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Bettina Röhl direkt

Was hinter der Marke Alice Schwarzer steckt

Seite 6/10

Keine Reue in Sicht

Schließlich äußerte sich auch Schwarzer 2008 in ihrem Buch "Die Antwort" zu ihrem "Sündenfall" David Reimer, allerdings blieb sie krass uneinsichtig. Erstens, um etwas Persönliches zu sagen, verwies sie in ihrem Buch mehrfach auf Volker Zastrow und Eva Herman als diejenigen Journalisten, die den Fall aufgegriffen hätten und vermied es wie der Teufel das Weihwasser den Namen Bettina Röhl zu erwähnen, also die Journalistin, auf deren Artikel sie eigentlich antwortete.

Und zweitens überfällt sie auch dreißig Jahre nach ihrem "Hurra" über das damals begonnene Experiment nicht die mindeste Reue. Im Gegenteil. Als Grund dafür, dass das Experiment David Reimer zu einem Mädchen zu machen, missglückt sei, sieht sie ganz andere als medizinisch biologische Ursachen. Er sei eben sehr spät zu einem Mädchen erzogen worden: "Nur, das Kind hatte vor Beginn der Behandlung bereits 17 Monate als Junge gelebt; nach allem, was wir von frühkindlichen Prägungen wissen, gerade auch geschlechtsspezifischen, ist das viel. Und nicht nur die Eltern, auch die näheren Verwandten wissen um das Problem.(...) Das "Mädchen" bewegt sich in einem Umfeld, in dem die meisten Menschen wissen, dass es ein "Junge" ist."

Und sie kommt zu dem Schluss: " Wie auch immer, das traurige Leben von Bruce/David taugt wenig als Beleg für die Unabänderlichkeit eines so genannten natürlichen Geschlechtscharakters. Im Gegenteil: Es ist eher der Beweis für die gnadenlose Konstruktion dieser ganzen Geschlechternormen(...)In einer idealen, vom Geschlechtsnormen-Terror befreiten Welt, in der Menschen nicht in erster Linie Frauen und Männer wären - und Schwarze und Weiße etc.- sondern einfach Menschen, wäre das alles nur ein bedauerlicher Unfall gewesen, nicht mehr und nicht weniger.“

Der Wahnsinn der biologischen Geschlechterordnung

Schuld am Selbstmord von David Reimer vor zehn Jahren seien nicht etwa John Money und sein unmenschliches Experiment gewesen, sondern der Autor John Colapinto, der zusammen mit David Reimer im Jahr 2000 das Buch "Der Junge, der als Mädchen aufwuchs" veröffentlicht hatte.

Schwarzer in ihrer "Antwort" von 2008: "Für den Tod verantwortlich halten müsste man allerdings bei genauem Hinsehen nicht Money, den Reimer am Ende seines Lebens seit 22 Jahren nicht mehr gesehen hatte, sondern den Enthüllungsjournalisten Colapinto, dem die Story wichtiger war als die Rücksicht auf dieses schon so funktionalisierte Leben."  Für Schwarzer liegt der Fall klar: " Er ist 35, als das Buch erscheint, diesmal mit vollem Namen. Er ist 36, als er sich eine Kugel in den Kopf jagt." Das Buch von Colapinto, der sich klar auf die Seite von Reimer stellte, erschien allerdings, sowohl auf englisch als auch auf deutsch im Jahr 2000 und keineswegs ein Jahr vor Reimers Tod im Jahr 2004. 

Um Money zu retten, geht Schwarzer sogar ein wenig auf Distanz zu diesem, aber sie vermeidet es auf Distanz zu sich selbst zu gehen. Und in einem verquasten Wust von Behauptungen und Analysen" restauriert sie sofort wieder, was sie pro forma kritisierte. Der Fall Reimer zeigte nämlich, so Schwarzer, wohin der Wahnsinn der biologischen Geschlechterzuordnung der Mann-Frau-Ideologen führte. Statt das furchtbares Experiment an Reimer im Nachhinein als einen Fehler von Money zu brandmarken, und auch ihren eigenen damaligen Jubel selbstkritisch in Augenschein zu nehmen, hält sie Money weiterhin als großen Wissenschaftler hoch und greift diejenigen an, die zusammen mit Reimer selber das Experiment in Zweifel gezogen hatten, den Autoren Colapinto, aber auch die Eltern von Reimer, die sie abfällig "sektiererische Eltern" nennt:

 "Colapintos Ton zeigt, dass ihm die ganze Richtung nicht passt: die sexualwissenschaftliche und psychoanalytische Strömung - von Freud und Stoller bis Kinsey und Money - die zur "sexuellen Revolution" sowie zur Relativierung der Kategorien Männlich/Weiblich beigetragen hat. All diese Wissenschaftler analysierten das Zusammenspiel zwischen der Bildung einer sexuellen Identität (nach innen) und der Oktroyierung einer Geschlechterrolle (nach außen) und zogen den Schluss, dass dies vor allem Kultur und weniger Natur sei. Abfällig stellt Schwarzer fest: "Colapinto jedoch ist, ganz wie Bruce'/Brendas sektiererische Eltern, am Verstehen solch komplexer Zusammenhänge nicht interessiert. Er ist ein Anhänger klarer Verhältnisse: Mann oder Frau!"

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