WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen
Benachrichtigung aktivieren
Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche informieren? Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft
Erlauben Sie www.wiwo.de, Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert
Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Themen der WirtschaftsWoche auf dem Laufenden. Sie erhalten 1 bis 3 Meldungen pro Tag.
Wiwo Web Push
Bettina Röhl direkt

Experimente der Bildungsideologen schaden den Kindern

Seite 2/4

We don´t need no education!

Hier liegt der Fokus allerdings nicht auf der ideologischen Entgleisung der Bildungspolitik im Allgemeinen und im Konkreten, sondern auf einem anderen Aspekt. Deutschland bemüht sich Fachkräfte aus den europäischen Nachbarländern und aus dem fernen Ausland regelrecht zu importieren, weil in der einstigen Bildungsnation Deutschland geeigneter Nachwuchs nicht vorhanden ist.

Wer kennt sie nicht, die Schüler aus den reformpädagogischen Einrichtungen, die mit glühendem Eifer die Weisheiten ihrer überlegenen Einrichtungen lässig "reflektieren", von den dort tätigen Lehrern ganz zu schweigen. Deutschland steht als exportabhängige Wirtschaftsmittelmacht im Wettbewerb mit den Ländern, aus denen zum Nachteil dieser Länder die hier fehlenden Fachkräfte abgeworben werden. Fachkräfte, die dort unter eigentlich erschwerten Bedingungen ausgebildet wurden. Es sind Fachkräfte, die jederzeit in Heimatländer zurückkehren können, wenn sich dort die High-Tech-Industrien etablieren. Bereits seit langem werden Computerfachleute beispielsweise aus Indien gar nicht mehr hier her geholt, sondern die Arbeit wird direkt zu den Fachkräften nach Indien verlagert.

Können Sie diese PISA-Aufgaben lösen?

Bei Arbeiten in Indien konnte ich den Enthusiasmus von jungen Menschen erleben, die von ihrer eigenen Leistungsfähigkeit, die sie unter harten Leistungskontrollen erworben hatten, begeistert waren. Leistung macht eben Spaß. Und Leistung ohne Kontrolle ist fade und lasch. Auf dem Luxusniveau der Bundesrepublik lassen sich ideologische Experimente wohlfeil von Oben administrieren, und dies selbst gegen den demokratischen Willen der Mehrheit durchsetzen.

Nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa, die erst wenige Monate alt ist, wollten 81 Prozent der Bürger Schulnoten behalten. Eine erdrückende Mehrheit der Lehrer, Eltern und Schüler will Leistungskontrolle, will Schulnoten.

Eine erdrückende Mehrheit der Eltern und Schüler will keinen ideologisierten Sexualunterricht, will auch nicht die Abschaffung der diversifizierten Schulen. Aber die Bildungsideologen wollen die Menschen und eben auch die schutzlosen Kinder zu ihrem vermeintlichen Glück zwingen.

So steht es um die deutsche Bildung
Ein Studium und eine gute Berufsausbildung zahlen sich in wirtschaftlichen Krisenjahren besonders aus. So gibt es für Akademiker und Meister in Deutschland laut dem aktuellen Bildungsbericht der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) nahezu Vollbeschäftigung. Nur 2,4 Prozent von ihnen waren in der Bundesrepublik 2011 erwerbslos - während es im Schnitt der 30 wichtigsten OECD-Industrienationen 4,8 Prozent waren. Aber selbst für EU-Krisenländer wie Griechenland und Spanien gilt: Je höher die Qualifikation, desto niedriger die Arbeitslosenquote. Quelle: dpa
Laut dem Bericht ist die Zahl der Studienanfänger in Deutschland zwischen 2005 und 2011 von 36 auf 46 Prozent eines Altersjahrganges gestiegen - im Schnitt der anderen Industrienationen im gleichen Zeitraum von 54 auf 60 Prozent. 28 Prozent der jungen Deutschen zwischen 25 und 34 verfügen über einen akademischen Abschluss (OECD-Schnitt: 39 Prozent). Quelle: dpa
Als besonders positiv für die Bundesrepublik wird der überdurchschnittliche Anstieg der Studienanfängerzahlen in naturwissenschaftlichen und technischen Fächern herausgestellt. Und bei den Abschlüssen in diesen Disziplinen dringen zunehmend Frauen nach vorn: So ist in den Naturwissenschaften der Anteil der weiblichen Absolventen innerhalb von zehn Jahren von 27 Prozent auf 42 Prozent (2011) gestiegen. Quelle: dpa/dpaweb
Viele Akademiker lohnen sich auch für den Staat: Pro ausgebildetem Akademiker erhält der Staat in Deutschland über das gesamte Lebenseinkommen gerechnet im Schnitt 115.000 Euro mehr an Steuern zurück als er in die Studienkosten investiert hat. Erstmals hat der OECD-Bericht auch Nebenaspekte wie die Gesundheit von unterschiedlich gebildeten Bevölkerungsgruppen untersucht. Danach neigen Akademiker seltener zu Fettsucht und rauchen auch deutlich weniger. Quelle: dpa/dpaweb
Und eine gute Ausbildung zahlt sich aus: Akademiker verdienten 2011 nahezu zwei Drittel mehr als Absolventen einer Lehre. Im Jahr 2000 waren dies erst 40 Prozent mehr. „Bei Spitzenqualifikationen hat die Bundesrepublik nach wie vor Nachholbedarf“, sagte OECD-Experte Andreas Schleicher. Dies schlage sich auch in den hohen Gehälter für Akademiker nieder. In Deutschland ist der Einkommensunterschied zwischen Akademikern und beruflich ausgebildeten Fachkräften in den vergangenen zehn Jahren laut OECD sprunghaft gestiegen, und zwar um 20 Prozentpunkte. Das ist mehr als in jeder anderen Industrienation. Quelle: dpa
Doch auch eine sehr gute Ausbildung schützt nicht vor Gehaltsunterschieden: In Deutschland verdienen Frauen nur etwa 74 Prozent des Gehalts der Männer. Besonders deutlich wird der Unterschied bei Spitzenfunktionen. So erhalten 43 Prozent der Männer mit akademischer Qualifikation mehr als das doppelte des Durchschnittseinkommens. Bei den Frauen sind dies hingegen nur 11 Prozent. Als eine mögliche Begründung verweist der Bericht darauf, dass 56 Prozent der Frauen mit akademischem Abschluss nur Teilzeit beschäftigt sind, während dies nur für 19 Prozent der Männer gilt. Quelle: dapd
Bei den Doktorarbeiten liegt Deutschland im weltweiten Vergleich an der Spitze. 2,7 Prozent eines Altersjahrganges schließen ihre akademische Ausbildung mit einer Promotion ab. Nur in der Schweiz (3,2 Prozent) und Schweden (2,8) werden mehr Doktorhüte vergeben. Quelle: dpa

Der Bildungszug fährt unaufhaltsam in die falsche Richtung

Die Wettbewerbsfähigkeit wird entgegen dem logikfreien Gerede von der höheren Gerechtigkeit zum Schaden des Standortes Deutschland und zum Schaden jedes einzelnen jungen Menschen für sein Leben gnadenlos herabgesetzt. Ein falscher Egalismus mit seit 68er-Zeiten falsifizierten, sehr primitiven Denkansätzen hat sich derart etabliert, dass es keinen wirklichen Ausweg mehr zu geben scheint. Der Bildungszug fährt unaufhaltsam in die falsche Richtung.

Ob der Staat, der sich gern an einzelnen Fällen festbeißt und Eltern wegen Verletzung oder angeblicher Verletzung der Schulpflicht mit besonderer Härte verfolgt, seiner Beschulungspflicht mit den immer neuen revolutionierten Bildungsreformen noch uneingeschränkt gerecht wird, kann man bezweifeln. Allerdings: In einer Zeit, in der die Bildung im Würgegriff der Ideologen verfangen ist, einen Richter zu finden, der die Beschulungspflicht durchsetzt, dürfte unmöglich werden.

Der Alltag an deutschen Schulen ist längst frei von dem angeblich so abschreckenden Leistungsstress, von  Obrigkeitsattitüden, von den so furchtbar demotivierenden Leistungskontrollen. Es braucht die Ideologien der selbsternannten Wohlmeiner nicht. In China, in Indien, in den Ländern der zweiten und selbst der dritten Welt, werden mit viel Disziplin und eben auch Kontrolle die Leistungsträger der Zukunft herangezogen, die den Kindern, die im Muff des westlichen Bildungsirrsinns ihr Wissen akkumulieren mussten, den Rang ablaufen werden. Dann ist Schluss mit dem Luxus immer neuer Bildungsreformen. Und ob eine Gesellschaft dann überhaupt noch Bildung kann, wird sich erweisen müssen.

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%