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Bettina Röhl direkt

Experimente der Bildungsideologen schaden den Kindern

Bettina Röhl Publizistin

Dank der Bildungsministerin Waltraud Wende gehen die Grundschulen in Schleswig-Holstein ab sofort ohne Noten ins Rennen. Ein Angriff auf das Bildungssystem - mit fatalen Folgen für den Wirtschaftsstandort Deutschland.

Zeugnis Quelle: dpa

Schon klar: Aus Summerhill kamen schon immer die meisten Nobelpreisträger, vor allem in den MINT-Fächern. Aber so ein Nobelpreis ist wirklich verdammt ungerecht. Es handelt sich bei der noblen Auszeichnung um eine viel zu willkürliche und singuläre Belobigung, oder?

Am 25.August geht in Schleswig-Holstein die Schule wieder los. Das nördlichste Bundesland ist auf dem Weg nach Summerhill. Man darf gespannt sein, ob der schleswig-holsteinische Nachwuchs die Nobelcharts in Zukunft stürmen wird.

Denn dort läuft der Angriff auf die Schulnoten auf Hochtouren - zunächst in den Grundschulen. In der dritten und vierten Klasse, so das politische Leitbild, soll es keine Noten mehr geben. Das wurde vor wenigen Wochen in Kiel unter der parteilosen Bildungsministerin Waltraud "Wara" Wende beschlossen. Ziffernnoten seien "weder objektiv und verlässlich, noch differenziert und leistungsmotivierend".

Nur noch uneinsichtige, ewiggestrige Lehrer und Eltern dürfen - wahrscheinlich vorübergehend - jeweils auf ihrer Schulkonferenz Abweichendes beschließen und bei der Benotung bleiben. Auch der krönende Abschluss der Grundschule in Gestalt der Empfehlung für die weiterführenden Schulen wurde eingedampft. Es gibt keine Empfehlung mehr.

Ein weiterer Sieg der Ideologen unter den Pädagogen. Berlin und andere vornehmlich rot-grün beherrschte Bundesländer hatten bereits vorgelegt. Weitere Bundesländer werden folgen.

Was Schüler in der neunten Klasse können sollen

Der Selbstauflösungswahn der westlichen Gesellschaften

So schizophren, so gut: In Zeiten, in denen mehr oder minder intelligente Intelligenztests inflationär durch die Gesellschaft wabern, herrscht die Ideologie, dass es Intelligenz eigentlich gar nicht gibt; dass der IQ auf keinen Fall erblich bedingt ist; und dass es im Leben auf Intelligenz gar nicht ankäme.

Stattdessen gäbe es unendlich viele höchst unterschiedliche IQs bis hin zur berühmt-berüchtigten sozialen Intelligenz. Festzustellen bleibt, dass es bei allen Ideologien fast immer auch vernünftige Teilaspekte gibt, die allerdings an der großen Unvernunft der Ideologie nicht das Geringste ändern.

Egal ob Gender-Ideologie, Integrations- und Inklusionsideologien: Sie alle stehen für eine Art Selbstauflösungswahn, der auch die deutsche Gesellschaft befallen hat. Und in diesen Wahn gehört auch die vergleichsweise harmlos erscheinende Auflösung der Leistungsgesellschaft - diesmal in den Grundschulen.

Menschenexperimente zu Lasten von Kindern sind immer verwerflich. Aber das Moment der Verwerflichkeit im Bereich der Kindererziehung, des Kindeswohls allgemein, zeigt sich erst eine Generation später, wenn es sich überhaupt "zeigt". Deswegen haben Bildungsideologen heutzutage freie Hand und sie machen nach allen Regeln der Kunst Gebrauch von ihrer Narrenfreiheit. Seit dem ideologischen Bildungsurknall, den die 68er in die Gesellschaft hineingebombt haben, wird eine Bildungsreform nach der anderen mit unbewiesenen, unbeweisbaren oder gar längst wiederlegten stark-deutschen Thesen "begründet".

Ergebnisse des Vergleichs in Mathematik

Die späte Rache der 68er

Die parteilose Kieler Bildungsministerin Waltraud "Wara" Wende ist jetzt in Kiel am Drücker und sie will gleich noch mehr. Auch das ehrwürdige alte Gymnasium ist ihr ein Dorn im Auge. Die Ausbildung zum Gymnasiallehrer hat sie bereits abgeschafft und eine Einheitsausbildung für Lehrkräfte durchgesetzt. Ein mieser Trick, um die Schulbildung in Deutschland auf Einheitsbrei umzuschalten.

Dabei verfolgt sie ähnlich wie andere Bildungsreformer derselben Ideologie uralte, zum Teil 100 Jahre alte Hüte, deren Inhalt schon 100 Mal widerlegt wurden. Es ist also nicht einmal originell, was derzeit in Kiel und andernorts geschieht. Dahinter stecken immer noch bewusste oder unterbewusste Umbauphantasien der gesamten Gesellschaft, letzten Endes in Richtung eines marxistisch-maoistischen Einheitsmenschen.

Einziger Unterschied zu früher: Man sitzt jetzt am Hebel der Macht und setzt das, wofür man sich früher in Protestaktionen auf der Straße verausgabte, eiskalt am grünen Tisch durch. Die Lernfähigkeit der Bildungsideologen erweist sich als nicht vorhanden.

Die späte Rache von 68 sind die derzeit wieder aufgewärmten uralten Bildungskamellen, nach der Leistung nicht zählte, Kontrolle schadete, die exakten Naturwissenschaften überflüssig wären, Rechtschreibung und Grammatik Nebensache wären und die allgemeine und gleiche Glückseligkeit nur in der Idiotie höchst möglicher Verblödung zu erreichen wären. Nur eins ist für eine Karriere in einem derart verderbten System äußerst nützlich: Man sollte nämlich in der Lage sein, die tausende von Bildungsideologien  möglichst "eloquent" öffentlich durchdeklinieren zu können.

We don´t need no education!

Hier liegt der Fokus allerdings nicht auf der ideologischen Entgleisung der Bildungspolitik im Allgemeinen und im Konkreten, sondern auf einem anderen Aspekt. Deutschland bemüht sich Fachkräfte aus den europäischen Nachbarländern und aus dem fernen Ausland regelrecht zu importieren, weil in der einstigen Bildungsnation Deutschland geeigneter Nachwuchs nicht vorhanden ist.

Wer kennt sie nicht, die Schüler aus den reformpädagogischen Einrichtungen, die mit glühendem Eifer die Weisheiten ihrer überlegenen Einrichtungen lässig "reflektieren", von den dort tätigen Lehrern ganz zu schweigen. Deutschland steht als exportabhängige Wirtschaftsmittelmacht im Wettbewerb mit den Ländern, aus denen zum Nachteil dieser Länder die hier fehlenden Fachkräfte abgeworben werden. Fachkräfte, die dort unter eigentlich erschwerten Bedingungen ausgebildet wurden. Es sind Fachkräfte, die jederzeit in Heimatländer zurückkehren können, wenn sich dort die High-Tech-Industrien etablieren. Bereits seit langem werden Computerfachleute beispielsweise aus Indien gar nicht mehr hier her geholt, sondern die Arbeit wird direkt zu den Fachkräften nach Indien verlagert.

Können Sie diese PISA-Aufgaben lösen?

Bei Arbeiten in Indien konnte ich den Enthusiasmus von jungen Menschen erleben, die von ihrer eigenen Leistungsfähigkeit, die sie unter harten Leistungskontrollen erworben hatten, begeistert waren. Leistung macht eben Spaß. Und Leistung ohne Kontrolle ist fade und lasch. Auf dem Luxusniveau der Bundesrepublik lassen sich ideologische Experimente wohlfeil von Oben administrieren, und dies selbst gegen den demokratischen Willen der Mehrheit durchsetzen.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa, die erst wenige Monate alt ist, wollten 81 Prozent der Bürger Schulnoten behalten. Eine erdrückende Mehrheit der Lehrer, Eltern und Schüler will Leistungskontrolle, will Schulnoten.

Eine erdrückende Mehrheit der Eltern und Schüler will keinen ideologisierten Sexualunterricht, will auch nicht die Abschaffung der diversifizierten Schulen. Aber die Bildungsideologen wollen die Menschen und eben auch die schutzlosen Kinder zu ihrem vermeintlichen Glück zwingen.

So steht es um die deutsche Bildung
Ein Studium und eine gute Berufsausbildung zahlen sich in wirtschaftlichen Krisenjahren besonders aus. So gibt es für Akademiker und Meister in Deutschland laut dem aktuellen Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nahezu Vollbeschäftigung. Nur 2,4 Prozent von ihnen waren in der Bundesrepublik 2011 erwerbslos - während es im Schnitt der 30 wichtigsten OECD-Industrienationen 4,8 Prozent waren. Aber selbst für EU-Krisenländer wie Griechenland und Spanien gilt: Je höher die Qualifikation, desto niedriger die Arbeitslosenquote. Quelle: dpa
Laut dem Bericht ist die Zahl der Studienanfänger in Deutschland zwischen 2005 und 2011 von 36 auf 46 Prozent eines Altersjahrganges gestiegen - im Schnitt der anderen Industrienationen im gleichen Zeitraum von 54 auf 60 Prozent. 28 Prozent der jungen Deutschen zwischen 25 und 34 verfügen über einen akademischen Abschluss (OECD-Schnitt: 39 Prozent). Quelle: dpa
Als besonders positiv für die Bundesrepublik wird der überdurchschnittliche Anstieg der Studienanfängerzahlen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern herausgestellt. Und bei den Abschlüssen in diesen Disziplinen dringen zunehmend Frauen nach vorn: So ist in den Naturwissenschaften der Anteil der weiblichen Absolventen innerhalb von zehn Jahren von 27 Prozent auf 42 Prozent (2011) gestiegen. Quelle: dpa/dpaweb
Viele Akademiker lohnen sich auch für den Staat: Pro ausgebildetem Akademiker erhält der Staat in Deutschland über das gesamte Lebenseinkommen gerechnet im Schnitt 115.000 Euro mehr an Steuern zurück als er in die Studienkosten investiert hat. Erstmals hat der OECD-Bericht auch Nebenaspekte wie die Gesundheit von unterschiedlich gebildeten Bevölkerungsgruppen untersucht. Danach neigen Akademiker seltener zu Fettsucht und rauchen auch deutlich weniger. Quelle: dpa/dpaweb
Und eine gute Ausbildung zahlt sich aus: Akademiker verdienten 2011 nahezu zwei Drittel mehr als Absolventen einer Lehre. Im Jahr 2000 waren dies erst 40 Prozent mehr. „Bei Spitzenqualifikationen hat die Bundesrepublik nach wie vor Nachholbedarf“, sagte OECD-Experte Andreas Schleicher. Dies schlage sich auch in den hohen Gehälter für Akademiker nieder. In Deutschland ist der Einkommensunterschied zwischen Akademikern und beruflich ausgebildeten Fachkräften in den vergangenen zehn Jahren laut OECD sprunghaft gestiegen, und zwar um 20 Prozentpunkte. Das ist mehr als in jeder anderen Industrienation. Quelle: dpa
Doch auch eine sehr gute Ausbildung schützt nicht vor Gehaltsunterschieden: In Deutschland verdienen Frauen nur etwa 74 Prozent des Gehalts der Männer. Besonders deutlich wird der Unterschied bei Spitzenfunktionen. So erhalten 43 Prozent der Männer mit akademischer Qualifikation mehr als das doppelte des Durchschnittseinkommens. Bei den Frauen sind dies hingegen nur 11 Prozent. Als eine mögliche Begründung verweist der Bericht darauf, dass 56 Prozent der Frauen mit akademischem Abschluss nur Teilzeit beschäftigt sind, während dies nur für 19 Prozent der Männer gilt. Quelle: dapd
Bei den Doktorarbeiten liegt Deutschland im weltweiten Vergleich an der Spitze. 2,7 Prozent eines Altersjahrganges schließen ihre akademische Ausbildung mit einer Promotion ab. Nur in der Schweiz (3,2 Prozent) und Schweden (2,8) werden mehr Doktorhüte vergeben. Quelle: dpa

Der Bildungszug fährt unaufhaltsam in die falsche Richtung

Die Wettbewerbsfähigkeit wird entgegen dem logikfreien Gerede von der höheren Gerechtigkeit zum Schaden des Standortes Deutschland und zum Schaden jedes einzelnen jungen Menschen für sein Leben gnadenlos herabgesetzt. Ein falscher Egalismus mit seit 68er-Zeiten falsifizierten, sehr primitiven Denkansätzen hat sich derart etabliert, dass es keinen wirklichen Ausweg mehr zu geben scheint. Der Bildungszug fährt unaufhaltsam in die falsche Richtung.

Ob der Staat, der sich gern an einzelnen Fällen festbeißt und Eltern wegen Verletzung oder angeblicher Verletzung der Schulpflicht mit besonderer Härte verfolgt, seiner Beschulungspflicht mit den immer neuen revolutionierten Bildungsreformen noch uneingeschränkt gerecht wird, kann man bezweifeln. Allerdings: In einer Zeit, in der die Bildung im Würgegriff der Ideologen verfangen ist, einen Richter zu finden, der die Beschulungspflicht durchsetzt, dürfte unmöglich werden.

Der Alltag an deutschen Schulen ist längst frei von dem angeblich so abschreckenden Leistungsstress, von  Obrigkeitsattitüden, von den so furchtbar demotivierenden Leistungskontrollen. Es braucht die Ideologien der selbsternannten Wohlmeiner nicht. In China, in Indien, in den Ländern der zweiten und selbst der dritten Welt, werden mit viel Disziplin und eben auch Kontrolle die Leistungsträger der Zukunft herangezogen, die den Kindern, die im Muff des westlichen Bildungsirrsinns ihr Wissen akkumulieren mussten, den Rang ablaufen werden. Dann ist Schluss mit dem Luxus immer neuer Bildungsreformen. Und ob eine Gesellschaft dann überhaupt noch Bildung kann, wird sich erweisen müssen.

Zensurenterror darf es nicht geben

Millionen von Homekickern haben die Fußballweltmeisterschaft verfolgt und vor ihren Fernsehgeräten manches Mal den Schuss los gelassen, der den Ball in das vom Lieblingsspieler  verfehlte Tor doch noch getragen hätte. Nur wenn diese Homekicker im Länderspiel auf dem Rasen gestanden hätten, hätten sie eine jämmerliche Figur gemacht, weil sie ihre Leistung in der konkreten Situation, wie es im Fussball neudeutsch heißt, nicht hätten abgerufen haben können. Will sagen: Leistungen, die jemand tatsächlich oder eingebildet im stillen Kämmerlein bringt, taugen nicht viel.

Nur die reproduzierbare und jederzeit kontrollierbare und abgelieferte Leistung zählt. Das wissen die jungen Fußballprofis ganz selbstverständlich, das weiß aber auch jeder Feuerwehrmann, jeder Chirurg, jeder Stuntman und auch jeder Autofahrer in brenzligen Situationen. Auf souverän beherrschte Leistung kommt es im Leben an. Das ist zugleich auch der Spaßfaktor. Und in Wahrheit spüren schon sehr kleine Kinder auf ihre kindliche Art Freude an ihrer eigenen Leistung. Was soll also das Dummgebräse der Spät-68er und der "Anti-Autoritären"? Was soll der Quatsch, dass kontrollierte Leistung, die in Wahrheit der Motivationsfaktor Nr.1 ist, motivationshemmend wirkte und abgeschafft gehörte?

Wollen Sie von einem Chirurgen operiert werden, der seine Examina nicht hat oder nicht bestanden hat oder mit dem nur ein lustiges soziales Gespräch zwecks Aushändigung der Approbation geführt wurde? Wollen Sie einen Anwalt , dem die beiden Staatsexamina fehlen, die Zulassungsvoraussetzung sind?

Schulkinder mit Deppen zu verwechseln und statt mit Leistungsanregungen mit Glasperlenspielen zu beschäftigen ist eine besondere Form von hoheitlichem Deppentum, das auch noch als besondere Fürsorge verkauft wird. Für wen eigentlich? Für irgendwelche anonymen und fiktiven Leistungsschwachen, die durch die Köpfe der Bildungsreformer geistern? Ja, es stimmt, Schüler sind schon in frühem Alter in starkem Maße unterschiedlich befähigt, unterschiedlich begabt, aber auch bereits unterschiedlich informiert. Und es gibt schon sehr früh konkrete Lernergebnisse im Leben, die ein sehr unterschiedliches Niveau aufweisen. Was soll also die Nivellierung ins Bodenlose nach unten?

Es gibt Sechsjährige, die ohne jeden Drill, aber mit Übung hervorragend schwimmen, hervorragend Fahrradfahren, hervorragend Klavierspielen oder hervorragend rechnen können. Wo sitzt eigentlich das Problem der Bildungsreformer? Unter was leiden sie, dass sie diese jeweilige Leistungen nicht auch anerkennen und zum Beispiel auch gegebenenfalls mit einer glatten 1 bewerten können. Leiden die Bildungsreformer unter eigenen Bildungskomplexen? Was ist da in Wahrheit los?

Zensurenterror, den darf es nicht geben, aber den gibt es auch bereits seit langem nicht mehr. Und die Abschaffung von Zensuren, die Abschaffung von Sitzenbleiben und Schulempfehlungen, die Abschaffung von leistungsbezogenen Schulformen sind die inverse Form von Leistungsterror. Die Reform - und Revolutionswut der Bildungspolitiker hat regelrecht neurotische Formen angenommen. Kein Tag ohne neuen Unsinn. Und der Unsinn wird immer härter und immer kinderfeindlicher und immer menschenverachtender.

Codes und Formeln statt Noten

Es ist so unendlich peinlich, die Bildungsscharlatanerien mitanzusehen und den Kindern, die etwas lernen wollen und sich auf die Schule freuen, erklären zu müssen, dass Schule wenig mit Wissensvermittlung und viel mit aufgedrehtem Geschwafel zu tun hat. Es ist in Wahrheit unmöglich, einem offenen neugierigen Kind zu erklären, dass eine Dada-Rechtschreibung, der gemäß jeder jedes Wort schreiben kann, wie es ihm gerade in den Sinn kommt, tatsächlich Schule ist oder umgekehrt, dass die Schule in ihren "reformierten" Teilen selber dada ist und zwar von der ersten Klasse an.

Natürlich ist es auch peinlich, einem Kind ein unendlich umständliches und langes, in Codes verpacktes Un-Zeugnis erklären zu müssen, das die Eltern am Ende des Schuljahres so in die Hand gedrückt bekommen. Eltern müssen mit der Enttäuschung von Kindern leben, die sich auf ihr Zeugnis gefreut haben.

Im Übrigen verwirrt die Hieroglyphen-Wirtschaft bei den Zeugnissen nicht nur Eltern und Kinder, sondern auch die Lehrer selbst, die plötzlich Kriterien bewerten sollen, die irrelevant oder nebensächlich sind, die dafür aber auf eine klare Benotung mit Erläuterungen, die es ja schon immer gab, verzichten müssen. Das große Verwirrspiel immer neuer Codes schafft nicht Gerechtigkeit und auch nicht Information und auch keine klaren Botschaften, sondern viel heiße Luft. Und viel Frust.

Natürlich gibt es nicht die ideale Schule, nicht den idealen Lehrer, nicht die ideale Bildung. Viele leistungswillige Schüler lassen sich mit Hilfe ihrer Eltern, die eigentlich nicht dazu da sind, ein ideologisiertes Anti-Bildungsangebot des Staates zu ersetzen, nicht daran hindern, ihren Leistungsweg zu gehen. Und da offenbart sich eine Schizophrenie, die auch nicht ganz neu ist.

In Arbeit
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Mit allem Egalismus soll den Kindern aus privilegierten Elternhäusern eigentlich jeder Wettbewerbsvorteil ausgetrieben werden. Tatsächlich aber überlassen es die Bildungsideologen eben diesen Elternhäusern, die gravierenden Systemmängel auszugleichen und für den fachkundigen Nachwuchs Sorge zu tragen, den der Wirtschaftsstandort Deutschland braucht.

Die sogenannten bildungsfernen Schichten haben fast gar keine Möglichkeit den Bildungsirrsinn auszugleichen. Gerade schwache Schüler, über deren zu verbessernde Bildungschancen so viel daher geredet wird, tragen in diesen ideologisierten, permanent reformierten Bildungssystem der Republik noch schwerer an ihrem Schicksal die für die Zukunft nötige Bildung und Ausbildung zu erfahren. Den bildungsferneren Schichten ist es im Zweifel auch viel schwerer zu vermitteln, dass sie von den ihnen zugedachten Bildungswohltaten des Staates nichts als Unbill haben.

Die grausame Selbstbefriedigung der permanenten Bildungsrevolutionäre war die erste Vorhut der auf ganzer Linie gescheiterten 68er und sie ist leider jetzt die gefährlichste Nachhut. Nicht selten sind es noch dieselben Personen, die ehedem als 18 bis 28-Jährige für den kulturrevolutionären Umsturz des Systems kämpften und die nun als 55 bis 65-Jährige zu Lasten ihrer eigenen Enkel den Bildungsirrsinn von damals in Bildungspakete pressen.

Und die Wirtschaft? Sie hilft sich mit eigenen, allerdings von den nämlichen Bildungsreformern entwickelten Eingangstests, die dann allerdings alles andere als gerecht und objektiv sind. Übrig bleibt catch as catch can.

Summerhill - gescheitertes Experiment oder Avantgarde?

Und klar: Natürlich ist Summerhill, die antiautoritäre Urschule aus den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts in England, nicht die Kaderschmiede der hohen Wissenschaft, sondern ein kläglich gescheitertes Experiment gewesen, jedenfalls nach der Lesart der konservativen Pädagogik. Jetzt allerdings, nachdem die neueste Welle der Reformpädagogik den Westen überrollt, reussiert Summerhill mit seinem freiwilligen Lernen wieder zur neuen uralten Avantgarde.

Allerdings immer noch auf unterstem Niveau. Und was passiert an den Universitäten? Die werden bekanntlich immer rigoroser verschult. Ein Reflex auf die allseits beklagte Niveaulosigkeit der Schulen?

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