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Bettina Röhl direkt

Sexismus: Ist Brüderle Opfer oder Täter?

Bettina Röhl Publizistin

Die Kampagne des "Stern" hat eine wirre und abwegige Diskussion ausgelöst. Die Spielzeugdebatte um ein Dirndl, einen Busenblick und eine Tanzkarte diskriminiert die wirklichen Opfer sexueller Gewalt.

Der Vorsitzende der FDP-Fraktion im Bundestag, Rainer Bruederle Quelle: dapd

Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Das gilt noch viel mehr für seine Imagination. Zu den schönsten Vorstellungen der meisten Menschen, auch in Deutschland, gehört es eine sexuell ausgefüllte Partnerschaft zu leben. Für viele gehören Familie, Kinder und Karriere dazu. Er guckt ihr auf den Busen. Und sie guckt sich ihn auch an. Und man scherzt und schwelgt, vielleicht auch sogar mal über die Größe des Busens oder über die anderen Größen. Und vor allem in welcher Stellung und mit welcher Praktik auch immer. Man schläft zusammen. Und das ist das Mindeste oder das Schönste, was sich zwei Leute in einer intimen Beziehung wünschen und in der Phantasie zur Erhöhung der Realität vielleicht noch viel mehr.

Vielleicht scherzt er: Mädel, zieh doch mal das Dirndl an! Und sie schätzt ihren kleinen Busen vielleicht realistischer ein oder freut sich darüber, dass er ihre herrliche Oberweite toll findet. Klar, dass das alles nicht unter dem Begriff Sexismus segelt, außer vielleicht in nachehelichen, nämlich in Scheidungsstreitigkeiten, wo dann im Nachhinein schmutzige Wäsche produziert wird. Klar, dass in einer Beziehung Dinge erlaubt sind, die unter Fremden verboten sind.

Die wichtigsten Sexismus-Urteile
Urteil wegen Brust-Belästigung IEin Chef eines städtischen Personalamtes wollte von Beamtenanwärterinnen die genaue BH-Größe wissen. Zudem erkundigte er sich, ob er sie "anmachen dürfe" und schlug Treffen zur "gemeinsamen Entspannung" vor. Das müssen sich die Frauen, die mit ihm arbeiten, nicht gefallen lassen. Der Beamte wurde seines Posten enthoben und um eine Position zurückgestuft, urteilte das Verwaltungsgericht Trier. Quelle: REUTERS
Urteil wegen Brust-Belästigung IIIm Einzelhandel fasste ein Verkäufer einer taubstummen Kollegin an den Busen. Er wurde gefeuert. Er wollte auf Wiedereinstellung klagen. Das Arbeitsgericht Frankfurt urteilte: Die fristlose Kündigung ist gerechtfertigt. Quelle: REUTERS
Machtausübung und BelästigungEin Firmenchef fasste den Körper seiner Mitarbeiterinnen wiederholt ohne erkennbaren Grund an und drängte sich nah an sie. Das Oberlandesgericht Frankfurt wies die Kündigungsschutzklage ab. Am Arbeitsplatz müsse man die allgemein übliche körperliche Distanz wahren. Wer dies nicht tut, der begeht eine sexuelle Belästigung, so die Urteilsbegründung. Quelle: dpa
SMS INoch so ein Beispiel, bei dem Machtausübung und sexuelle Belästigung einhergehen: Ein Vorgesetzter bedrängte eine Auszubildende per SMS und forderte sie zum Geschlechtsverkehr auf. Das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz urteilte: Weil sich Azubis in einer besonderen Abhängigkeit befinden, ist die fristlose Entlassung des Vorgesetzten gerechtfertigt. Quelle: dpa
SMS IIDie Grenzen zur Belästigung per SMS sind nicht immer eindeutig. Ein Bankangestellter flirtete mit einer Kundin per SMS und sprach sie in der Schalterhalle an. Die Frau fühlte sich belästigt. Doch die Kündigung des Mitarbeiters war nicht gerechtfertigt, wie das Landesarbeitsgericht Rheinland Pfalz urteilte. Der Angestellte machte sich allerdings des Datenmissbrauchs schuldig - er hatte die Telefonnummer der Frau aus der Kundendatei entnommen. Quelle: REUTERS
Belästigung mit dem SmartphoneDas Zeigen von Bildern mit modernen Handys hat seine Grenzen: Ein Krankenpfleger schickte einer Kollegin auf dem Mobiltelefon Bilder mit nackten Frauen und belästigte sie obendrein mit anzüglichen Anrufen, während er im Alkohol-Rausch war. Das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein urteilte: Die fristlose Kündigung ist rechtens. Quelle: dpa
Sex gegen GeldManche unmoralischen Angebote können mit Geldstrafen enden . Ein Mann bot einer Frau, die er gerade kennengelernt hatte, Geld gegen Sex an. Die Frau, die keine Prostituierte war, fühlte sich dadurch in ihrer Ehre verletzt. Wegen Beleidigung verurteilte das Oberlandesgericht Oldenburg den Mann zu einer Geldstrafe. Quelle: dpa

Anbaggern

In statu nascendi einer Beziehung leistet nach herrschender Meinung in den einschlägiger Wissenschaften bekanntlich die Frau die eigentliche Initialzündung. Sie sucht den Partner aus, angeblich nach ihr optimal erscheinenden Fortpflanzungsqualitäten und hoffentlich bestem Genmaterial. Sie sei es, die sich den Mann ausspäht und sich in Position setzt und der Mann, der Tölpel, beginnt sein Bestes zu geben und die Frau anzubaggern in dem Irrglauben, er sei der Herr des Geschehens und derjenige, der sich das Weib ausgesucht hätte. So ist ja auch die allgemeine Volksmeinung, der gemäß der Mann der Macher ist, der die Entscheidung trifft, welche Frau er ansprechen will, und die Frauen eher das Objekt.

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Die Frauen scannen also die Männer in ihrer Nähe ab und schauen sich das Objekt ihrer Begierde unauffällig, aber genau an. Von Kopf bis Fuß, was da so alles dran ist, was ihm gefällt oder was sie vermuten. Das alles läuft zwischen Unterbewusstsein und Bewusstsein in Sekundenschnelle ab und wenn eine Frau dann mehr will, brezelt sie sich unauffällig auf, lacht vielleicht etwas lauter, wendet sich in diese oder jene Richtung, zeigt die kalte Schulter, spielt herausfordernde Ignoranz, geht demonstrativ wohin. Das Arsenal der Möglichkeiten kennt keine Grenzen. Die Hauptsache, er beißt an. Und guckt und lächelt und macht den Pfau. Und kommt. Und spricht sie an. Und dann kommt er hoffentlich auch möglichst charmant, gekonnt, liebevoll, rasant, direkt oder wie auch immer zur Sache.

Das Sich-Kennenlernen

Brüderle schweigt zu Sexismus-Vorwürfen dauerhaft

Der Eingefangene, der sich einbildet der Jäger zu sein, und der auch in diesem Glauben von der Frau und der Gesellschaft bestärkt wird, guckt sich nun die Frau auch von Kopf bis Fuß an. Dabei streift sein Blick auch womöglich ihren Busen, ihre Taille, ihren Po, ihre Beine und vielleicht zurück zum Busen und natürlich zu ihrem Gesicht und ihrer Gesamterscheinung. Vielleicht interessiert ihn auch nur das Gesicht. Jedenfalls ist das Moment des Betrachtens ein starkes Moment in diesem Augenblick. Und sofort gehen die Träume los: Wie sie wohl aussieht, wie er sich wohl anfühlt. Und sofort gehen die Komplimente und die Frechheiten und vielleicht auch kleine erlaubte Grenzüberschreitungen los.

Zum Beispiel in Gestalt einer indiskreten Bemerkung, einer frechen Frage, der ersten Berührung, zufällig oder nur als zufällig getarnt usw. Die Menschheit wäre ausgestorben, wenn sich die überwiegende Zahl von heterosexuellen Männer und Frauen nicht auf die eine oder andere Art kennengelernt hätten und sich näher gekommen wären.
Flirten macht Spaß. Und in der Neo-Prüderie heutiger Zeiten nach den sexuellen Freizügigkeiten der sechziger und siebziger Jahre wird viel zu wenig geflirtet oder nur sehr indirekt und über die Bande, was oft nervig und nicht zielführend ist. Bei weitem muss Flirten nicht immer zu irgendetwas führen, aber reines Warmhalte-Flirten, was heute ja, vor allem in Büros auch in Mode ist, ist auf längere Sicht eher frustrierend.

Flirten macht Spaß!

Viele Indikatoren deuten darauf hin, dass Menschen heute mehr wechselnde Sexualpartner haben als in früheren Zeiten, dass aber die Zahl der Geschlechtsakte pro Woche, pro Jahr, pro Leben in der von Sexsymbolen wimmelnden modernen Welt abgenommen hat.
Die jüngeren Leute rasen in die Discotheken, Clubs und auf die Events, die es wie Sand am Meer gibt, rausgeputzt bis zum Anschlag, und dies gewiss nicht, um vom anderen Geschlecht oder vom Wunschpartner oder der Wunschpartnerin nicht angemacht zu werden. Schaut man sich die tägliche Realität an, wird mehr oder weniger geschickt, netter oder weniger nett, gebalzt, was das Zeug hält. Und das ist ja auch wirklich gut so.
Und das ist auch kein Phänomen, das sich auf die jungen Menschen allein beschränkt, im Gegenteil, die Attraktion der Geschlechter begleitet die Menschen bis ins höchste Alter. Menschen, die in festen Beziehungen leben, nehmen an diesem Spiel naturgemäß etwas retardierter teil, aber die heutige Gesellschaft ist auch eine Singlegesellschaft und eine Gesellschaft, die Trennung und Scheidung begünstigt. Und es ist eine Gesellschaft, die viele Substitute für Beziehung parat hält, vom Fitnessverein bis zur besten Freundin, vom Sado-Maso-Schuppen bis zum Swingerclub, Singlereisen oder Workshops, von Yoga bis Tantra.
Die Welt ist grell und laut. Und auch die schnelle Nummer, der One-Night-Stand, hat seinen anerkannten Stellenwert. Erlaubt ist, was gefällt. Das gilt mehr denn je. Und von Sex "and the City" bis Sonja Kraus und Daniela Katzenberger gilt, dass auch Frauen sich nehmen, was sie wollen.

Vergewaltigungen und sexuelle Straftaten

FDP stellt sich hinter Brüderle

Massenvergewaltigungen, die es auch in Deutschland gibt, sexuell motivierte Straftaten, die täglich passieren, das Leid vor allem von Schülerinnen unter sexuellen Übergriffen verbaler und tätiger Art von Mitschülern, und das jeden Schultag neu, ist nichts, was Seltenheitswert in Deutschland hat. Auch Zwangsverheiratungen, Inzestgeschehen und vieles mehr gibt es in diesem Land. All das spielt in dieser Gesellschaft, von punktueller Wahrnehmung abgesehen, keine wirkliche Rolle im öffentlichen Diskurs. Viele Phänomene dieser Art werden sogar von den Medien und der Justiz unterdrückt. Und die Täter erfahren die höchst mögliche Schonung, oft über alle Grenzen hinweg.
Und dann kommt jetzt der Stern daher, jenes eher unpolitische, mehr auf das Thema Gesellschaft fixierte Illustriertenmagazin, das immer noch davon zehrt in den siebziger Jahren die Playboy-Variante des Spiegel gewesen zu sein und mit seinen Titelbildern und Geschichten an der Sexfront ganz vorne mit den ersten nackten Brüsten Deutschlands als Massenware Kasse gemacht zu haben, und präsentiert eine zwölf Monate alte offenbar missglückte Hotelbar-Frotzelei des Rainer Brüderle mit einer Journalistin des Blattes.

Eine Geschichte, die keine Geschichte ist

Direkt hinter der Titelgeschichte, einem aufwändigen Dossier über die Tötung Osama bin Ladens, erzählt die Journalistin eine Geschichte, die keine Geschichte ist. Und deren Inhalt sich darauf beschränkt, dass Brüderle ihr nachts um halb 1 Uhr in der Bar des Maritim-Hotel Stuttgart, nach der Mammutveranstaltung des Drei-Königstreffens der Liberalen, beim traditionellen Chill-Out von FDP-Leuten, Journalisten und Gästen auf den Busen geschaut hätte, groß oder klein, und jedenfalls bemerkte, dass die Journalistin ein Dirndl ausfüllen könnte. Dann wird noch ein Handkuss vorgeführt, begleitet von der Bemerkung "Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen". Und dann zum Abschied nachts um 1 Uhr steuerte Brüderle mit seinem Gesicht noch ganz nah auf das Gesicht der Journalistin zu, die einen Schritt zurück wich und ihre Hände vor ihren Körper hielt. Und dann sei Brüderle bereits von der helfenden Hand seiner Sprecherin aus der Bar geführt worden.
Die Journalistin hatte das Intermezzo mit Brüderle mit der Frage eröffnet, wie er sich denn so fühlte als alter Knabe nochmal zum Frontmann der FDP avanciert zu sein. Und um es zu wiederholen: mit dieser Geschichte, die keine ist, tritt der Stern nun also an Deutschland endlich vom Sexismus säubern zu wollen.

Ist der Stern selber sexistisch und altersdiskriminierend?

Dass die Geschichte im Stern selber sexistisch und altersdiskriminierend aufgemacht ist, sei hier nur der guten Ordnung halber erwähnt. Auf der ersten Seite des einschlägigen Artikels gibt es ein Bild von Brüderle und daneben ein Bild der Journalistin, die Claudius Seidl zurecht durch die Blume Grünschnäbelin nennt. Und auf der zweiten Seite gibt es das offenbar gemeinsam alt gewordene Ehepaar Brüderle. Frau Brüderle, die mit der Story nichts zu tun hat, wird vom Stern in die Sache hinein gezogen. Sie könnte die Mutter der Journalistin sein. Will unterschwellig sagen: Brüderle ist ein notgeiler alter Bock, no Sex mehr mit der Alten und ergo auf sexistische Angriffe abonniert.
Dass der Stern eine solche hohle Nuss veröffentlichte, könnte außerdem der Tatsache geschuldet sein, dass zumindest einer der Chefredakteure des Stern der jungen Journalistenkollegin irgendwie ein wenig verfallen sein könnte und ihr einen richtigen Auftritt zuschustern wollte. Der erklärte Wille des Stern eine Anti-Sexismus-Kampagne ins Leben rufen zu wollen - so ist die Geschichte vom ersten Satz und der ersten Pressemitteilung an angelegt gewesen - ist jedenfalls auf der Basis der präsentierten Fakten peinlich, peinlicher, am peinlichsten. Und doch, man glaubt es kaum, ist die deutsche Medienwelt auf diesen dürren, ungenießbaren Köder einer wahnsinnig eitlen, sich selbst überschätzenden Journalistin, abgefahren wie Hölle.
Warum eigentlich? Bei solchen Mediendynamiken spielt naturgemäß der Zufall die Hauptrolle. Aber das wie ein an-und abschwellender Bocksgesang häufig durch die Öffentlichkeit geisternde Thema des sogenannten Sexismus war offenbar wieder einmal reif. Und plötzlich gab es einen wirklichen Shitstorm von Oben aus den etablierten Medien zu irgendeinem imaginären Thema Sexismus. Der Fall Brüderle diente nur noch als Trigger.

Medien legen mit echten sexuellen Übergriffen nach

Zehn Politiker-Patzer auf Facebook und Twitter
Julia KlöcknerBei der Bundesversammlung 2009 twitterte die CDU-Abgeordnete Julia Klöckner: "Leute ihr könnt wieder Fußball gucken. Wahlgang hat geklappt.“ Das Problem daran: Das offizielle Ergebnis vom Erfolg für Köhler wurde erst 15 Minuten später bekannt gegeben. Klöckner war Mitglied der Zählkommission. Sie verzichtete in der Folge auf das Amt der Schriftführerin des Parlamentes. Quelle: dpa
Steffen SeibertNachdem amerikanische Spezialkräfte das Versteck von Osama Bin Laden gestürmt und den al-Qiada-Führer getötet hatten, twitterte der Sprecher der Bundeskanzlerin Steffen Seibert: #Kanzlerin: „Obama verantwortlich für Tod tausender Unschuldiger, hat Grundwerte des Islam und aller Religionen verhöhnt." Seibert fiel schnell auf, dass er sich des Namens des amerikanischen Präsidenten bedient hatte, löschte die Nachricht und korrigierte sich. Quelle: dapd
Kristina SchröderHerzlich begrüßte die Bundesfamilienministerin Kristina Schröder ihren Kollegen Hans-Peter Friedrich auf Twitter. "Ich begrüße - wenn auch 14 Tage zu spät :-) - meinen Kollegen Innenminister @HPFriedrich auf Twitter!" schrieb sie. Dumm nur, dass hinter @hpfriedrich gar nicht der werte Kollege steckte, sondern ein Fake-Accout. Quelle: dpa
Sylvia LöhrmannWie Kristina Schröder fiel auch Sylvia Löhrmann auf falsche Freunde herein, allerdings auf Facebook. Das ZDF berichtete, die NRW-Ministerin habe Freundschaftseinladungen von Personen angenommen, die sie nicht kennt. Diese wiederum hätten sich den Spaß erlaubt und sie ohne ihr Wissen zum Mitglied einer Gruppe gemacht, die für Sportwetten im Internet wirbt. Löhrmann bemerkte dies erst, als die ZDF-Redaktion sie darauf ansprach. Löhrmann trat sofort aus der Gruppe aus, da Sportwetten nicht mit der Auffassung der Grünen über Glücksspiel konform sind. Quelle: dapd
Sebastian EdathyAuf Facebook tickte der SPD-Politiker Sebastian Edathy aus. Ein Fotojournalist wies ihn im Zuckerberg-Netzwerk daraufhin, dass er urheberrechtlich geschützte Fotos auf Facebook verwendet hatte. Edathy reagierte patzig und schlug dem jungen Mann vor, doch einfach Klage einzureichen. Als dieser noch einmal genauer nachfragte, reagierte Edathy heftig: „Sie können mich mal kreuzweise.“ Der Dialog ist auf Facebook nicht mehr zu finden. Sowohl das Gespräch als auch die angesprochenen Fotos wurden gelöscht. Quelle: dapd
Peter Altmaier@peteraltmaier ist ein wahres Twitter-Vorbild unter den Politikern. Einmal hat er sich jedoch einen ordentlichen Rüffel eingefangen. Als der damalige Bundespräsident Christian Wulff sich weigerte, Journalistenfragen zur Affäre um seine Privatkredite öffentlich zu beantworten, twitterte der heutige Bundesumweltminister: „Wünsche mir, dass Christian seine Anwälte an die Leine legt und die Fragen/Antworten ins Netz stellt.“ Damit verärgerte er auch Kanzlerin Angela Merkel, die bis dahin versucht hatte, die Geschichte zu deckeln. Altmaier entschuldigte sich daraufhin für seinen Tonfall. Quelle: dpa
Hubert AiwangerMutig war ein Mitarbeiter von Hubert Aiwanger, Chef der Freien Wähler, als dieser sich entschied Blondinenwitze auf dem Facebook-Profil seines Vorgesetzten zu posten. Der hingegen fand das gar nicht komisch und zog sich als Reaktion komplett aus Facebook und Twitter zurück.   Quelle: dpa

Der Stern legte nach mit einer ganz anderen Geschichte, die nichts mit dem Fall Brüderle zu tun hat und in der es um eine Männerhand von hinten unter einen Minirock fassend ging, und die Eskalation war nicht mehr zu bremsen. Nach einem jungen Vorbild aus England, bei der es allerdings um handfeste sexuelle Übergriffe von einem anonymen Täter an einer jungen Frau in der Silvesternacht ging, entstand in Deutschland unter dem Hashtag #Aufschrei eine Twitterkampagne, in der tausende von Tweets davon berichten, wie viele Frauen selber Opfer manifester sexueller Gewalt geworden seien.

Plötzlich beherrschten die schrillen Stimmen den öffentlichen Diskurs, demgemäß alle Frauen sexuelle Gewalt kennengelernt hätten und Männer dann eben doch kraft immanenter sexistischer, frauenfeindlicher Kräfte endlich zu zügeln wären. Die Gender-Ideologie, die in Deutschland geltendes Gesetz ist, operiert mit dem Unwort "Sexismus", was alles und nichts ist und auf unterschiedlichste Art interpretiert wird, herum als handelte es sich um ein justiziablen Terminus.

Spielzeugdebatten-Niveau

Die Tanzkarte von Brüderle in besagter Hotelbar und Massenvergewaltigung mit Todesfolge, besser Mord genannt - alles nur graduelle Unterschiede?

Das Spielzeugniveau der Debatte liegt im Ursprung, nämlich der Nullnummer, die der Stern veröffentlichte. Die Mord- und Totschlag-Szenarien, mit denen die Spielzeugdebatte inzwischen legitimiert und angereichert wurde, zeigt die Wahnanfälligkeit der Gesellschaft. Öffentliche Debatten entgleisen häufig. Hier muss man konstatieren, dass die Debatte, die mit einer Pippifax-Geschichte begonnen hat, vom ersten Moment an eine intellektuelle Geisterfahrt war. Und dies mit der Konsequenz, dass bislang den Opfern sexueller Gewalt im strafrechtlich relevanten Sinn eigentlich von ein paar aufgedrehten Girlies in den Medien (gemeint sind natürlich nicht echte Erfahrungsberichte sexueller Übergriffe von Betroffenen), die sich aufplustern, die Ehre und die Anerkennung abgeschnitten wird.

Der Fall Brüderle ist völlig ungeeignet in eine Diskussion um Vergewaltigungsphänomene und ernsthafte sexuelle Übergriffe und Belästigungen einzusteigen. Der Fall Brüderle ist auch nicht exemplarisch für ein männliches Einstiegsverhalten in kriminelles Tun. Im Gegenteil. Wer Tanzkarten verteilen möchte und Handküsse geben möchte und auf den Busen schaut, nachts um halb 1 Uhr in einer Hotelbar,. ist gerade nicht verdächtig und es gibt auch keinen Generalverdacht: du Mann, du Schwein. Aber auf der Wellenlänge läuft der Diskurs.

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Die Stern-Geschichte ist unjournalistische Denunziation

Bei Spiegel Online wurde gerade die Behauptung aufgestellt, du weißer Mann, du Schwein, du zu Recht aussterben. Wenn der Irrsinn den Diskurs übernimmt, dann wird es wirklich unerträglich für die echten Opfer sexueller Gewalt, die es in viel zu großer Zahl gibt. Und die nicht in überprivilegierten Situationen auf Posten sitzen, von denen aus sie ihre Meinung öffentlich multiplizieren können.

Die Stern-Geschichte ist nicht politischer Journalismus, sondern unjournalistische Denunziation, auf der Basis einer Geschichte, die, wenn sie sich denn so zugetragen hat nichts mit Sexismus zu tun hat, mit welchem Sinn man auch immer diese Worthülse anfüllen möchte. Real existierende Vergewaltigungen und handfeste sexuelle Übergriffe sind ungeeignet einen Brüderle zu bemakeln und die Stern-Kampagne zu legitimieren und aus der Journalistin ein Opfer zu machen. Sie ist kein Opfer. Sie ist Täterin einer Schmutzkampagne.

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