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Bettina Röhl direkt

Der Fluch des billigen Geldes

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Der Fetisch des billigen Geldes

Erst sollte das massenhafte billige Geld die Wirtschaft ankurbeln, dann sollten die nicht mehr zu schulternden Schulden durch Inflation null und nichtig gemacht werden. Jetzt soll Deflation mit billigem Geld im Keim erstickt werden. Über allem schwebt der Gedanke, dass die Konstruktionsmängel des Euro mit billigem Geld zugeschüttet werden; und dass die mit billigem Geld in die Sackgasse getriebenen Euro-Krisenländer jetzt mit billigem Geld aus der Krise wieder herausgeholt werden sollen.

Der Fetisch des billigen Geldes, das eben gerade nicht die glänzende Wunderwaffe ist, ist eine fatale Angelegenheit. Märkte funktionieren auf Dauer nur, wenn es Märkte sind. Jeder artifizielle Eingriff, auch der durch unangemessen billiges Geld, zeitigt auf Dauer mehr Verwerfungen, als dass er Gutes bringt. 

Es ist ein Segen, dass die Bundeskanzlerin Angela Merkel, schwach genug, auf die Bremse tritt. Das billige Geld hat in den Eurokrisenländern verkrustete, veraltete Strukturen in genau die falsche Richtung unterstützt. Das billige Geld hat in all diesen Ländern ein falsches Konsumdenken und ein falsches Besitzstanddenken erzeugt und falsche Träume von Renten, Sozialleistungen und vielerlei Wohltaten wachsen lassen. Zuflüsse nicht selber verdienten billigen Geldes landen fast immer in den Taschen weniger Subventionsgewinner. Das ist der Fluch des billigen Geldes eigener Art.

Nur die Wettbewerbsfähigkeit auf den Weltmärkten hat das billige Geld dort am wenigsten gefördert. Und trotzdem heißt es, dass die Volkswirtschaften dort nur mit noch mehr billigem Geld anzukurbeln wären.

Das billige Geld ist für Großschuldner wie Staaten oder sogenannte systemrelevante Banken auf den Weltmärkten nur zu generieren, wenn ihre eigene Wirtschaftsleistung ausreicht, um die Kredite zu bedienen. Das ist bei den Krisenländern bekanntermaßen nicht der Fall, weshalb in unterschiedlichster Form wirtschaftlich solide Länder wie zum Beispiel die Bundesrepublik als Ersatzschuldner einspringen sollen. Das nennt sich dann Solidargemeinschaft auf höchstem Niveau. Von der Vergemeinschaftung der Schulden, die es im europäischen Wirtschaftsbereich de facto längst gibt, wird gesprochen, als brächte sie eine positive Veränderung des Status quo.

Massiver Sachverstand statt ein bloßes "weiter so"

Wenn allerdings die Schuldenunion und ähnlich die Bankenunion nichts weiter bedeutet als ein bloßes "weiter so", dann sind diese monströsen Konstruktionen sehr untaugliche Mittel, die vielen Finanz-und Wirtschaftskrisen zu lösen, um die es sich in Wahrheit handelt.

Kurzfristige Konjunkturspritzen, intelligent und gezielt eingesetzt, haben ihre Existenzberechtigung. Konjunkturspritzen auf Ewigkeit sind allerdings keine Konjunkturspritzen mehr, sondern stellen das wirtschaftliche Geschehen auf den Kopf. Irgendwann, wenn die Blasen platzen, muss die Rechnung bezahlt werden. Von den Schuldern oder von den Geldgebern selbst, die sich die Nase wischen.

In Arbeit
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In Europa braucht es den Mut, regionale Unterschiede in Sachen Wirtschaftsleistung und Einkommen als normal anzusehen und keinen falschen Egalismus zum Dogma zu erheben. Es braucht auch den Mut, Branchenunterschiede zu akzeptieren und ein diversifizierteres Bild vom wirtschaftlichen und finanziellen Geschehen zuzulassen, als dies im Moment der Fall ist. Die mit dem billigen Geld gezündete Rakete sanft zur Landung zu bringen, ist angesichts der Fallhöhe, die jeden Tag ansteigt, fürwahr ein Kunststück, für das es bisher keine rechte Anleitung gibt - außer das Prinzip Hoffnung darauf, dass alles gut wird.

In seinem Beitrag "Die EZB mutiert zur Bad Bank"  hat Hans-Werner Sinn den Status quo für jedermann verständlich aufgefächert. Nicht zum ersten Mal. Die sehr eigenmächtige Politik von Mario Draghi, der die Kompetenzen und Zuständigkeiten der EZB gern überschreitet und Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichtes für eher irrelevant erachtet, lässt sich, wenn überhaupt, nur moderieren, wenn sich der wirtschaftliche Sachverstand massiv zu Wort meldet, so wie es Hans-Werner Sinn jetzt beispielhaft getan hat.

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