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Bettina Röhl direkt

Das wahre Gesicht des Populismus

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Der öffentliche Diskurs ist erstickt worden

Mainstreamkompatibel sind auch die meisten Vertreter der ehedem christlich konservativen Unionsparteien. Auch deren Vertreter, so sie nicht meinungslos, wenn nicht gar haltungslos sind, sind in wieder einem anderen Wortsinn "populistisch" auf den Mainstream gerichtet. Sie leben davon, dass die größte Wählergruppe, nämlich die der Unionswähler bisher nicht gemerkt hat, dass sie einer populistischen Partei ihre Wählerstimme geben.

Der massenmedialisierte Diskurs, der die eigentliche Demokratie ersetzt hat, ist erstickt worden in einer Legierung von unendlich vielen verschiedenen Populismusvarianten. Die einzigen, die nicht im klassischen Sinn "populistisch" sein können, sind die Minderheiten, die routinemäßig "populistisch" genannt werden. Warum können diese nicht populistisch sein? Ganz einfach, weil sie nämlich vergleichsweise kleine Minderheiten sind. Insofern liefern diese Minderheiten, unabhängig davon, ob sie etwas  Sinnvolles oder weniger Sinnvolles zum Euro, zu Europa, zur Bildungspolitik oder sonst sagen, einen Restbeitrag zur Demokratie.

Zum Schluss noch eine bittere Pille. Der herrschende Populismus, der mit der Vernichtungswaffe der Vokabel "Populismus" in der Hand die individuelle Meinung in der Bundesrepublik unterdrückt oder herabwürdigt, hat ein Klima erzeugt, in dem der berühmte vorauseilende Gehorsam der Menschen, egal, wo sie stehen und wo sie arbeiten und egal, ob sie Schüler oder Rentner sind, deren Handeln beherrscht. Ein Volk von Angsthasen ist im Entstehen.

Hassvokabel "Wutbürger"

Bis vor wenigen Jahren haben beinahe alle Repräsentanten der Nomen Klatura vom Bürger verlangt sich zu emanzipieren, sich einzubringen, mutig gegen den Strom zu schwimmen und seine Meinung zu äußern. Doch selbst diese Zeiten, die schon bis zum Anschlag verlogen waren, haben sich geändert. Mit der populistischen Hassvokabel "Wutbürger", eine Erfindung von Leuten, die sich bis eben noch selber nach oben wüteten, soll dem Volk das Maul endgültig gestopft werden. Und wer sich vielleicht mit besten Argumenten gar öffentlich zu Wort meldet, wird notfalls selbst dann, wenn er ganz individuell nur seine eigene Stimme erhebt, von "Oben" nach unten als "Wutbürger" oder "Populist" gerichtet und stigmatisiert.  Ein komisches Phänomen: Die echten Wutbürger und Populisten und Nutznießer des Sozialstaates in Gestalt der Linksautonomen werden von allen Vertretern des Establishments niemals als "Wutbürger" oder "Populisten" diffamiert. Ein sicheres Indiz für die Tatsache, dass der Mainstream eine klare Fließrichtung hat.

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Dass kaum einer in dieser Republik "links" lebt, dass kaum einer in dieser Republik das Prinzip Gender lebt, dass kaum einer in dieser Republik seine Ersparnisse an den Euro verlieren möchte, dass die Eliten sich höchst kapitalistisch bedienen und dies zu Lasten der breiten Massen, all dies stört niemanden wirklich. Warum nicht? Weil die weit überwiegende Mehrheit der Menschen sich in dieser Gesellschaft eingerichtet zu haben glaubt, allerdings in einer Gesellschaft, die die Freiheit des Gedankens in immer unanständigerer Weise verringert und einengt.

Die berühmten Shitstorms, die sich gelegentlich im Internet aufbauen, sind eine perverse Form der Entladung unterdrückter Individualität und eine gefährliche dazu. Es wird Zeit, dass populistische Bundespräsidenten und Bundeskanzler mit gutem Vorbild vorangehen und vielleicht einmal das Wagnis eingehen dem wahren Populismus in diesem Land den Kampf anzusagen. Der wahre Populismus, der sich zum Beispiel darin äußert, selektierte Minderheiten gebetsmühlenartig  öffentlich als "Populisten" zu bezeichnen, ist vor allem eins, nämlich ein öffentlicher Kotau, eine öffentliche Unterwerfung des Einzelnen unter die Macht und die Mächtigen im Staat.

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