier im Sozialsystem aufgenommen wird, hierzulande ein Vielfaches von dem kostet, was der Unterhalt desselben Migranten in seinem Heimatland kosten würde? Oder anders gefragt: Ist es moralisch, wenn jemand im hiesigen Sozialsystem einen Betrag kostet, mit dem man in seinem Heimatland eine ganze Reihe von bedürftigen Menschen unterhalten könnte? Es gibt sie, die Abermillionen von Menschen auf dieser Welt, die in Hunger und Not und einer Art von Versklavung oder Unterdrückung in ihren eigenen Ländern leben. Das zu bedauern, wegzuschauen, dumm aus seiner Luxuswohnung "Ich bin Lampedusa" heraus zu schreiben und sich für einige Wenige einzusetzen und Millionen von Anderen unberücksichtigt zu lassen, als läge das Grundproblem nicht ganz woanders, ist purer Populismus und in höchstem Maße unmoralisch.

Wenn es um Armutszuwanderung geht, die sicher den weit überwiegenden Teil der Zuwanderung ausmacht, dann ist die deutsche und westliche Entwicklungshilfe gefordert. Nicht die armen Länder arm lassen oder arm machen, um verwerfliche multi-ethnische Spiele hierzulande zu spielen, sondern die oft besungene große Welt schaffen, in der in gleichberechtigten Ländern gleichberechtigte Menschen leben - das ist das moralische Gebot.

Es gibt allerdings auch Länder, deren Regierungen sich auch unter Ausnutzung der deutschen Fehlentwicklungen in der Migrationspolitik eben in das gesellschaftliche und politische Geschehen hierzulande einmischen und die in ihren eigenen Ländern Armutsauswanderung zum Wohle des eigenen Haushalts und der eigenen Sozialsysteme fördern. Auch dieser Aspekt kann sinnvollerweise nicht aus der deutschen Politik ausgeklammert werden. Müßig zu erwähnen, dass es auch Migranten aus armen Ländern und Regionen gibt, die nicht aus dem lauteren Motiv der Armut kommen, aber das soll keineswegs überbewertet werden. Und dann gibt's auch noch die große Zahl von Armutsmigranten, die arbeiten und Geld verdienen wollen und die, zumeist ohne große staatliche Hilfe oder linkes politisch-korrektes Gedöns einfach ihr Ding machen und die die deutsche Integrationsindustrie kaum in Anspruch nehmen.

Kulturelle Prägungen bestimmen einen Menschen ein Leben lang

In diesen Großstädten herrscht das größte Armutsrisiko
Platz 15: MünchenMünchen belegt im Ranking Platz 15. Das heißt, dass hier die wenigsten Einwohner von Armut bedroht sind - jedenfalls im Vergleich mit anderen deutschen Großstädten. macht den Auftakt zum Ranking. Im Vergleich der 15 größten deutschen Städten. Die vom Statistischen Bundesamt errechnete Armutsgefährdungsquote betrug 2012 in der bayerischen Landeshauptstadt 11,4 Prozent. 2011 waren es noch 12 Prozent - auch das war klar unter dem Bundesdurchschnitt. Quelle: dpa
Platz 14: StuttgartIn Stuttgart sind laut den Daten 13,4 Prozent der Einwohner von Armut bedroht. Dies ist die zweitgeringste Quote unter den 15 größten deutschen Städten. Im Vorjahr betrug die Quote noch 15,1 Prozent. Offenbar haben sich Einkommensunterschiede in der Bevölkerung verringert. Quelle: dapd
Platz 13: HamburgAuch im Stadtstaat Hamburg ist die Quote leicht zurückgegangen: Von 15,1 Prozent im Jahr 2011 auf 14,8 Prozent. Das beschert Hamburg den 13. Rang. Quelle: rtr
Platz 12: Frankfurt am MainIn der Banken-Metropole waren 2011 knapp 16 Prozent der Menschen arm. 2012 waren nur noch 15,2 Prozent der Einwohner von Armut bedroht. Die Situation hat sich also auch hier leicht verbessert. Quelle: dpa
Platz 11: Nürnberg17,5 Prozent der Nürnberger sind von Armut bedroht, weshalb Nürnberg auf dem 11. Platz liegt. 2011 waren es noch 19,6 Prozent. Quelle: dpa
Platz 10: DüsseldorfDen zehnten Platz im Armutsranking deutscher Großstädte belegt Nordrhein-Westfalens Hauptstadt. Hier liegt die Armutsgefährdungsquote bei 17,6 Prozent. Quelle: AP
Platz 9: EssenIn Essen ist jeder fünfte von Armut bedroht, die Quote liegt bei 20 Prozent. Damit hat sich die Situation im Ruhrgebiet geringfügig verschlechtert: 2011 lag die Armutsgefährdungsquote noch bei 19,8 Prozent. Quelle: AP

Bleibt das Phänomen, dass eine nicht geringe Zahl von Migranten in dem eigenen, immer mehr zur Parallelgesellschaft werdenden Milieu bleiben möchten, was dem Integrationsgedanken nur begrenzt förderlich ist. Es ist ja durchaus menschlich, dass kulturelle Prägungen, also die Art, wie man etwas schön und richtig findet, ein Menschenleben bestimmen, in den meisten Fällen ein Leben lang. Menschen einfach auf Deutschland umschalten zu wollen, ist ein schwieriger Ansatz. Denn komplexen Sachverhalten muss man auch mit komplexen Lösungen begegnen.

Der Ansatz der Integrationsindustrie, deren Vertreter viel von der Individualität der Migranten daher reden, eben diese Migranten dann doch über einen Kamm zu scheren und sie als Auffüllmasse der deutschen Gesellschaft zu sehen und benutzen zu wollen, ist nicht nur ein Widerspruch in sich, sondern offenbart auch die Scheinheiligkeit derjenigen, die sich an der Migration und auch an Fehlentwicklungen im Bereich der Migration gesund stoßen wollen. Auch die Idee, dass die Migranten, besser die Migrantinnen, ja die vielen Kinder bekommen sollen, wie es ganz wörtlich in Politikerkreisen gehandelt wird, ist wirklich nur zynisch und menschenverachtend gegenüber den Deutschen und natürlich auch gegenüber den Migrantinnen und Migranten, die hier in einem großen Menschenexperiment als Menschenmaterial gehandelt werden.

Die Autorin hat erlebt, wie auf einer SPD-Ortsveranstaltung zwei 19-jährige Migrantinnen, die gerade ihr Abitur machten, derlei Schwülsteleien von ein paar grauhaarigen Lokalpolitikern ganz entschieden gekontert haben, nach dem Motto: Wir kriegen doch nicht für euch die Kinder! Was stellt ihr euch eigentlich vor? Und sie hatten recht. Denn was ist das auch für ein menschenverachtender Gedanke? Migranten herzulocken, damit diese die deutsche Demographie aufbessern? Absurder geht's nicht. Im Übrigen wird die Erwartung der Menschenexperimentierer auf lange Sicht nicht in Erfüllung gehen, weil nämlich die Migranten, die sich hier integrieren das deutsche Kein-Kind-Politik mit einer gewissen Zeitverzögerung übernehmen werden.

Die Autorin hat vor einigen Jahren eine Reportage über die Computerspezialisten in Bangalore, Indien, für Spiegel TV gemacht. In den angesagten Diskotheken war sie umringt von begeisterten, gut ausgebildeten und leistungsstarken jungen IT-Fachleuten. Tolle Stimmung, tolle Musik, tolle Klimaanlage, westliches Disco-Bar-Fieber. Und das hatte zwei Gründe: Zum einen war es die Freude über das Selbstbewusstsein zur Elite Indiens zu gehören, Aufbruchstimmung, Silicon Valley. Zum anderen war die Freude groß, dass mit der Autorin ausnahmsweise eine Frau in der Disco anwesend war. Mit Kamerateam obendrein.

Die Frauen in Bangalore wurden nicht versteckt. Man sah sie tagsüber als Bauarbeiterinnen auf den Baustellen der entstehenden Glaspaläste großer Weltkonzerne, die sich in Bangalore ansiedelten, schuften. Und natürlich sah man Frauen als Angestellte in den Büros deutscher Konzerne in Bangalore (die also Arbeit nach Indien ausgelagert hatten, statt die indischen Spezialisten nach Deutschland zu holen.) Kleine Anmerkung: Ein örtlicher deutscher Boss der indischen Dependance seines Konzerns sagte auf Nachfrage, dass er von den Bauarbeiterinnen natürlich gar nichts wüsste und gab zu, dass die angestellten Damen ohne die Genehmigung ihrer Männer nicht zur Arbeit erscheinen dürften. Ein reales Beispiel dafür, welchen Kulturschock ein junger, gutausgebildeter, englisch sprechender junger Mann aus Bangalore, der beispielsweise nach Deutschland kommt, hier erleiden könnte.

Die Brachialgewalt, alle Menschen seien gleich und wer nicht gleich ist, wird von der Integrationsindustrie gleich gemacht und zum Funktionieren gebracht, ist grenzenlos.

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein

Was Mitarbeiter aus verschiedenen Ländern motiviert
ChinaFür den chinesischen Mitarbeiter gibt es nichts motivierenderes als einen kompetenten Chef. Erst danach folgen ein gutes Grundgehalt und Sozialleistungen auf den Rängen zwei und drei. Quelle: Studie von Marsh & McLennan Quelle: dapd
Weitaus weniger wichtig ist der Belegschaft im Reich der Mitte eine Arbeit, die Werte schafft. Dieser Punkt landet auf dem letzten Platz. Ebenso gering geschätzt werden Zeit für Privatleben (Platz 9) und, ob die Arbeit interessant ist (Platz 8). Im Mittelfeld der motivierenden Aspekte landen Respekt (4), Boni (5), kurzfristige Beförderungen (6) und schließlich die langfristige Karriere (7). Damit unterscheidet sich das Motivationsschema fundamental von dem eines deutschen Mitarbeiters. Quelle: AP
DeutschlandHierzulande wollen Mitarbeiter vor allem Respekt für sich und ihre Arbeit, dicht gefolgt von Zeit für Privatleben und einer interessanten Arbeit. Diese drei Punkte motivieren die deutschen Angestellten am meisten. Quelle: dapd
Am wenigsten zu mehr Leistung treibt Deutsche die langfristige Karriere an, Boni wirken ebenfalls nur begrenzt motivierend (Platz 9). Auch Sozialleistungen sind weit weniger motivationsfördernd als das Grundgehalt (4), kompetente Chefs (5), flexible Arbeitszeiten (6) und eine Arbeit, die Werte schafft (7). Quelle: dpa
FrankreichIm Nachbarland Frankreich sind die Angestellten ähnlich gestrickt. Respekt, Zeit fürs Private und eine interessante Arbeit motivieren die Franzosen am meisten. Mit flexiblen Arbeitszeiten, die den Deutschen doch einigermaßen wichtig sind, und Sozialleistungen kann man unsere Nachbarn dagegen nicht locken. Quelle: REUTERS
Was Franzosen hingegen noch als halbwegs motivierend empfinden, sind kompetente Chefs (Platz 4), Grundgehalt (5), Arbeit, die Werte schafft (6) und die langfristige Karriere. Quelle: dapd
USAAm meisten Motivation stiften für die amerikanischen Arbeitnehmer Respekt gegenüber ihrem Job, kompetente Chefs - dieser Faktor landet bei den Deutschen nur auf Platz 5 - und Zeit für das Privatleben, was wiederum den Chinesen nicht wichtig ist. Quelle: REUTERS

Bleibt das Problem, dass viele hochqualifizierte junge Menschen, die derzeit zum Beispiel aus den Ländern Südeuropas kommen und sich hier wohl fühlen - sehr zum Leidwesen der gewerbsmäßigen Migrationsproblematisierer, wieder zurück kehren, wenn die Konjunktur in ihren Heimatländern auch nur annähernd vergleichbar so gut läuft wie hierzulande.

In den USA sind alle Menschen letzten Endes Migranten, von der Urbevölkerung abgesehen, und ihnen allen ist der amerikanische Patriotismus gemein. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, er braucht im gleichen Maße eine Identifikation mit seinem Land oder seiner Kultur. Das Wort Heimat darf politisch korrekt hierzulande nur noch für die Herkunftsländer der Migranten, die ihre Heimat verlassen haben, verwendet werden. Die deutsche Heimat ist rechtsradikal und rassistisch und damit ist man bei dem Problem Nummer eins, das alle anderen Probleme überwiegt: Die Integrationspolitik in Deutschland ist ein großer Haufen Mist, um Franz Müntefering etwas abgewandelt zu zitieren.

Irrealität, Heuchelei, Dummheit und ein Haufen Aggression bestimmen die Integrationspolitik. Für einen halbwegs sinnvolle Integrationspolitik wäre Voraussetzung, dass sich das sogenannte aufnehmende Land - was für ein wirklich bescheuerter Begriff -  als ein zur Identifikation geeigneter Ort erweist. Und das ist bei der herrschenden antideutschen und antiwestlichen Politik der Nomen Klatura ein nicht gegebenes Faktum, das immer weiter zerstört wird. Und für eine gelungene Integration muss ein wesentlich vitalerer Identifikationswille der Migranten vorhanden sein, die sich mit ihrer Heimat in eine neu zu formende Gesellschaft einbringen. Stattdessen ist von der Migrationsfront stereotyp zu hören, dass Deutschland zur Migration nicht tauge und eine Migration nicht wert wäre und dass die Deutschen ihre eigene Migrationsbringschuld nicht erfüllten und die "Vielfalt" nicht goutieren würden.

Wehe dem Migranten, der in einem Fernsehinterview vor laufender Kamera nicht sagt, dass er sich fremd fühlt, schon mal Rassismus und tägliche Angriffe erlebt hätte! Wehe dem, der auf die überproportionale Kriminalität aus manchen Migrantenkreisen Bezug nimmt. Das erwähnt man schließlich nicht, weil man damit nur den Rechten in die Hände spielte. Und über allem thront der Satz, dass Deutschland die Negativa der Integration aushalten müsse und damit ist auch gemeint, dass die anderen Deutschen, denen Negatives passierte, das Maul zu halten hätten, nämlich um die Integration nicht zu stören.

Migration ist gut für wen?

In Arbeit
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Deutschland muss tatsächlich eine große Idiotie in Sachen Migration aushalten, in dem nämlich pauschal, ideologisch bis zum Anschlag und um die eigenen Töpfe zu verteidigen, eine übermächtige Integrationsmafia in Staat und Gesellschaft diktiert, dass Integration moralisch und eben auch sogar zum Nutzen der heimischen Wirtschaft ohne Wenn und Aber und unlimitiert geboten und gut sei.

Gut für wen? Diese Frage muss in den Mittelpunkt des öffentlichen Diskurses gerückt werden. Es ist schön, wenn viele Menschen aus dieser Welt nach Deutschland kommen wollen und es ist auch schön, dass viele Deutsche gern in die weite Welt reisen. Die Einfalt der Vielfältigkeitsideologen, die die Integrationspolitik und die damit im Zusammenhang stehende Bildungspolitik beherrschen, nervt jedoch gewaltig und schadet der Sache langfristig. Zwei Einfältigkeitspinsel machen in Summe nicht Vielfalt, sondern akkumulieren den Ungeist zu noch mehr Einfalt. Diese Einfalt kann ein Land allerdings nur bis zu einer bestimmten Grenze aushalten.

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