WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen
Bettina Röhl direkt

Der alles erdrückende Konsens der Bundesrepublik

Seite 6/6

Der Koalitionsvertrag trägt die Handschrift Sigmar Gabriels

Berufliche Perspektiven für Ex-Abgeordnete
Die Fünfzig gerade überschritten und noch nie in einem Unternehmen gearbeitet: Wäre Dirk Niebel in den Neunzigerjahren jemand mit einem solchen Lebenslauf untergekommen, er hätte ihn vermutlich eher früher als später in die Kartei "Arbeitnehmer mit Vermittlungshemmnissen" einsortiert. Heute steht der ehemalige Jobvermittler und Noch-Entwicklungshilfeminister selbst vor diesem Problem: Er braucht einen Job - mit eben diesem Profil. Als Minister und Abgeordneter hat er ausgedient, aber bis zum offiziellen Rentenalter noch mehr als anderthalb Jahrzehnte vor sich. "Ein B-Kandidat", sagt der Frankfurter Personalvermittler Heiner Fischer. "Für Niebel sind die fetten Jahre vorbei." Der 45-Jährige ist Partner der auf Top-Managementpositionen spezialisierten Personalvermittlung Herbold Fischer Associates und hat für die WirtschaftsWoche die Lebensläufe der rund 200 Abgeordneten durchforstet, die nicht mehr im neuen Bundestag vertreten sein werden: Welche Ausbildung haben sie durchlaufen? Wie viel berufliche Praxis haben sie gesammelt, bevor sie zum Berufspolitiker mutierten? Wo könnten sie unterkommen? Und wie viel könnten sie verdienen? "Am schwersten wird es bei denen, die fast ihr ganzes Leben als Politiker gearbeitet haben", sagt Personalberater Fischer. "Die haben ja nie was Solides gelernt." Quelle: dapd
Dirk Niebel Quelle: dpa
Philipp Rösler Quelle: REUTERS
Guido Westerwelle Quelle: AP
Astrid Klug Quelle: Deutscher Bundestag Photothek Thomas Trutschel
Anton Schaaf Quelle: Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim Melde
Gabriele Groneberg Quelle: Deutscher Bundestag/Lichtblick/Achim Melde

Gabriel ist der Geniestreich gelungen, die Ministerposten, , die die Sympathiefelder tragen, von seiner Garde besetzen zu lassen. Familienpolitik, Arbeitsmarktpolitik, Außenpolitik, Wirtschafts-und Umweltpolitik, die hochideologisierte und sehr oft kontraproduktive Zuwanderungs-und Migrationspolitik sind in der festen Hand der SPD und die SPD ist es, die damit, gleichsam gelegentlich der normalen Tagespolitik ihrer Minister, die Weichen auf rot-rot-grünen Erfolgskurs für die Wahlen 2017 stellen kann.

Wenn sich die Dinge so weiter entwickeln, wie zur Zeit abzusehen ist, kann es trotz einer eigentlich konservativen Mehrheit in der Bevölkerung 2017 durchaus zu einem Machtverlust der Union kommen. Auch früher gab es trotz konservativer Mehrheitsverhältnisse in diesem Lande schon linke Regierungsbündnisse. Mit Gabriel hat die SPD einen von vielen unterschätzten Volkstribun an ihrer Spitze, der oft genug die Lacher auf seine Seite zu ziehen wusste und weiß. Er kommt locker daher und kaschiert seine ideologischen Verklemmungen recht geschickt. Da ist zum Beispiel seine Umweltministerin Barbara Hendricks. Die, das muss man wohl so sehen, stammt aus den alten, nicht tot zu kriegenden und bis heute nicht durchleuchteten (SED-Verwicklungen?) linken Seilschaften eines Johannes Rau. Auf der anderen Seite sitzt Ursula von der Leyen auf dem Schleudersitz des Verteidigungsministeriums, so dass sie als Merkelnachfolgerin und Unionszugpferd 2017 ausfallen dürfte. Und Merkel ist jetzt, nach Bestätigung der großen Koalition, die Hauptverliererin der Wahl vom 22. September.

Deutschland



So sehr die politische Nomen Klatura zu einer Konsensveranstaltung wird, so aktiv sind die inneren Fliehkräfte in der Gesellschaft. Das Land wird de facto immer unregierbarer und andererseits wird die große Koalition die Entsolidarisierung der Gesellschaft, siehe etwa die Beschlüsse zum Doppelpass, noch beschleunigen. König Gabriel I., Typ konservativer Bürgerkönig, hat als Verlierer der Wahl vom 22. September seinen persönlichen Durchmarsch an die Spitze fast geschafft. Und es gibt einen übermächtigen, alles erstickenden Konsens in dieser Gesellschaft, nämlich den, dass alle relevanten politischen Themen tabu sind.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Zur Startseite
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%