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Frank Schirrmacher - der Aufreger

Bettina Röhl Publizistin

Der mächtigste Feuilletonist Deutschlands ist tot. Jetzt spricht sein Werk. Insbesondere sein Bestseller "Das Methusalem Komplott" verbreitete Angst und Schrecken unter seinen Altersgenossen.

Blumen neben einem Foto und dem Kondolenzbuch für den verstorbenen FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher. Quelle: dpa

"Die Bevölkerungsdynamik wird vom Sterben geprägt sein, nicht mehr von der Geburt. Gesellschaft und Kultur werden so erschüttert sein, wie nach einem lautlosen Krieg. Deutschland wird älter und zahlenmäßig schwächer werden - nach Schätzungen der UN im Jahre 2025 um zwölf Millionen Menschen. Das sind mehr als die Gefallenen aller Länder im Ersten Weltkrieg. Im Tierreich wäre diese Population zum Aussterben verurteilt. In der Anthropologie nennt man solche Arten: lebende Tote. "

Dieses Zitat verdankt die Menschheit Frank Schirrmacher, der im Alter von 54 Jahren am Freitag vergangener Woche starb. In seinem 2005 erschienenen Bestseller "Das Methusalem-Komplott", das sich vor allem an die deutsche Baby-Boomer-Generation, die Schirrmacher zwischen den Jahrgängen 1950-1964 ansiedelt und der er selber angehört, wendet, verbreitete er in ziemlich alarmistischer Weise Angst und Schrecken unter seinen Altersgenossen.

So wie die aktuelle große Koalition sich mit ihrem Werbegag, nämlich der Rente mit 63, bei den Baby-Boomern empfehlen wollte, war es ein marktstrategischer Schachzug Schirrmachers sich eben mit dieser Baby-Boomer-Generation  ein zahlenmäßig großes und gerade ideales Leserpotenzial auszusuchen. Die Baby-Boomer-Generation ist zahlungskräftig, geht auf die Rente zu, steht noch voll im Leben, spürt aber individuell an Körper, Geist und Seele die ersten Alterserscheinungen und die damit verbundenen Verlustängste. Bei Schirrmacher klingelte es im Portemonnaie. Ob sich die Rente mit 63 für die große Koalition auszahlt, bleibt allerdings abzuwarten.

Deutschland, der 1.Weltkrieg, zwölf Millionen Bevölkerungsverlust, lebende Tote, ein bisschen Tierreich und eine Population, die zum Aussterben verdonnert wäre - all dies presst Schirrmacher in einen Satz zusammen, um den Leser auf maximale Art Methusalem-Ängste einzujagen: Du wirst alt und überflüssig. Du wirst hilflos, du verkümmerst seelisch und dies egal, ob Du reich oder arm bist, krank oder gesund. Und Schirrmacher duzt dich, um dich in seine Apokalypse mit hineinzuziehen. Und gleich schießt er noch eine die Gesellschaft seit langem zerfressende Angst, die sich niemand ausspricht  und nicht einmal denkt hinterher. Er setzt die Altersangst in Korrelation zu Samuel Huntingtons "Clash of civilizations", "der nach dem Ende des Ost-West-Konflikts einen neuen Krieg der Kulturen, einen existenziellen Konflikt zwischen einem fundamentalistischen Islam und einem technologischsäkularen Westen herauf ziehen sah."

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