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Bettina Röhl direkt

Sexismus: Ist Brüderle Opfer oder Täter?

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Vergewaltigungen und sexuelle Straftaten

FDP stellt sich hinter Brüderle

Massenvergewaltigungen, die es auch in Deutschland gibt, sexuell motivierte Straftaten, die täglich passieren, das Leid vor allem von Schülerinnen unter sexuellen Übergriffen verbaler und tätiger Art von Mitschülern, und das jeden Schultag neu, ist nichts, was Seltenheitswert in Deutschland hat. Auch Zwangsverheiratungen, Inzestgeschehen und vieles mehr gibt es in diesem Land. All das spielt in dieser Gesellschaft, von punktueller Wahrnehmung abgesehen, keine wirkliche Rolle im öffentlichen Diskurs. Viele Phänomene dieser Art werden sogar von den Medien und der Justiz unterdrückt. Und die Täter erfahren die höchst mögliche Schonung, oft über alle Grenzen hinweg.
Und dann kommt jetzt der Stern daher, jenes eher unpolitische, mehr auf das Thema Gesellschaft fixierte Illustriertenmagazin, das immer noch davon zehrt in den siebziger Jahren die Playboy-Variante des Spiegel gewesen zu sein und mit seinen Titelbildern und Geschichten an der Sexfront ganz vorne mit den ersten nackten Brüsten Deutschlands als Massenware Kasse gemacht zu haben, und präsentiert eine zwölf Monate alte offenbar missglückte Hotelbar-Frotzelei des Rainer Brüderle mit einer Journalistin des Blattes.

Eine Geschichte, die keine Geschichte ist

Direkt hinter der Titelgeschichte, einem aufwändigen Dossier über die Tötung Osama bin Ladens, erzählt die Journalistin eine Geschichte, die keine Geschichte ist. Und deren Inhalt sich darauf beschränkt, dass Brüderle ihr nachts um halb 1 Uhr in der Bar des Maritim-Hotel Stuttgart, nach der Mammutveranstaltung des Drei-Königstreffens der Liberalen, beim traditionellen Chill-Out von FDP-Leuten, Journalisten und Gästen auf den Busen geschaut hätte, groß oder klein, und jedenfalls bemerkte, dass die Journalistin ein Dirndl ausfüllen könnte. Dann wird noch ein Handkuss vorgeführt, begleitet von der Bemerkung "Ich möchte, dass Sie meine Tanzkarte annehmen". Und dann zum Abschied nachts um 1 Uhr steuerte Brüderle mit seinem Gesicht noch ganz nah auf das Gesicht der Journalistin zu, die einen Schritt zurück wich und ihre Hände vor ihren Körper hielt. Und dann sei Brüderle bereits von der helfenden Hand seiner Sprecherin aus der Bar geführt worden.
Die Journalistin hatte das Intermezzo mit Brüderle mit der Frage eröffnet, wie er sich denn so fühlte als alter Knabe nochmal zum Frontmann der FDP avanciert zu sein. Und um es zu wiederholen: mit dieser Geschichte, die keine ist, tritt der Stern nun also an Deutschland endlich vom Sexismus säubern zu wollen.

Ist der Stern selber sexistisch und altersdiskriminierend?

Dass die Geschichte im Stern selber sexistisch und altersdiskriminierend aufgemacht ist, sei hier nur der guten Ordnung halber erwähnt. Auf der ersten Seite des einschlägigen Artikels gibt es ein Bild von Brüderle und daneben ein Bild der Journalistin, die Claudius Seidl zurecht durch die Blume Grünschnäbelin nennt. Und auf der zweiten Seite gibt es das offenbar gemeinsam alt gewordene Ehepaar Brüderle. Frau Brüderle, die mit der Story nichts zu tun hat, wird vom Stern in die Sache hinein gezogen. Sie könnte die Mutter der Journalistin sein. Will unterschwellig sagen: Brüderle ist ein notgeiler alter Bock, no Sex mehr mit der Alten und ergo auf sexistische Angriffe abonniert.
Dass der Stern eine solche hohle Nuss veröffentlichte, könnte außerdem der Tatsache geschuldet sein, dass zumindest einer der Chefredakteure des Stern der jungen Journalistenkollegin irgendwie ein wenig verfallen sein könnte und ihr einen richtigen Auftritt zuschustern wollte. Der erklärte Wille des Stern eine Anti-Sexismus-Kampagne ins Leben rufen zu wollen - so ist die Geschichte vom ersten Satz und der ersten Pressemitteilung an angelegt gewesen - ist jedenfalls auf der Basis der präsentierten Fakten peinlich, peinlicher, am peinlichsten. Und doch, man glaubt es kaum, ist die deutsche Medienwelt auf diesen dürren, ungenießbaren Köder einer wahnsinnig eitlen, sich selbst überschätzenden Journalistin, abgefahren wie Hölle.
Warum eigentlich? Bei solchen Mediendynamiken spielt naturgemäß der Zufall die Hauptrolle. Aber das wie ein an-und abschwellender Bocksgesang häufig durch die Öffentlichkeit geisternde Thema des sogenannten Sexismus war offenbar wieder einmal reif. Und plötzlich gab es einen wirklichen Shitstorm von Oben aus den etablierten Medien zu irgendeinem imaginären Thema Sexismus. Der Fall Brüderle diente nur noch als Trigger.

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