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Bettina Röhl direkt

Peer Steinbrück zwischen rotem Filz und schwarzer Brautwerbung

Bettina Röhl Publizistin

Sodom und Gomorrha bei den Stadtwerken Bochum reißen den SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück mit in den Strudel.

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Altbundespräsident Johannes Rau Quelle: dpa/dpaweb

Frei nach Zarah Leander könnte man singen: Warum soll ein Sozi kein Verhältnis haben, kein Verhältnis haben, kein Verhältnis haben, mit dem Kapital? Wer den Kanzlerkandidaten der SPD in spe, Peer Steinbrück, einer kritischen Betrachtung unterzieht, wie es derzeit in den Medien und der Politik allerorten passiert, stößt neben Affären um Steinbrücks Nebentätigkeiten (Bochumer Stadtwerke) und neuerdings seiner Rolle als ehemaliger Kontrolleur (als Finanzminister oder Ministerpräsident der NRW-Landesregierung) der WestLB, auf das System Johannes Rau.

Das System Johannes Rau war ein umfassendes Gesellschafts-Geflecht mit Schwerpunkten auf den öffentlich-rechtlichen, aber auch auf privaten Medien und all dem, was in Wirtschaft, Justiz und Kultur und sonst von den Genossen erreichbar war. Steinbrück ist, um den historischen Kontext zu benennen, wie viele andere SPD-Genossen eben auch ein Produkt des Systems Johannes Rau, so wird man es wohl sagen dürfen.

Und zum System Johannes Rau, der zwanzig Jahre lang Ministerpräsident des Landes Nordrheinwestfalen war und dort drei Jahrzehnte maßgeblich wirkte und der es als Großschwiegersohn des früheren Bundespräsidenten Gustav Heinemann (erst CDU, später SPD) später selber zum Bundespräsidenten brachte, gehörte auch die öffentlich-rechtliche Bank namens Westdeutsche Landesbank (WestLB), die vom Genossen-und Rau-Intimus Friedel Neuber bis zu ihrem Absturz kurzfristig zur angeblich viertwichtigsten deutschen Großbank mit globalen Ambitionen "geführt" wurde. Von 1981 bis 2001 war Neuber Vorsitzender des Vorstands der WestLB und die wohl wichtigste Geldeminenz (genannt der "rote Pate" oder einfach die "Macht am Rhein") der SPD in der Geschichte der Bundesrepublik.

Das System Johannes Rau, der "rote Pate" und die WestLB

Zu den Kunden der WestLB gehörten seiner Zeit viele ebenfalls von Genossen geführte kommunale Institutionen und Einrichtungen (zum Beispiel auch Stadtwerke). Die WestLB war also nie eine Großbank, die im selben Wasser wie ihre Konkurrenten schwimmen musste, sondern sie hatte einige - so könnte  man es vielleicht nennen - systembedingte Wettbewerbsvorteile.

Die WestLB war vielleicht bei realistischer Betrachtungsweise auch eine Bank, die nach der Devise lebte, eine Genossenhand wäscht die andere Genossenhand. Bankmanager Friedel Neuber ist vom einfachen sozialdemokratischen Genossen und gelerntem Industriekaufmann zum gefeierten Big Banker aufgestiegen und dann gemeinsam mit seiner WestLB  auch persönlich ganz tief abgestürzt, viele Unregelmäßigkeiten inklusive. Und noch mehr Unregelmäßigkeiten um die Landesbank, um Neuber und vieler anderer Genossen wurden nach dem Eisbergprinzip vertuscht. So darf man es wohl sehen.

Raus schweres politisches Erbe

Die teuersten Vorträge von Peer Steinbrück
Die Deutsche Bank scheint zu den liebsten Auftraggebern von Peer Steinbück zu gehören. Unter mehreren Auftritten in der von ihm veröffentlichten Liste gehört beispielsweise ein Vortrag anlässlich einer Veranstaltung des Private Wealth Managements in Zusammenhang mit der Saisoneröffnung der Berliner Philharmoniker im August 2011 in Berlin. 15.000 Euro bekam der SPD-Politiker hierfür. Quelle: dpa
Die Bankentürme Frankfurts: Zum „Citi Research Day“ hielt Peer Steinbrück hier im Januar 2011 einen Vortrag, den er sich mit 15.000 Euro vergüten ließ. Die Rechnung ging an Citigroup Global Markets Deutschland. Quelle: dpa
Anlässlich ihres „Restructuring“-Treffens holten sich die Wirtschaftsprüfer von KPMG die rednerische Unterstützung von Steinbrück. Inklusive „Nebenkosten“ schlägt dieser Vortrag mit gut 15.700 Euro zu Buche. Quelle: AP
Auch eine der größten Banken Frankreichs holte sich den designierten SPD-Kanzlerkandidaten ins Haus: Für die BNP Paribas hielt Steinbrück im Februar 2010 einen Vortrag auf einer Fachkonferenz auf dem Petersberg – diesmal ohne Umwege über eine Redner-Agentur. Quelle: dpa
Zur Investorenkonferenz der Deutschen Bank in Wien sprach Steinbrück im Dezember 2009. Für seinen Vortrag, vermittelt über die Agentur Celebrity Speakers in Großbritannien, bekam er 15.000 Euro. Quelle: dpa
Auch Privatbanken nehmen die Dienste von Peer Steinbrück gern in Anspruch – so wie beispielsweise Sal. Oppenheim in Köln, eine Tochter der Deutschen Bank. Hier hielt Steinbrück im April 2012 für 15.000 Euro einen Vortrag im Rahmen einer Investmentkonferenz. Quelle: dpa
Ebenfalls über Celebrity Speakers kam Peer Steinbrück zu einem Vortrag für das 10. Investorenforum von JP Morgan in Frankfurt. Zu den gewohnten 15.000 Euro Honorar kamen knapp 400 Euro an Nebenkosten. Quelle: Reuters

Jedenfalls haben weder die Justiz noch die Zunft der Historiker noch die notorisch unter dem System leidenden bürgerlichen Parteien je etwas gegen das System Rau in NRW ausrichten können. Bis heute ist das System Rau weit davon entfernt seinen angemessenen Platz in der Geschichtsschreibung der jüngeren deutschen Geschichte gefunden zu haben und weit davon entfernt, seine negativen Wirkungen auf die deutsche Demokratie und natürlich seine negative Wirkung auf das Land NRW bescheinigt bekommen zu haben:   

Die Verschleppung der Modernisierung Nordrhein-Westfalens, sprich die Transformation der Wirtschaft weg von der Montan-Industrie hin zu einem Silicon Wuppertal ist ein schweres politisches Erbe des Johannes Rau, dessen Flugaffäre 1999, die gar nicht so unheftig war und die ebenfalls mit der WestLB und Friedel Neuber zu tun hatte, er als Bundespräsident routiniert atomisierte; anders als der aus dem Bundespräsidialamt geschasste Christian Wulff verharrte Rau bestens beleumundet im Schloss Bellevue.

Peer Steinbrück und die Bochumer Stadtwerke

Steinbrück ist von der Rau-Schule geprägt. Peer Steinbrück war vier Jahre lang von 1986 bis 1990 als Büroleiter des Ministerpräsidenten ein enger, ja engster Mitarbeiter von Rau und er war in NRW ja auch selber von 1998 bis 2002 Minister, erst Wirtschaft, dann Finanzen, bis er 2002 als Nachfolger von Wolfgang Clement selber Ministerpräsident von NRW wurde und damit auch, untechnisch gesprochen, oberster Chef zum Beispiel der Bochumer Stadtwerke war, die sich jetzt als societygeile Spendierhosenträger erwiesen haben.

Dass die Bochumer Stadtwerke wohl weniger  Honorare als vielmehr Geschenke verteilt haben, tritt allmählich zutage, seitdem Buchprüfer bei den Stadtwerken rund um den sogenannten Atrium Talk, einer Art Lustveranstaltungsreihe der Stadtwerke mit prominenten Gästen, ein kleines Sodom und Gomorrha zutage gefördert haben: riesige Summen für Catering, Musiker, Ausstattung, was mit dem Kerngeschäft eines öffentlichen  Versorgungsunternehmens nicht das Mindeste zu tun hat, schlampige Verträge, undefinierte Gegenleistungen, überbezahlte Stargäste. Und mittendrin ein Peer Steinbrück, der demnach in Bochum nicht einmal eine Rede gehalten hat, wovon viele bisher ausgingen, sondern für seine zweistündige Teilnahme an einem bloßen Plausch über sein eigenes Leben vor gerade mal 184 geladenen Zuhörern 25.000 Euro "Honorar" kassiert, oder besser 25.000 Euro geschenkt bekommen hat.

Geschönte Berichte

Peer Steinbrück Quelle: dpa

Bei allem scheint der Prüfungsbericht über die Machenschaften in den Bochumer Stadtwerken auch noch geschönt zu sein. Der CDU-Fraktionschef Klaus Franz im Bochumer Stadtrat weist laut der "Welt" darauf hin, dass die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, die den Bericht vorgelegt hat, nicht Teil der Lösung, sondern Teil des Problems sein könnte, da ausgerechnet diese Wirtschaftsprüfungsgesellschaft seit einigen Jahren in engster Zusammenarbeit mit der Stadt Bochum deren Jahresabschlüsse und Bücher erstellt und prüft, also durchaus befangen sein dürfte. Dementsprechend zeichnet das Gutachten die Verantwortlichen der Stadtwerke und der Stadt letzten Endes doch irgendwie frei und bezeichnet die Eigenartigkeiten und Auffälligkeiten letzten Endes dann doch nicht als katastrophal.

Wirtschaftliche Interessen verletzt

Nach allem, was man bis jetzt weiß, müssten allerdings der kaufmännische Geschäftsführer der Stadtwerke, Bernd Wilmert und die SPD-Oberbürgermeisterin Ottilie Scholz, Aufsichtsratschefin der Bochumer Stadtwerke, unabhängig von der Frage, ob strafbares Verhalten vorliegt und was die weitere Aufklärung sonst noch zu Tage fördert, ihren Hut nehmen. Und zwar weil sie die wirtschaftlichen Interessen der von ihnen vertretenen oder beaufsichtigten Stadtwerke in sehr unschöner Weise verletzt haben.

Ist diese Bochumer SPD-Affäre also eine lokale nachlaufende Variante des früheren Systems Rau, in dem allzu vielen Genossen jedes Halteseil immer wieder neu fehlte? Ein bisschen sieht es so aus.

Steinbrück hat diesen Fall mit seiner unbeholfenen Transparenzoffensive und wegen seiner persönlichen Karrierepläne, Kanzlerkandidat werden zu wollen, unfreiwillig ins Rollen gebracht und steht jetzt immer noch mitten in der sich auswachsenden Affäre. Nichts ist vorbei und ausgestanden.

Natürlich weiß ein gewiefter Steinbrück, der ja auch Finanzminister und Referent verschiedener Hoheiten war und Wirtschaftswissenschaften studierte, dass die Vertreter von kommunalen Stadtwerken keine als "Honorar" umfirmierten Geschenke verteilen dürfen. Falsa demonstratio non nocet, sagen die Juristen, und das bedeutete auf diesen Fall angewendet, dass, wenn auf 25.000 Euro "Honorar" drauf steht, aber objektiv ein Geschenk drin ist, es also auch nicht ansatzweise eine adäquate Gegenleistung gegeben hat, es sich hinsichtlich seiner rechtlichen Einordnung um eben ein Geschenk handelt.

Ein solches Geschenk löst zum Beispiel Schenksteuern aus und kann demnach nicht, etwa im Rahmen einer Einkommensteuer als Einnahme gegen steuermindernde reale oder fiktive Positionen aufgerechnet werden, wie Peer Steinbrück es wohl getan hat, im Vollbewusstsein seiner allumfassenden Unschuld, die er nun seit Wochen vor sich her trägt.

Auch Steinbrück glaubt die Mär

Wenn Peer Steinbrück Klartext spricht
Die Grünen stoßen mit ihrer Idee eines fleischlosen Tags in den Kantinen auf Widerspruch. Auch SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hatte sich im Zuge eines Wahlkampfauftritts im BR-Fernsehen von seinem Wunschpartner Grüne mit dem ironischen Satz distanziert: "Die haben noch nicht mitgekriegt, dass es jetzt um die Wurst geht." Quelle: dpa
Zurück aus dem Urlaub gab Steinbrück der „Süddeutschen Zeitung“ Mitte August 2012 ein ausführliches Interview. Thema Nummer 1 war selbstverständlich die Euro-Krise. Zu dem Vorstoß von SPD-Chef Sigmar Gabriel, dass die Euro-Länder auf längere Sicht gemeinsam für ihre Schulden haften sollten, sagte Steinbrück: „Wenn Europa die richtige Antwort auf die Katastrophen des 20. Jahrhunderts ist, und wenn Europa die richtige Antworten auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts ist, dann wird sich dieses Europa einig aufstellen müssen.“ Quelle: rtr
Wenig später greift Steinbrück in dem Interview die Regierungskoalition an: „Wir sind im Zeitalter der Rettungsschirme längst in einer Haftungsgemeinschaft, an der die verbalen Kraftprotze von Union und Liberalen mitgewirkt haben. Umso dümmlicher sind die Vorwürfe von FDP und CSU, die SPD plädiere für einen ,Schuldensozialismus’.“ Quelle: dapd
Mit seinen 65 Lenzen sieht Peer Steinbrück in seinem Alter kein Hindernis für eine Kanzlerkandidatur. „Erfahrung und ein gutes Rüstzeug sind vielleicht mehr denn je nachgefragte Qualitäten. Offensichtlich erscheine ich vielen noch nicht als politisches Auslaufmodell“, sagte er Ende Juli der Zeitung „Bild am Sonntag“. Quelle: rtr
Auf dem SPD-Parteitag in Berlin Äußerte sich Peer Steinbrück zu den Steuersenkungsplänen der schwarz-gelben Regierung: „Diese sind nichts anderes als ein Pausentee für die FDP auf der Wegstrecke zur nächsten Wahl – manche sagen Abführtee. Ich nehme an, dass sich Wolfgang Schäuble jeden Tag in der Adventszeit eine, vielleicht zwei Kerzen ins Fenster stellt, damit die SPD im Bundesrat diesen Schwachsinn verhindert“. Quelle: rtr
Bundeskanzlerin Angela Merkel sprach Steinbrück ab, die europäische Geschichte zu verstehen. Sie habe keinen Zugang zur „europäischen Story“, sagte er auf dem Parteitag im Dezember 2011 in Berlin. Mit Blick auf Merkels Studium ätzte er: „Europa ist nicht Physik“. Quelle: rtr
Steinbrück über die FDP und ihren neuen Vorsitzenden Philipp Rösler ("Bild" vom 26.09.2011): "Eine Primanerriege, Leichtgewichte wohin man blickt. Bei manchem Interview von FDP-Chef Rösler denke ich: Das ist eine alte Loriot-Aufnahme. Diese Unbedarftheit und Naivität – Entschuldigung, wir reden hier vom deutschen Wirtschaftsminister und Vizekanzler." Quelle: rtr

Angesichts der Honorar-Nummern von Steinbrück setzte sich in der Öffentlichkeit zuerst die wohlwollende Meinung durch: Was kann der Steinbrück dafür, wenn sein Marktwert nun mal so hoch ist? Eine Mär, an die auch Steinbrück fest zu glauben scheint. Peinlich nur, dass Steinbrück nicht für einmalige intellektuelle und politische Hochleistungen, die man von ihm von seinen politischen Auftritten ja auch nicht kennt, exorbitant honoriert wurde, sondern offenbar für seinen hohen Unterhaltungswert.

Brillanter Rhetoriker oder traumatisierter Hamburger Jung?

Jetzt setzt sich die Meinung durch, dass Steinbrück eben ein "brillianter" Rhetoriker sei. Da wird allerdings Hamburger Starkdeutsch dann doch zu sehr veredelt. Die inzwischen berühmt gewordene Frittenbude, die besser gemanagt sei als die Energiewende (Zitat Steinbrück), ist so ein Steinbrückscher Spruch, der beweist, dass Steinbrück irgendwie ein bisschen traumatisiert sein könnte, nachdem er in seiner Jugend zwei Mal im Hamburger Johanneum sitzen geblieben war. Solcherlei Sprüche sind eines Kanzler in spe einfach unwürdig.

Steinbrück ist bestimmt ein netter Hamburger Jung, der ob seiner Parteikarriere manchmal die Bodenhaftung verliert, und er soll hier keineswegs als böser Rauianer gebrandmarkt werden. Er steht seinem früheren Chef, Wolfgang Clement, der mit Rau bekanntlich seine Probleme hatte, vielleicht näher als er dem Übervater Rau je nahe gestanden hat. Aber wer mit der Sänfte durch das System Rau nach oben getragen wurde, hat sicher einen sehr speziellen Lebenserfahrungsschatz und sein Handeln muss in diesem Licht betrachtet werden, jedenfalls dann wenn plötzlich ruchbar wird, dass er bei Stadtwerken armer Gemeinden oder sonst in diesem Kontext sehr speziell erscheinenden Gastgebern getalkt und kassiert hat.

Kompass verloren

Wer einem Stadtwerk in einem Vortrag die Formel verrät, wie man aus Gülle Gold macht, hat natürlich jedes Geld verdient. Wer aber nur aus seiner schön geredeten eigenen Vita Dönkes erzählt, weiß, dass der Mehrwert für ein öffentliches Stadtwerk Null ist und dass sich vielleicht ein paar promiversessene Stadtwerker ein Privatvergnügen zu Lasten ihres Dienstherrn genehmigt haben könnten.

Natürlich müssen sich auch die anderen Gäste des umstrittenen Atrium Talks wie zum Beispiel Joachim Gauck fragen, was sie dort eigentlich verloren hatten. Und wenn man über den Tellerrand der Steinbrück-Affäre hinaus guckt, mag es im Bereich von vorübergehend und endgültig ausgedienten Politikern noch deutlich ärgere vergleichbare Fälle im Laufe der Jahrzehnte gegeben haben.

Bei den Linken wäre es anders gelaufen

So viel verdienen unsere Politiker
Angela Merkel (Grundgehalt 208.260Euro)Sie ist der Grund der Forderung des Präsidenten des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK). Hans Heinrich Driftmann sagte der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": „Die wichtigsten Verantwortungsträger unserer Republik müssen anständig bezahlt werden. 500.000 bis 600.000 Euro für die Kanzlerin wären eine solche Größenordnung.“ Bisher verdient Merkel laut dem Bund der Steuerzahler monatlich 16.020 Euro - ohne Zulagen. Bei 13 Monatgehältern macht das für die Kanzlerin jährlich 208.260 Euro. Quelle: dpa
Joachim Gauck (199.000 Euro)Das Staatsoberhaupt erhält etwas weniger als die Kanzlerin. Bundespräsident Joachim Gaucks jährliche Besoldung beträgt 199.000 Euro. Quelle: dpa
Die Bundesminister (167.180 Euro)Für Merkels Kabinett sind monatlich 12.860 Euro je Minister vorgesehen. Das macht im Jahr 167.180 Euro - ohne Zulagen. Ob es sich für Bundesumweltminister Norbert Röttgen (Foto) da lohnt als Ministerpräsident nach Nordrhein-Westfalen zu wechseln? Quelle: dapd
Hannelore Kraft (199.756 Euro)Der Wechsel für Norbert Röttgen zum Landesvater von NRW würde sich finanziell auf jeden Fall lohnen. Die amtierende Ministerpräsidentin Hannelore Kraft gibt auf ihrer Internetseite an, ein Brutto-Amtsgehalt gemäß Besoldungsgruppe B 11 erhöht um ein Drittel zu bekommen. Die Besoldungsgruppe beträgt in NRW 11.524,40 Euro. Schlägt man noch ein Drittel drauf sind das monatlich 15.365,87 Euro – und jährlich 199.756,31. Quelle: dpa
Bundestagsabgeordnete (103.480 Euro)Unsere Volksvertreter im Bundestag erhalten monatlich 7.960 Euro - ohne Zulagen. Ab 2013 sollen die Diäten auf 8.252 Euro steigen. Nach derzeitigem Stand macht das jährlich 103.480 Euro. Quelle: dpa
Parlamentarische Staatssekretäre (180.310 Euro)Sie sind die Schnittstelle von Bundestag und Ministerien. Und da sie Abgeordnete und Staatssekretäre zugleich sind, erhalten sie laut dem Bund der Steuerzahler auch zwei Gehälter. Außer dem Amtsgehalt von rund 9.890 Euro gibt es noch eine verkleinerte Diät in Höhe von 3.980 Euro. Jährlich macht das dann 180.310 Euro. Quelle: dpa

Eins scheint aber festzustehen: Wenn die einstige Hasskappe des gesamten linken Lagers, Roland Koch, je den gleichen Honorarkomplex am Halse gehabt hätte wie Steinbrück, dann wäre der Fall sicher längst abgeschlossen gewesen. Koch wäre öffentlich ins Aus gehetzt worden, die CDU wäre ihm in den Rücken gefallen und Koch selber wäre mürbe und kleinlaut aus seiner Staatskanzlei geschlichen. Und nachkartend würde nur noch die Häme eine Rolle spielen und das Stigma: typisch schwarz, gierig, verantwortungslos, kriminell, Vetternwirtschaft, abgehoben, schlechtes Vorbild.

An Steinbrücks Krisenmanagement in eigener Sache wird deutlich, dass er - anders als er sich offenbar selber einschätzt und anders als er sich gibt - im Moment keinen verlässlichen Kompass hat.

Es geht nicht nur ums politische Programm

Sein "Antennenapparat" (O-Ton Steinbrück) hat eben nicht nur, wie er sagt, einmal versagt, vielmehr scheinen die Empfangsleistung seiner Antennen nachhaltig gestört. Wenn er ernsthaft davon überzeugt ist, dass er Millionenbeträge für seine privaten Auftritte zu beanspruchen hatte ( also "verdient hat"), dann ist er eine Belastung für seine Partei und es ist albern, wenn sich SPD-Leute und Gewerkschafter eilfertig hinstellen und sagen, Hauptsache Steinbrück hat das richtige politische Programm.  Im Übrigen ist Politik zunehmend personalisiert und Programme müssen durchgesetzt werden und da ist ein moralisch im Moment beschädigter Kanzlerkandidat nicht einfach so mit Treueschwüren vom linken bis zum rechten Flügel der SPD wieder aufs Pferd zu setzen.

Eher scheint es so, dass Steinbrück den Schock noch nicht voll überwunden hat. Da gibt es also noch erheblichen Handlungs-und Entscheidungsbedarf. Auch zu der Tatsache, dass Steinbrück jetzt tönt, was ihm alles öffentlich passiert und wie die Medien jeden Stein, was seine Person angeht, umdrehten, muss man feststellen, dass er objektiv immer noch von allen Seiten mit Glacéhandschuhen angefasst wird. Er muss nicht durch die von ihm irrig festgestellte Mühle gehen. Im Gegenteil, alle Kritik greift bislang sehr kurz. Und das gilt auch für die Kritik  von der anderen politischen Seite. Insbesondere die Unionsparteien halten sich mächtig zurück.

In den Berliner Hinterzimmern heißt es ja schon lange, dass die große Koalition ab 2013 im Prinzip schon abgekartete Sache sei und da schaut sich das Merkel-Lager natürlich ganz genau an, wer denn unter den SPD-Granden der unionskompatibelste Vizekanzler sein könnte. Da fällt die Wahl gewiss nicht zuletzt auf den konservativen Steinbrück. (Wer will in der Union schon einen Gabriel oder gar eine Nahles als Vizekanzler/in haben.) Steinbrück wird also in bürgerlichen Kreisen seine Fans haben.

Wahlsieg mit Kandidat aus der Mitte

Welche Koalitionen im Bund denkbar sind
Große Koalition aus Union und SPDVorteile: technokratisches Regieren, krisenerprobt, sichere Mehrheit Nachteile: schmerzhaften Reformen eher abgeneigt, schwache Opposition ist kaum als Korrektiv geeignet Wahrscheinlichkeit: groß Quelle: dpa
Ampel-Koalition aus SPD, FDP und Grünen Quelle: dpa
Jamaika-Koalition aus Union, Grünen und FDP Quelle: dapd
Bürgerliche Koalition aus Union und FDP Quelle: dapd
Schwarz-grüne Koalition aus Union und GrünenVorteile: verbindet Interessen von Ökonomie und Ökologie Nachteile: vereint Wähler mit unterschiedlichem Gesellschaftsbild, wenig Schnittmengen in der Wirtschaftspolitik Wahrscheinlichkeit: eher gering, weil beide Parteien zunächst andere Koalitionen ausloten Quelle: dpa
Rot-grüne Koalition aus SPD und Grünen Quelle: dpa
Rot-rot-grüne Koalition aus SPD, Grünen und LinkenVorteile: Rechnerische Mehrheit im linken Lager erreichbar Nachteile: Linkspartei gilt im Westen als kaum koalitionsfähig, SPD und Linke konkurrieren und misstrauen sich, Peer Steinbrück kann überhaupt nicht mit der Linken Wahrscheinlichkeit: ausgeschlossen

Auch die rote Fraktion in der SPD weiß bei nüchterner Betrachtung recht genau, dass ein Kandidat der Mitte, der Steinbrück gewiss ist, der SPD das bestmögliche Wahlergebnis im September 2013 einbringen wird. Und natürlich wollen die Genossen von der SPD lieber mitregieren und dazu müssen sie in der Mitte vor allen Dingen den Grünen Wähler abspenstig machen.

Genosse Gerhard Schröder hält Putin keine Vorträge und erläutert ihm das globale Gasgeschäft gar nicht erst. Davon versteht er ja auch viel weniger als Putin selber. Und er nennt das Ganze dann auch nicht Honorar, sondern kassiert gleich Managertantiemen in siebenstelliger Höhe. Und Joschka Fischer, der offenbar einen Stein bei Goldman Sachs im Brett hat, und von Wirtschaft ausweislich dessen, was er als Politiker öffentlich zum Thema zu sagen hatte, nicht die mindeste Ahnung hat, lacht sich in Sachen Honorare von Steinbrück sicherlich kaputt. So ist das mit den Linken oder ehemaligen Linken. Die haben eine starke Affinität zum großen Geld und dafür werden sie von den Konservativen, die sich immer gegen den Kapitalismusvorwurf wehren müssen, auch beneidet.

Steinbrück wirkt wie ein fideler, etwas aufgekratzter Frührentner

Der arme Steinbrück jammert, dass seine Gegner peinlich handelten, wenn sie ihm missgönnten, dass auch er als Sozialdemokrat Geld verdiente. Oh Peer, wenn Du das Geld nur "verdient" hättest!

Deutschland



Merkel findet also einen leicht lädierten Kontrahenten vor und der ist für sie gerade deswegen vielleicht besonders attraktiv. Steinbrück ist allerdings, unabhängig von seiner jetzigen Affäre, auf die er sehr dünnhäutig reagiert, etwas opahaft geworden, ein bisschen wie ein fideler aufgekratzter Frührentner, und da wäre das Ungewöhnliche natürlich drin, nämlich dass Steinbrück trotz aller Durchhalteschwüre verfrüht aufgeben oder als Kanzlerkandidat von der eigenen Partei fallen gelassen oder gar verjagt werden könnte.

Dass die sozialdemokratische Walküre Hannelore Kraft, die auch das System Rau intensiv kennen gelernt haben dürfte, plötzlich auf den Kanzlerschild der SPD gehoben wird und Steinbrück doch noch einen Rückzieher macht, ist im Moment jedenfalls nicht ausgeschlossen. Dann würde es für Merkel definitiv ungemütlicher und Deutschland wäre die erste Demokratie in Europa, die einem Stutenkampf um das Kanzleramt erleben würde.

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